§ 1
Lukas aber, der Begleiter und Schüler der Apostel, spricht von Zacharias und Elisabeth, aus denen nach der Verheißung Gottes Johannes gezeugt wurde, mit den Worten: „Es waren aber beide gerecht vor Gott und wandelten tadellos in allen Geboten und Satzungen des Herrn“. Und wiederum sagt er von Zacharias: „Es geschah aber, als er sein Priesteramt vor Gott verwaltete gemäß der Reihenfolge nach der Gewohnheit des Priestertums, da traf ihn das Los, das Rauchopfer 231aufzulegen, und er ging hinaus und kam, um zu opfern, und trat in den Tempel des Herrn“. Der Priester vor dem Herrn bekennt also seinerseits schlechthin ohne Vorbehalt und Zaudern den als Gott und Herrn, der Jerusalem auserwählt hat, dem Priestertum seine Gesetze gab, dessen Engel Gabriel ist. Einen andern über diesen nämlich kannte er nicht, denn wenn er irgend einen vollkommenern Gott und Herrn gekannt hätte außer diesem, dann würde er freilich jenen, den er für eine Frucht des Fehltrittes hielt, nicht schlechthin und unbedingt als Gott und Herrn bekennen, wie wir oben gezeigt haben. Ebenso sagt er auch, wenn er von Johannes spricht: „Er wird nämlich groß sein vor dem Herrn und viele der Söhne Israels wird er zu dem Herrn, ihrem Gott bekehren, und er selbst wird vor ihm einher gehen im Geist und in der Kraft des Elias, dem Herrn ein vollkommenes Volk zu bereiten“. Wem also hat er das Volk bereitet, und vor welchem Herrn ist er groß geworden? Doch nur vor dem, der von ihm gesagt hat, daß dieser Johannes doch ein beträchtliches mehr gewesen ist als ein Prophet, und daß keiner unter den vom Weibe Geborenen größer gewesen ist als Johannes der Täufer. Dieser bereitete das Volk vor auf die Ankunft des Herrn, indem er seinen Mitknechten Buße verkündete und predigte, damit sie von dem Herrn, wenn er erschien, Verzeihung erlangten und zu ihm sich bekehrten, von dem sie wegen ihrer Ursünden und Übertretungen sich entfernt hatten, wie David sagt: „Entfernt haben sich die Sünder seit dem Mutterschoß, abgeirrt sind sie von der Geburt her“. Deswegen bekehrte er sie zu ihrem Herrn und bereitete dem Herrn ein vollkommenes Volk im Geist und in der Kraft des Elias.
§ 2
Und indem er wiederum von dem Engel spricht, sagt er: „In jener Zeit aber wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt und sprach zur Jungfrau: Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei 232Gott“. Und von dem Herrn sagt er: „Dieser wird groß sein und Sohn des Allerhöchsten genannt werden, und geben wird ihm der Herr Gott den Thron Davids, seines Vaters, und herrschen wird er im Hause Jakobs in Ewigkeit, und seines Reiches wird kein Ende sein“. Wer anders aber herrscht im Hause Jakobs ohne Unterbrechung in Ewigkeit als Christus Jesus, unser Herr, der Sohn des Allerhöchsten, der durch sein Gesetz und die Propheten versprochen hat, daß er sein Heil allem Fleische sichtbar machen werde, damit er werde des Menschen Sohn deshalb, damit auch der Mensch werde der Sohn Gottes? Darum frohlockte auch Maria und rief prophetisch im Namen der Kirche: „Hochpreiset meine Seele den Herrn, und es frohlockt mein Geist in Gott, meinem Heile. Denn angenommen hat er Israel als seinen Knecht, indem er sich erinnerte seiner Barmherzigkeit, wie er gesprochen hat zu unsern Vätern, dem Abraham und seinem Samen in Ewigkeit“. Durch diese gewichtigen Stellen beweist das Evangelium, daß eben der Gott, der zu den Vätern gesprochen hat, auch durch Moses das Gesetz gegeben hat, „wodurch wir wieder erkannt haben, daß er zu den Vätern gesprochen hat. Eben derselbe Gott ergoß über uns nach seiner großen Güte seine Barmherzigkeit, in der er uns anschaute als der Aufgang aus der Höhe und denen erschien, die in der Finsternis und im Schatten des Todes saßen, und unsere Füße lenkte auf den Weg des Friedens. Wie auch Zacharias aufhörte stumm zu sein, was er wegen seines Unglaubens geworden war, und mit dem neuen Geiste erfüllt, aufs neue Gott pries. Alles nämlich wurde erneut, als das Wort auf neue Weise seine Ankunft im Fleische bewirkte, um den Menschen für Gott zu gewinnen, der von Gott fortgegangen war. Deshalb wurden die Menschen auch gelehrt, Gott auf neue Weise zu verehren, aber nicht einen andern Gott, denn „es ist ein Gott, der die Beschneidung aus dem 233Glauben rechtfertigt und die Vorhaut durch den Glauben“.
