§ 1
307Andererseits glauben zuviel, die da sagen, er habe nichts von der Jungfrau angenommen, um das Erbteil des Fleisches auszuschließen und die Ähnlichkeit abzulehnen. Hatte nämlich jener von der Erde und durch die Hand und Kunst Gottes seine Gestalt und Wesenheit, dieser aber nicht durch die Hand und Kunst Gottes, dann hätte er nicht mehr das Ebenbild des Menschen bewahrt, der nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen war, und die Kunst Gottes hätte sich als verfehlt erwiesen, da sie ihre Weisheit nicht weiter offenbaren konnte. Das nämlich bedeutet es, wenn man sagt, er sei nur scheinbar als Mensch erschienen, da er doch kein Mensch war, und er sei Mensch geworden, ohne etwas vom Menschen angenommen zu haben. Hat er nämlich vom Menschen die Wesenheit des Fleisches nicht angenommen, dann ist er auch nicht Mensch geworden, noch Menschensohn. Ist er aber das nicht geworden, was wir waren, dann hat auch sein Leiden und Aushalten nichts Großes zu bedeuten. Unwidersprochen bestehen wir aus einem Leibe, der Erde entnommen, und einer Seele, die von Gott den Geist erhält. Dasselbe gilt von dem Worte Gottes, der in sich selbst sein Geschöpf rekapitulierte, und deswegen bekennt er sich als den Sohn des Menschen und preist die Sanftmütigen selig, da sie das Erdreich erben werden. Und der Apostel Paulus lehrt in dem Brief an die Galater deutlich: „Es schickte Gott seinen Sohn, geworden aus einem Weibe“. Und ebenso in dem Brief an die Römer: „Von seinem Sohne, der geworden ist aus dem Samen Davids dem Fleische nach, aber vorausbestimmt wurde zum Sohne Gottes gemäß dem Geiste der Heiligmachung durch die Auferstehung Jesu Christi, unseres Herrn“.
§ 2
308Übrigens ist dann auch überflüssig seine Herabkunft auf Maria. Wozu nämlich wäre er auf sie hinabgestiegen, wenn er nichts von ihr annehmen wollte? Wenn er ferner nichts von Maria angenommen hätte, dann hätte er auch nicht die von der Erde genommenen Speisen aufgenommen, durch die der von der Erde genommene Leib ernährt wird, noch hätte sein Leib, nachdem er vierzig Tage wie Moses und Elias gefastet hatte, gehungert, indem sein Leib nach der ihm gebührenden Speise verlangte; noch hätte sein Schüler Johannes von ihm geschrieben und gesagt: „Jesus aber, von dem Wege ermüdet, setzte sich“, noch hätte David von ihm verkündet: „Und zu dem Schmerze meiner Wunden fügten sie noch hinzu.“, noch hätte er über Lazarus geweint., noch Blutstropfen geschwitzt, noch gesprochen: „Betrübt ist meine Seele“, noch wäre bei dem Durchbohren seiner Seite Blut und Wasser herausgekommen. Das sind alles Kennzeichen des Fleisches, das von der Erde genommen ist, das er in sich rekapituliert hat, um sein Geschöpf zu retten.
§ 3
Deshalb weist Lukas darauf hin, daß das Geschlechtsregister von der Geburt unseres Herrn bis auf Adam zweiundsiebzig Glieder hat, und verbindet das Ende mit dem Anfang, um dadurch zu zeigen, daß, er es ist, der alle seit Adam zerstreuten Völker und sämtliche Zungen und das Geschlecht der Menschen einschließlich Adam in sich selbst rekapituliert hat. Daher hat Paulus diesen Adam den Typus des zukünftigen genannt, weil das Wort als Schöpfer aller Dinge die zukünftige Heilsordnung des menschlichen Geschlechtes hinsichtlich des Sohnes Gottes auf sich selbst eingerichtet hatte, indem Gott zunächst den seelischen Menschen bildete, damit er von dem geistigen erlöst werde. Da nämlich der, welcher erlösen sollte, im voraus existierte, so mußte auch der, welcher erlöst werden sollte, geschaffen werden, damit der Erlöser nicht überflüssig wäre.
§ 4
309Demgemäß wird auch die Jungfrau Maria gehorsam erfunden, indem sie spricht; „Siehe, ich bin deine Magd, o Herr, es geschehe mir nach deinem Worte“. Eva aber, die ungehorsame, gehorchte nicht, als sie noch Jungfrau war. Wie jene den Adam zum Manne hatte, dennoch aber Jungfrau war — beide nämlich waren nackt im Paradiese und schämten sich nicht, da sie, eben erst erschaffen, von der Kindererzeugung noch nichts verstanden; sie mußten nämlich erst heranwachsen, ehe sie sich vermehrten — und durch ihren Ungehorsam für sich und das gesamte Menschengeschlecht den Tod verschuldet hat: so hatte auch Maria ihren vorbestimmten Mann und war dennoch Jungfrau und wurde durch ihren Gehorsam für sich und das gesamte Menschengeschlecht die Ursache des Heils. Deshalb nennt das Gesetz sie, die mit einem Manne verlobt war, obwohl sie noch Jungfrau war, die Gemahlin des mit ihr Verlobten, und bezeichnet damit den Kreislauf von Maria zu Eva, weil nur dadurch das Gebundene gelöst wurde, daß die Bänder der Knoten zurückgeschlungen wurden. So werden die ersten Knoten durch die zweiten gelöst, und die zweiten befreien die ersten. So kommt es, daß die erste Schlinge von dem zweiten Knoten aufgezogen wird, der zweite Knoten die Lösung des ersten bewirkt. Deshalb sagte auch der Herr, daß die ersten die letzten und die letzten die ersten werden würden. Dasselbe bezeichnet auch der Prophet mit den Worten; „Statt der Väter sind dir Söhne geboren“. Deswegen nahm auch der Herr, der als „Erstgeborener von den Toten“ geboren wurde, in seinen Schoß die alten Väter auf und gebar sie wieder zum Leben Gottes, indem er selbst der Anfang der Lebenden wurde, wie Adam der Anfang der Sterbenden geworden war. Deswegen begann auch Lukas den Anfang seines Geschlechtsregisters mit dem Herrn und führte es auf Adam zurück, indem er damit andeuten wollte, daß nicht etwa sie ihn, sondern er jene zum Evangelium des Lebens wiedergeboren hat. So wurde auch der Knoten 310des Ungehorsams der Eva durch den Gehorsam Mariens gelöst; denn was die Jungfrau Eva durch ihren Unglauben angebunden hatte, das löste die Jungfrau Maria durch ihren Glauben.