§ 1
Die Propheten geben ganz deutlich zu verstehen, daß Gott gewisse Beobachtungen im Gesetz der Menschen wegen vorgeschrieben hat, aber nicht, als ob er 371ihres Dienstes bedurfte. Auch der Herr lehrte, wie wir deutlich gezeigt haben, daß Gott ihre Gaben nicht gebraucht, sondern daß diese der opfernden Menschen wegen angeordnet sind. Als aber Samuel einmal sah, daß sie die Gerechtigkeit vernachlässigten und von der Liebe Gottes abfielen, daß sie dagegen meinten, durch Opfer und die übrigen vorbildlichen Beobachtungen Gott versöhnen zu können, da sprach er zu ihnen: „Nicht will Gott Brand- und Schlachtopfer, sondern er will, daß seine Stimme gehört werde. Siehe, gutes Hören ist besser als Schlachtopfer, und Gehorsam ist besser als Widderfett“. David aber sagt: „Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gewollt; Ohren jedoch hast du mir gegeben; Brandopfer auch für die Sünde hast du nicht gewollt“. Das soll heißen: Gott will Gehorsam, der die Menschen bewahrt, nicht Brand- und Schlachtopfer, die zur Gerechtigkeit nichts nützen, und zugleich weist er prophetisch hin auf das Neue Testament. Noch deutlicher spricht er hierüber im fünfzigsten Psalm: „Wenn du ein Schlachtopfer gewollt hättest, hätte ich es freilich gegeben; durch Brandopfer wirst du nicht ergötzt. Ein Brandopfer ist dem Herrn ein zerknirschter Geist, ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz wird der Herr nicht verachten“. Daß aber Gott nichts gebraucht, sagt David in dem vorhergehenden Psalm: „Nicht will ich annehmen von deinem Hause Kälber, noch Böcke von deinen Herden. Denn mein sind alle Tiere der Erde, die Lasttiere auf den Bergen und die Ochsen. Ich kenne alle Vögel des Himmels und die Arten des Feldes sind vor mir. Wenn ich hungere, werde ich es dir nicht sagen, denn mein ist der Erdkreis und seine Fülle. Esse ich denn Fleisch von Stieren, oder trinke ich das Blut von Böcken?“ Damit man aber nicht meine, daß er nur zurückweise, weil er zürne, gibt er gleich darauf den Rat: „Opfere Gott das Opfer des Lobes und erfülle dem Höchsten deine Gelübde und rufe mich an am Tage deiner Trübsal, und ich will dich erretten, und du wirst 372mich preisen“. Das also, wodurch die Sünder glaubten, ihn zu versöhnen, weist er zurück, was aber den Menschen rechtfertigt und Gott näher bringt, das empfiehlt er dringend. Dasselbe sagt auch Isaias: „Was soll mir die Menge eurer Schlachtopfer? spricht der Herr; ich bin davon voll“. Und während er die Brand-, Schlacht- und Speiseopfer, auch die Neumonde, Sabbate und Festtage und die übrigen damit zusammenhängendem Beobachtungen ablehnt, rät er gleich darauf als nutzbringend an: „Waschet euch, seid rein, bringet weg die Bosheiten von euren Herzen aus meinen Augen; höret auf mit euren Schlechtigkeiten, lernet Gutes tun, erforschet das Rechte, suchet auf den, der Unrecht duldet, schaffet Recht den Waisen und Gerechtigkeit der Witwe, dann kommet, und lasset uns reden, spricht der Herr“.
