§ 1
Selbstverständlich hätten die Apostel sagen können, Christus sei auf Jesus hinabgestiegen, oder jener obere Erlöser auf den von der Heilsordnung, oder jener 283unsichtbare in den von dem Demiurgen — aber sie haben nichts Derartiges weder gewußt noch gesagt. Hätten sie es aber gewußt, dann hätten sie es gewiß auch gesagt, und was war, das sagten sie auch, daß nämlich der Geist Gottes wie eine Taube auf ihn herabgestiegen sei, jener Geist, von dem Isaias gesagt hat: „Und auf ihm wird ruhen der Geist Gottes“, wie wir bereits erwähnt haben. Und wiederum: „Der Geist des Herrn ist über mir, weil er mich gesalbt hat“; jener Geist, von welchem der Herr sagt: „Denn nicht ihr seid es, die ihr redet, sondern der Geist eures Vaters, der in euch redet“. Und indem er wiederum seinen Jüngern die Macht der Wiedergeburt für Gott verleiht, sagte er ihnen: „Gehet und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Denn diesen in den jüngsten Tagen über seine Knechte und Mägde auszugießen, damit sie prophezeien sollten, das hatte er durch die Propheten versprochen. Daher stieg dieser auch auf den Sohn Gottes, der zum Menschensohn geworden war, hinab und gewöhnte sich bei ihm, im Menschengeschlechte zu wohnen und in den Menschen zu ruhen und Wohnung zu nehmen im Geschöpfe Gottes, indem er in ihnen den Willen des Vaters vollzog und sie aus dem Alten zur Neuheit Christi erneuerte.
§ 2
Diesen Geist erbat David für das menschliche Geschlecht, indem er sprach: „Und mit Deinem Urgeiste befestige mich!“ Daß dieser nach der Himmelfahrt des Herrn auf die Jünger am Pfingstfeste herabgestiegen sei und allen Völkern den Eintritt zum Leben eröffnete und das Neue Testament erschloß, berichtet Lukas. Deshalb lobpriesen sie auch in dem Zusammenwehen aller Sprachen Gott, indem der Geist die auseinanderwohnenden Stämme zur Einheit zurückführte und die Erstlinge aller Völker dem Vater darbot. Deshalb versprach der Herr auch, den Tröster zu senden, der uns an Gott anpassen sollte. Wie nämlich aus dem 284trockenen Weizen ein Teig nicht werden kann ohne Feuchtigkeit, noch ein Brot, so konnten wir viele nicht eins werden in Christo Jesu ohne das Wasser, das vom Himmel kommt. Und wie die trockene Erde, wenn sie keine Feuchtigkeit empfängt, auch keine Frucht bringt, so würden auch wir, die wir von Haus aus trockenes Holz sind, niemals das Leben ohne den „Gnadenregen“ von oben als Frucht bringen. Denn unsere Leiber haben durch jenes Bad, das zur Unvergänglichkeit dient, die Einheit empfangen, unsere Seelen aber durch den Geist. Daher ist auch beides nötig, da beides hinführt zum Leben in Gott. Erbarmte sich doch der Herr über jenes ehrvergessene samaritanische Weib, das bei einem Manne nicht blieb, sondern mit vielen herumbuhlte, und zeigte und versprach ihr das lebendige Wasser, damit sie fürder nicht dürste und trachte nach Anfeuchtung mit dem Mühewasser, wenn sie in sich habe den Trank, der da quillt zum ewigen Leben. Dieses Geschenk, das der Herr von seinem Vater empfing, gab er auch denen, die an ihm Anteil haben, indem er auf die gesamte Erde den Heiligen Geist sandte.
§ 3
Dieses Gnadengeschenk sah Gedeon voraus, jener Israelit, den Gott auserwählte, um das Volk Israel aus der Macht der Fremden zu befreien. Er änderte seine Bitte und sagte voraus, daß das Wollfell, auf dem zuerst Tau gewesen war, weil es ein Vorbild des Volkes war, trocken bleiben werde, d. h. schon nicht mehr von Gott den Heiligen Geist haben werde, wie Isaias sagte: „Und ich werde den Wolken befehlen, nicht mehr zu regnen über sie“. Auf der ganzen Erde aber war Tau, der den Geist Gottes bedeutet, der auf den Herrn herabstieg, „den Geist der Weisheit und des Verstandes, den Geist des Rates und der Stärke, den Geist der Wissenschaft und Frömmigkeit, den Geist der Furcht des Herrn Gottes“. Ebendenselben gab er wiederum der Kirche, indem er auf die ganze Erde vom Himmel herab 285den Tröster sandte, von wo auch der Teufel nach den Worten des Herrn einst „wie ein Blitz herabgestürzt war“. Daher tut uns der Tau Gottes not, damit wir nicht verbrannt werden und unfruchtbar bleiben, damit wir auch dort einen Fürsprecher haben, wo wir einen Ankläger haben. So empfahl der Herr dem Heiligen Geiste seinen Menschen. Dieser war unter die Räuber gefallen, und er erbarmte sich seiner, verband seine Wunden und gab zwei königliche Zehner, damit wir, das Bild und die Inschrift des Vaters und des Sohnes durch den Geist empfangend, mit dem uns anvertrauten Zehner Frucht brächten und vervielfacht ihn dem Herrn gutschrieben.
§ 4
Da also der Geist nach der vorbezeichneten Heilsordnung herabgestiegen war und der eingeborene Sohn Gottes, der auch das Wort des Vaters ist, in der Fülle der Zeit gekommen und Fleisch geworden war in dem Menschen und die gesamte Heilsordnung hinsichtlich des Menschen erfüllt hatte, und dieser ein und derselbe ist wie unser Herr Jesus Christus, wie der Herr selbst bezeugt und die Apostel bekennen und die Propheten verkünden, so sind offenbar erlogen alle die Lehren derer, die die Achtheiten und Vierheiten und Scheingebilde erfunden und Unterabteilungen erdacht haben. Sie heben den Geist auf, unterscheiden zwischen Christus und Jesus, lehren, daß es nicht einen, sondern mehrere Christusse gegeben habe, und wenn sie auch diese vereinigen, so sagen sie wiederum, daß der eine an dem Leiden beteiligt gewesen, der andere aber leidensunfähig geblieben sei, daß dieser in das Pleroma hinaufgestiegen, jener in dem Ort der Mitte zurückgeblieben sei, daß dieser in den unsichtbaren und unnennbaren Regionen schmause und sich vergnüge, jener aber bei dem Demiurgen sitze und seine Kraft aufzehre. Daher darfst Du und alle, welche sich mit dieser Schrift befassen und um ihr Heil besorgt sind, wenn solche Reden Euer Ohr treffen, ihnen nicht Glauben schenken. Obwohl 286sie nämlich, wie wir gesagt haben, Ähnliches wie die Gläubigen sprechen, verstehen sie darunter nicht nur Unähnliches, sondern sogar Entgegengesetztes und durchaus Gotteslästerliches, und töten dadurch die, welche durch den Gleichlaut der Worte das Gift ihrer ungleichen Gesinnung in sich aufnehmen. Sie reichen Gipswasser für Milch und täuschen durch die Ähnlichkeit der Farbe, wie ein Besserer als wir mit Bezug auf alle gesagt hat, welche auf irgend eine Weise die göttlichen Dinge fälschen und die Wahrheit vergewaltigen: „In Gottes Milch wird Gips böslich gemischt.“