Irenäus von Lyon · Contra Haereses · Buch 4 · Kapitel 1.2
§ 1
323Hiermit übersenden wir Dir, Geliebtester, das vierte Buch unseres Werkes über die Entlarvung und Widerlegung der falschen Erkenntnis. Wie wir Dir versprochen haben, werden wir unsere vorausgegangenen Ausführungen durch die Reden des Herrn bekräftigen, damit Du Deinem Wunsche gemäß von uns nach jeder Richtung hin die Hilfsmittel empfangest, um die Häretiker zu widerlegen. Hast Du sie alsdann in jedem Punkte widerlegt, dann wirst Du sie nicht weiter in den Abgrund des Irrtums vordringen, noch in dem Meer der Unwissenheit versinken lassen, sondern wirst sie in den Hafen der Wahrheit geleiten und hinführen zu ihrem Heile.
§ 2
Um sie aber zu bekehren, muß man ihre Dogmen oder Lehrsätze genau kennen. Ist es doch auch unmöglich, einen Kranken zu heilen, wenn man seinen Zustand nicht genau kennt. Deswegen vermochten unsere Vorgänger, obwohl sie in mancher Hinsicht uns übertrafen, den Valentinianern nicht genugsam zu begegnen, weil ihnen ihr Lehrgebäude unbekannt war, das wir mit aller Sorgfalt im ersten Buche Dir dargestellt haben. Du hast daraus ersehen, daß ihre Lehre bloß eine Zusammenfassung aller Häresien ist. Deshalb dienten sie uns im zweiten Buche gleichsam als Zielscheibe der gesamten Widerlegung. Hat man nämlich diese gehörig widerlegt, so gilt das allen Irrlehrern; stürzt man diese, so stürzen auch die übrigen Häresien.
§ 3
Mehr als alle anderen ist ihre Lehre gotteslästerlich, da sie, wie gesagt, behaupten, der Schöpfer und Urheber, d.i. Gott, sei aus dem Fehltritt oder Mangel entstanden. Sie lästern aber auch unsern Herrn, indem sie Jesum gewaltsam von Christus und Christus von dem Erlöser und den Erlöser wiederum von dem Worte und das Wort von dem Eingeborenen unterscheiden. Und wie der Schöpfer oder Urheber aus dem Mangel oder Fehltritt entstanden sein soll, so lehrten sie auch, daß 324Christus und der Hl. Geist wegen des Fehltritts ausgesandt seien, und daß der Erlöser die Frucht der von dem Fehltritt ausgegangenen Äonen sei, damit doch ja nichts bei ihnen ohne Lästerung ausgehe. In dem vorigen Buche haben wir Dir also gezeigt, daß die Apostel, die „von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes“ der Wahrheit gewesen sind, nicht nur nichts Derartiges gelehrt oder gewußt haben, sondern uns sogar ermahnt haben, vor derartigen Lehren auf der Hut zu sein, indem sie im Geiste jene vorausschauten, welche die Harmlosen verführen würden.
§ 4
Wie nämlich die Schlange Eva verführte, indem sie ihr versprach, was sie selbst nicht hatte, so machen auch diese Anspruch auf eine höhere Erkenntnis und unaussprechliche Geheimnisse und verheißen die Aufnahme in ihr sogenanntes Pleroma, stürzen aber die, welche ihnen Glauben schenken, in den Tod und machen sie abtrünnig von ihrem Schöpfer. Als damals der böse Geist durch die Schlange den Ungehorsam der Menschen bewirkte, glaubte er, sich vor Gott verbergen zu können, weshalb ihm auch Gott die Form und Anrede der Schlange erteilte. Jetzt aber in den letzten Zeiten dehnt sich das Übel auf die Menschen weiter aus: nicht nur abtrünnig macht sie der Teufel, sondern durch viele Kunstgriffe, d. h. durch all die vorgenannten Häretiker, bringt er sie sogar zur Lästerung gegen ihren Schöpfer. Denn obwohl diese aus verschiedenen Orten herstammen und Verschiedenes lehren, so stimmen sie doch in der vorsätzlichen Gotteslästerung überein und bringen tödliche Wunden bei, indem sie Gotteslästerung gegen Gott, unsern Schöpfer und Ernährer lehren, und die Erlösung des Menschen abschaffen. Der Mensch ist aber eine Mischung von Seele und Fleisch, gebildet nach dem Ebenbilde Gottes und geformt durch seine Hände, d. h. den Sohn und den Geist, zu denen er auch sprach: „Lasset uns den Menschen machen“. Jener, der uns um unser Leben beneidet, hat sich daher vorgenommen, den Menschen den Glauben an ihre Erlösung zu 325rauben und sie zur Lästerung gegen Gott ihren Schöpfer zu verführen. Denn was auch sonst immer die Häretiker mit der größten Wichtigtuerei lehren, schließlich kommen sie darin überein, daß sie den Schöpfer lästern und dem Geschöpfe Gottes, d. h. dem Fleische, die Erlösung absprechen, weshalb doch, wie wir auf vielfache Weise gezeigt haben, der Sohn Gottes die ganze Heilsordnung gemacht hat. Auch haben wir nachgewiesen, daß niemand anders von den Schriften Gott genannt werde als der Vater aller und der Sohn und die, welche an Kindesstatt angenommen sind.