§ 2
Denn nicht wie ein gereizter Mensch — wie viele zu sagen sich erkühnen — weist er ihre Opfer zurück, sondern weil er mit ihrer Blindheit Mitleid hat und ihnen das wahre Opfer nahe legen will, dessen Darbringung Gott versöhnt, damit sie das Leben erlangen. So heißt es irgendwo: „Ein Opfer für Gott ist ein zerknirschtes Herz, ein angenehmer Wohlgeruch für Gott ein Herz, das seinen Schöpfer preist“. Wäre er nämlich so erzürnt, daß er deswegen ihre Opfer zurückweist, weil sie unwürdig waren, seine Barmherzigkeit zu erlangen, so hätte er sie nicht auf jene Werke verwiesen, durch die sie gerettet werden konnten. Eben weil er Barmherzigkeit ist, schloß er sie von seinem guten Rate nicht aus. Nachdem er durch Jeremias gesprochen: „Wozu bringt ihr mir Weihrauch von Saba und Zimmet aus fernem Lande? Eure Brand- und Schlachtopfer ergötzen mich nicht“, fährt er fort: „Höret die Rede des Herrn, alle aus Juda: Machet gerade eure Wege und euer Sinnen, und ich werde euch befestigen auf diesem Orte. Verlasset euch nicht auf lügnerische Worte, denn gar nichts 373werden sie euch nützen, wenn sie zu euch sagen: Der Tempel des Herrn, es ist der Tempel des Herrn“.
§ 3
Durch denselben Jeremias tut er kund, daß er sie aus Ägypten nicht herausgeführt, damit sie ihm Opfer darbrächten, sondern damit sie den ägyptischen Götzendienst vergessen und die Stimme des Herrn hören sollten, die ihr Heil und Ruhm war. „So spricht der Herr“, heißt es dort: „Eure Brandopfer sammelt mit euren Schlachtopfern und esset Fleisch! Denn nicht habe ich, als ich zu euren Vätern sprach, ihnen Brand- und Schlachtopfer vorgeschrieben an dem Tage, da ich sie aus Ägypten herausführte, sondern dies Wort habe ich ihnen befohlen, indem ich sprach: Höret meine Stimme, und ich werde euer Gott sein, und ihr werdet mein Volk sein, und wandelt auf allen Wegen, die ich euch vorgeschrieben habe, damit es euch wohl gehe. Aber sie gehorchten nicht und gaben nicht acht, sondern wandelten in den boshaften Gedanken ihres Herzens und kamen zurück und nicht nach vorne“. Und abermals spricht er durch denselben: „Aber darin rühme sich, wer sich rühmt, daß er weiß und versteht, daß ich der Herr bin, der ich Barmherzigkeit tue und Recht und Gerechtigkeit auf Erden; daran habe ich meine Freude, spricht der Herr“, aber nicht an Schlacht- und Brandopfern und Weihegaben. Denn nicht als Hauptsache hatte diese das Volk, sondern nur wegen ihrer Folge und des vorgenannten Grundes, wie wiederum Isaias sagt: „Nicht mir brachtest du die Schafe deines Brandopfers noch verherrlichtest du mich mit deinen Schlachtopfern, nicht mir dientest du mit deinen Opfern noch gabst du dir für mich Mühen mit dem Weihrauch, nicht kauftest du mir für Silber Rauchopfer noch begehrte ich das Fett deiner Schlachtopfer, sondern in deinen Sünden und Ungerechtigkeiten standest du vor mir“. „Auf wen also“, spricht er, „werde ich herabsehen als auf den Demütigen und Ruhigen, der meine Worte fürchtet? Denn Fettstücke und fettes Fleisch werden deine Ungerechtigkeiten 374von dir nicht fortnehmen“. „Dies ist das Fasten, das ich will“, spricht der Herr, „löse auf jeden Knoten der Ungerechtigkeit, mache los die Fesseln der gewaltsamen Geschöpfe, gib Ruhe den Bedrängten und jeden ungerechten Schuldschein zerreiße! Brich dem Hungrigen dein Brot von Herzen, und den Fremden ohne Dach führe in dein Haus! Wenn du siehst einen Nackten, bekleide ihn und verachte dein Fleisch nicht! Dann wird dein Morgenlicht