§ 1
Angesichts solcher Beweise darf man nicht lange bei andern nach der Wahrheit suchen. Ohne Mühe kann man sie von der Kirche in Empfang nehmen. In sie haben die Apostel wie in eine reiche Schatzkammer auf das vollständigste alles hineingetragen, was zur Wahrheit gehört, so daß jeder, der will, aus ihr den Trunk des Lebens schöpfen kann. Sie ist der Eingang zum Leben; alle übrigen sind „Räuber und Diebe“. Diese muß man deshalb meiden, alles aber, was zur Kirche gehört, auf das innigste lieben und die Überlieferung der Wahrheit umklammern. Sollte jedoch über eine unbedeutende Frage ein Zwiespalt entstehen, dann muß man auf die ältesten Kirchen zurückgehen, in denen die Apostel gewirkt haben, und von ihnen die klare und sichere Entscheidung über die strittige Frage annehmen. Hätten nämlich die Apostel nichts Schriftliches uns hinterlassen, dann müßte man eben der Ordnung der Tradition folgen, die sie den Vorstehern der Kirchen übergeben haben.
§ 2
Diese Anordnung befolgen viele Barbarenvölker, die an Christum glauben. Ohne Papier und Tinte haben sie ihr Heil durch den Heiligen Geist in ihren Herzen geschrieben, und sorgfältig bewahren sie die alte Tradition. An einen Gott glauben sie als den Schöpfer des Himmels und der Erde und alles dessen, was darin ist, durch Jesum Christum, Gottes Sohn, der aus überfließender Liebe gegen sein Geschöpf aus der Jungfrau geboren werden wollte, der in sich den Menschen mit 215Gott vereinigte, unter Pontius Pilatus litt, auferstand, in Herrlichkeit aufgenommen wurde und in Majestät kommen wird als der Erlöser derjenigen, die gerettet werden, und als Richter derer, die gerichtet werden. In das ewige Feuer wird er die Entsteller der Wahrheit und die Verächter seines Vaters und seiner Ankunft schicken. Die diesen Glauben ohne Schrift angenommen haben, sind hinsichtlich unserer Sprache zwar Barbaren, in Anbetracht ihrer Gesinnung, ihrer Gebräuche und ihres Lebenswandels freilich wegen ihres Glaubens höchst weise und Gott wohlgefällig, da sie in aller Gerechtigkeit, Keuschheit und Weisheit wandeln. Käme ihnen einer mit den häretischen Erfindungen und wollte darüber mit ihnen in ihrer Sprache reden, dann würden sie sich sogleich die Ohren zuhalten und weit, weit fliehen, weil sie das gotteslästerliche Gerede nicht ertragen könnten. All deren Wundergerede hat in ihrem Geiste keinen Platz, denn keine Versammlung oder Unterweisung hat bei ihnen bisher stattgefunden.
§ 3
Vor Valentin nämlich gab es keine Valentinianer, vor Markion keine Markioniten, noch gab es irgend einen der anderen Bösgesinnten, die wir oben aufgezählt haben, bevor die Urheber und Erfinder jener Bosheiten auftraten. Valentinus kam nach Rom unter Hyginus, wuchs unter Pius und zog sich hin bis Anicetus. Vor Markion noch war Kerdon; unter Hyginus, dem achten Bischof, kam er noch in die Kirche und legte das Glaubensbekenntnis ab. Bald lehrte er im Geheimen, bald wieder trat er als Bekenner auf und wurde schließlich von einigen seiner falschen Lehren überführt und von der Gemeinschaft der Frommen ausgeschlossen. Ihm folgte Markion, der unter Anicet, dem zehnten Bischof, zu Einfluß gelangte. Die übrigen sog. Gnostiker aber stammen, wie gezeigt, von Menander, dem Schüler des Simon, ab; jeder von ihnen hatte seine besondere Lehre, deren Vater und Vorsteher jeder selbst war. Doch sind diese alle erst viel später, in den mittleren Zeiten der Kirche, zu ihrer Apostasie gekommen.