§ 3
Als aber Zacharias weissagte, sprach’ er: „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat heimgesucht und Erlösung bereitet seinem Volke. Und er hat aufgerichtet ein Hörn des Heils für uns im Hause Davids, seines Knechtes, wie er gesprochen hat durch den Mund seiner heiligen Propheten, die von Ewigkeit sind, Errettung von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns haßten, um Barmherzigkeit zu tun mit unsern Vätern und sich zu erinnern seines heiligen Bundes. Denn er schwur dem Abraham, unserm Vater, daß er uns gebe, aus der Hand der Feinde befreit, ihm furchtlos zu dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesichte alle unsere Tage“. Alsdann spricht er zu Johannes: „Und du, Knabe, wirst Prophet des Allerhöchsten genannt werden, denn du wirst vorangehen vor dem Angesichte des Herrn, ihm seine Wege zu bereiten, um das Verständnis des Heiles seinem Volke zu geben, zur Nachlassung ihrer Sünden“. Denn gerade die Kenntnis des Heiles fehlte ihnen, d. h., des Sohnes Gottes, die ihnen Johannes vermittelte, indem er sprach: „Siehe, das Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünde der Welt“. Dieser war es, von dem ich sagte: „Nach mir kommt der Mann, der vor mir geworden ist, da er früher als ich war“. „Und wir alle haben von seiner Fülle empfangen“. Das also ist die Erkenntnis des Heils. Und keinen anderen Gott gibt es, noch einen, anderen Vater, oder Bythos, oder Pleroma von dreißig Äonen, noch Mutter einer Achtheit; sondern die Kenntnis des Heils war die Kenntnis des Sohnes Gottes, der auch Heil, Heiland und Hilfe ist und mit Recht genannt wird. Heil wird er genannt in der Stelle: „Auf Dein Heil habe ich gehofft, o Herr“; Heiland wiederum, wenn es 234heißt: „Siehe, mein Gott, mein Heiland, auf ihn werde ich bauen“; Hilfe aber in der Stelle: „Bekannt machte der Herr seine Hilfe vor den Heiden“. Heiland ist er als Sohn und Wort Gottes, Hilfe als Geist, „denn der Geist unseres Angesichtes“, heißt es, „ist Christus der Herr“, Heil aber als Fleisch, denn „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“. Dieses Heiles Kenntnis vermittelt Johannes denen, die Buße taten und an das Lamm Gottes glaubten, welches hinwegnimmt die Sünde der Welt.
§ 4
Es erschien, sagt er, auch den Hirten der Engel des Herrn, große Freude ihnen verkündend, „daß geboren war im Hause Davids der Heiland, welcher ist Christus, der Herr. Dann kam die Menge des himmlischen Heeres, welche Gott lobten und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede den Menschen guten Willens“. Nun behaupten die Gnostiker als Fälscher, daß diese Engel von der Achtheit gekommen seien und die Herabkunft des oberen Christus bezeichnet hätten. Doch diese Behauptung, daß der obere Christus und Heiland nicht geboren sei, sondern nach der Taufe Jesu der Anordnung gemäß erst auf diesen wie eine Taube herabgestiegen sei, stürzt dann zusammen, denn dann lügen die Engel der Achtheit nach ihnen, wenn sie sagen: „Euch ist heute in der Stadt Davids der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr“. Nach ihnen ist ja weder Christus noch der Heiland damals geboren, sondern bloß der beauftragte Jesus, der von dem Demiurgen stammt, und auf diesen ist dann nach der Taufe, also erst dreißig Jahre später, der obere Heiland hinabgestiegen. In der Stadt Davids aber ist hinzugefügt, um zu verkünden, daß jene Verheißung erfüllt sei, die dem David von Gott gegeben wurde, daß nämlich aus der Frucht seines Leibes der ewige König stammen wird. Denn diese Verheißung 235hatte der Schöpfer der ganzen Welt dem David gegeben, wie David selber sagt: „Meine Hilfe ist vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“. Und wiederum steht geschrieben: „In seiner Hand sind die Grenzen der Erde, und die Höhen der Berge sind sein. Denn sein ist das Meer, und er hat es gemacht, und das Festland haben seine Hände gegründet. Kommet, lasset uns anbeten und niederfallen vor ihm und weinen vor dem Angesichte des Herrn, der uns erschaffen hat, denn er ist der Herr, unser Gott“. Deutlich verbündet der Heilige Geist durch