§ 1
227Wir haben also klar bewiesen und werden es im weiteren Verlauf noch deutlicher tun, daß keinen anderen Gott und Herrn weder die Propheten, noch die Apostel, noch Christus der Herr als Gott und Herrn bekannt haben. So nennen die Propheten und Apostel den Vater und den Sohn, keinen anderen aber nennen sie Gott oder bekennen ihn als Herrn. Und der Herr selber nennt nur den Vater Gott und Herrn, den, der allein Gott ist und Herrscher über alles; und da er so es seinen Jüngern überliefert hat, und da ihre Zeugnisse dies bekunden, so müssen wir ihnen folgen, wenn anders wir ihre Schüler sein wollen. Der Apostel Matthäus nämlich wußte, daß der Gott, welcher dem Abraham die Verheißung gab, daß er seinen Samen „wie die Sterne des Himmels“ machen werde, derselbe sei wie jener, der durch seinen Sohn Jesus Christus uns von der Anbetung der Steine zu seiner Erkenntnis berufen hat, damit „das Nichtvolk zum Volke und die Nichtgeliebte zur Geliebten werde“. Dieser erzählt von Johannes, dem Vorläufer des Herrn, er habe denen, die ihrer fleischlichen Gesinnung sich rühmten und eines schwankenden, überaus boshaften Sinnes waren, um sie von ihrer Bosheit zu bekehren, Buße mit den Worten gepredigt: „Ihr Natterngezücht, wer hat euch gelehrt, dem zukünftigen Zorn zu entrinnen? Bringet eine würdige Frucht der Buße! Sprechet nicht bei euch selbst: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch, daß Gott mächtig ist, aus jenen Steinen dem Abraham Söhne zu erwecken“. Buße also verkündete er ihnen zur Abkehr von der Bosheit, aber keinen andern Gott predigte der Vorläufer Christi als den, der dem Abraham die Verheißung gegeben. Von diesem sagt abermals Matthäus in Übereinstimmung mit Lukas: „Dieser ist es, der von dem Herrn durch den Propheten genannt wurde: Stimme des Rufenden in der Wüste; Bereitet den Weg des 228Herrn, machet gerade die Pfade unseres Gottes! Jedes Tal soll ausgefüllt, jeder Berg und Hügel abgetragen werden, und es wird das Krumme gerade und das Rauhe zu ebenem Wege werden, und alles Fleisch wird das Heil Gottes schauen“. Es ist also ein und derselbe Gott, der Vater unseres Herrn, der durch die Propheten verhieß, daß er den Vorläufer senden werde, und sein Heil, d. h. sein Wort, allem Fleische sichtbar machte und selbst Fleisch wurde, um sich in allem als ihr König zu offenbaren. Denn die gerichtet werden, sollten ihren Richter sehen und wissen, von wem sie gerichtet werden sollten; und die, welche die Herrlichkeit erlangen, sollten den kennen, der ihnen das Geschenk der Herrlichkeit verleiht.
§ 2
Indem Matthäus wiederum von dem Engel spricht, sagt er: "Der Engel des Herrn erschien dem Joseph im Traume“. Welchen Herrn er meint, erklärt er: „Damit erfüllt würde, was von dem Herrn durch den Propheten gesagt ist: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. Siehe, die Jungfrau wird im Mutterleibe empfangen und einen Sohn gebären, und man wird seinen Namen Emmanuel nennen, was verdolmetscht wird Gott-mit-uns“. Von diesem aus der Jungfrau stammenden Emmanuel sagte David: „Wende nicht ab das Antlitz deines Gesalbten. Es schwor der Herr dem David Wahrheit, und er wird ihn nicht verachten: Von der Frucht deines Leibes will ich setzen auf deinen Thron“. Und wiederum: „Bekannt in Judäa ist Gott; im Frieden wurde sein Platz und seine Wohnstätte auf Sion“. Es ist also ein und derselbe Gott, der von den Propheten verkündet und in den Evangelien gepredigt wurde, und sein Sohn, der aus der Leibesfrucht Davids, d. h. aus der Davidischen Jungfrau, stammt, und der Emmanuel, dessen Stern Balaam mit den Worten verkündet hat: „Aufgehen wird ein Stern aus Jakob, ein 229Führer sich erheben in Israel“. Matthäus aber läßt die Magier, die aus dem Osten kamen, sprechen: „Wir haben seinen Stern im Morgenlande gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten“. Und von dem Stern in das Haus Jakobs zum Emmanuel geführt, haben sie durch die Darbringung ihrer Geschenke angezeigt, wer der war, den sie anbeteten: durch die Myrrhe, daß er es war, der für das sterbliche Geschlecht der Menschen sterben und begraben werden wollte; durch das Gold, daß er der König war, „dessen Reich kein Ende hat“; durch den Weihrauch, daß er „der in Judäa bekannt gewordene Gott“ ist, der sich denen offenbarte, die ihn suchten.
§ 3
Ferner sagt Matthäus bei der Taufe: „Es öffneten sich über ihm die Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube über ihn herabkommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe“. Kein Christus stieg damals auf Jesus herab, noch ist Jesus ein anderer als Christus, sondern das Wort Gottes ist Jesus, der Erlöser aller und der Beherrscher des Himmels und der Erde, wie wir oben gezeigt haben, und indem er Fleisch annahm und von dem Vater durch den Geist gesalbt wurde, ward er zu Jesus dem Gesalbten, wie Isaias sagt: „Ausgehen wird ein Sproß aus der Wurzel Jesse und eine Blume aufgehen aus seiner Wurzel, und ruhen wird über ihm der Geist Gottes, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Wissenschaft und der Frömmigkeit, und erfüllen wird ihn der Geist der Furcht Gottes. Nicht nach dem Ansehen wird er Recht schaffen und nicht richten nach dem Gerede, sondern richten wird er den Demütigen und strafen die Ruhmvollen der Erde“. Und wiederum sagt Isaias, indem er seine Salbung und den Grund derselben anzeigt: „Der Geist des Herrn ist über mir; deswegen hat er mich gesalbt; 230frohe Botschaft zu bringen den Demütigen, sandte er mich, zu heilen die Kleinmütigen, zu verkünden den Gefangenen Erlösung und den Blinden das Sehen, auszurufen das angenehme Jahr des Herrn und den Tag der Vergeltung, zu trösten alle Traurigen“. Denn insofern das Wort Gottes aus der Wurzel Jesses Mensch wurde und ein Sohn Abrahams war, ruhte über ihm der Geist des Herrn, und wurde er gesalbt, den Demütigen frohe Botschaft zu bringen. Insofern er aber Gott war, urteilte er nicht nach Ansehen und richtete er nicht nach bloßem Gerede. „Er hatte nämlich nicht nötig, daß jemand ihm Zeugnis gab über einen Menschen, da er selbst wußte, was im Menschen war“. Aber alle Betrübten rief er zu sich, und Verzeihung schenkte er denen, die von den Sünden in Knechtschaft geführt waren, und löste sie von ihren Banden gemäß dem Worte Salomons: „Mit den Stricken seiner Sünden wird ein jeder gefesselt“. Der Geist Gottes stieg also auf ihn herab, wie er schon durch die Propheten verheißen hatte, daß er ihn salben werde, damit wir von der Fülle seiner Salbung empfangend gerettet würden. So lehrt also Matthäus.