David denen, die hören wollen, daß es Menschen geben wird, die den verachten werden, der uns geschaffen hat und der allein der Herr ist. Darum besagt die angeführte Stelle: Irret nicht, außer diesem oder über diesem gibt es keinen andern Gott, auf den man mehr achten müßte. Uns aber will er fromm und dankbar gegen den machen, der uns gebildet und erschaffen hat und ernährt. Was also muß nicht mit denen geschehen, die so große Lästerungen gegen ihren Schöpfer erfunden haben! — Aber auch die Engel bestätigen uns dasselbe. Indem sie nämlich sagen: „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede“, preisen sie ihn als den Schöpfer der überhimmlischen Wesen in der Höhe und aller Dinge auf Erden, als den, der seinem Geschöpf, d. h. den Menschen, seine Heilsgnade vom Himmel gesandt hat. Deswegen heißt es auch von den Hirten, daß sie zurückkehrten, indem sie Gott priesen für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie es ihnen verkündet worden war. Keinen fremden Gott priesen die israelitischen Hirten, sondern den, der ihnen von dem Gesetz und den Propheten verkündet war, den Allschöpfer, den auch die Engel verherrlichten. Wenn aber die Engel einen anderen Gott verkündeten, nämlich den aus der Achtheit, und einen anderen die Hirten, dann haben die Engel der Achtheit ihnen den Irrtum und nicht die Wahrheit gebracht.
§ 5
Weiter sagt Lukas von dem Herrn: „Als die Tage der Reinigung erfüllt waren, brachten sie ihn nach 236Jerusalem, ihn dem Herrn darzustellen, wie geschrieben steht im Gesetze des Herrn: Jedes Männliche, das den Mutterleib öffnet, soll Heiligtum des Herrn genannt werden; und um als Opfer darzubringen, wie es im Gesetze des Herrn gesagt ist, ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben“. Da nennt er also ganz deutlich den, der das Gesetz gegeben hat, Herrn. Ebenso pries Simeon Gott und sprach: „Nun entlässest Du Deinen Diener, o Herr, in Frieden, weil meine Augen Dein Heil gesehen haben, das Du bereitet hast vor dem Angesicht aller Völker als ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zur Verherrlichung Deines Volkes Israel“. Ähnlich verherrlichte die Prophetin Anna ihren Gott, als sie Christum sah, und sprach von ihm zu allen, die die Erlösung Israels erwarteten. All dieses weist hin auf den einen Gott, der eine neue Ordnung der Freiheit durch die neue Ankunft seines Sohnes den Menschen eröffnete.
§ 6
Deswegen begann auch Markus, der Dolmetsch und Begleiter Petri, die Niederschrift seines Evangeliums mit den Worten: „Anfang des Evangeliums Jesu Christi, des Sohnes Gottes, wie geschrieben steht bei dem Propheten: Siehe, ich sende meinen Engel vor Deinem Angesichte, der Deinen Weg bereiten soll. Die Stimme des Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, machet gerade die Pfade vor unserm Herrn“. Er sagt deutlich, daß der Anfang des Evangeliums die Stimmen der heiligen Propheten seien, und den, welchen sie als Herrn und Gott bekannt haben, weist er nach als den Vater unseres Herrn Jesu Christi, vor dessen Angesicht er gemäß seiner Verheißung einen Engel voraussenden wollte; das war Johannes, der im Geiste und in der Kraft des Elias in der Wüste rief: „Bereitet den Weg des Herrn, machet gerade die Pfade vor unserm Herrn“. Denn die Propheten verkündeten nicht immer einen andern Gott, sondern unter 237verschiedenen Bezeichnungen und mannigfaltigen Benennungen ein und denselben. Denn gar reich ist der Vater, wie wir in dem vorigen Buche gezeigt haben und aus den Propheten selbst im weiteren Verlaufe unserer Abhandlung zeigen werden. Am Ende seines Evangeliums aber sagt Markus: „Nachdem der Herr Jesus zu ihnen gesprochen hatte, wurde er in den Himmel aufgenommen und sitzet zur Rechten Gottes“ und bestätigt das, was von den Propheten gesagt ist: „Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße“. So ist es also ein und derselbe Gott und Vater, der von den Propheten verkündet und von dem Evangelium gelehrt worden ist, den wir Christen aus ganzem Herzen ehren und lieben als den Schöpfer des Himmels und der Erde und von allem, was darin ist.