hervorbrechen und deine Gesundung schneller kommen; vor dir hergehen wird die Gerechtigkeit, und der Ruhm des Herrn wird dich umgeben, und während du noch sprichst, werde ich sagen: Siehe, hier bin ich“. Auch Zacharias, einer von den zwölf Propheten, zeigt ihnen den Willen Gottes mit den Worten: „So spricht der allmächtige Herr: Ein gerechtes Gericht sollt ihr richten, Mitleid and Barmherzigkeit erweise ein jeder seinem Bruder! Die Witwe and die Waise, den Ankömmling und den Armen sollt ihr nicht unterdrücken, und der Bosheit seines Bruders soll keiner gedenken in seinem Herzen“. Und abermals sagt er: „Dies sind die Reden, die ihr sprechen sollt: Redet Wahrheit ein jeder zu seinem Bruder und ein friedliches Gericht richtet in euren Toren, und keiner gedenke der Bosheit des Bruders in seinem Herzen, und falschen Schwur sollt ihr nicht lieben, denn all dieses hasse ich, spricht der Herr, der Allmächtige“. Ähnlich spricht auch David: „Wer ist der Mensch, der das Leben will und liebt, gute Tage zu sehen? Behüte deine Zunge von dem Bösen und deine Lippen, daß sie nicht List reden! Wende dich ab vom Bösen und tue Gutes; suche den Frieden und folge ihm nach!“
§ 4
Aus all diesem ist offenbar, daß nicht Schlacht- und Brandopfer Gott von ihnen verlangte, sondern wegen ihres Heiles Glauben, Gehorsam und Gerechtigkeit So lehrt sie der Herr bei dem Propheten Oseas seinen Willen mit den Worten: „Barmherzigkeit will ich mehr 375als Schlachtopfer, und die Kenntnis Gottes ziehe ich vor den Brandopfern“. Ebendaran ermahnt sie auch der Herr, indem er spricht: „Wenn ihr erkannt hättet, was das ist: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer, so hättet ihr niemals die Unschuldigen verdammt“. So stellt er den Propheten das Zeugnis aus, daß sie die Wahrheit lehrten, und überführt jene, daß sie aus eigener Schuld unwissend sind.
§ 5
Auch seinen Jüngern gibt er den Rat, die Erstlinge aus der Schöpfung Gott darzubringen, nicht als ob er selbst dessen bedürfe, sondern damit sie nicht unfruchtbar und undankbar sind. Als er deshalb die Gabe des Brotes nahm, sagte er Dank und sprach: „Das ist mein Leib“. Und ähnlich bekannte er den Kelch, der aus dieser irdischen Schöpfung stammt, als sein Blut und machte ihn zur Opfergabe des Neuen Bundes, sodaß ihn die Kirche, wie sie ihn von den Aposteln empfangen hat, auf der ganzen Welt Gott darbringt, ihm, der uns ernährt, als die Erstlinge seiner Gaben im Neuen Bunde. Auf diesen weist unter den zwölf Propheten Malachias mit folgenden Worten hin: „Ich habe kein Wohlgefallen an euch, spricht der Herr, der Allmächtige, und das Opfer nehme ich nicht an von euren Händen. Denn vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang wird mein Name verherrlicht werden unter den Völkern, und an jedem Orte wird ein Rauchopfer meinem Namen dargebracht werden und ein reines Opfer, denn groß ist mein Name unter den Völkern, spricht der Herr, der Allmächtige“. Das besagt ganz deutlich, daß zunächst das Volk aufhören wird, Gott zu opfern, daß dann aber an jedem Orte ihm ein Opfer dargebracht werden wird, und zwar ein reines, und daß sein Name herrlich werden wird unter den Völkern.
§ 6
Dieser Name aber, der unter den Völkern verherrlicht werden soll, ist kein anderer, als der unseres Herrn, durch den der Vater verherrlicht wird und 376ebenso der Mensch. Weil es aber der Name seines eigenen Sohnes ist, und weil er den Menschen gemacht hat, darum nennt er ihn seinen Namen. Wenn ein König das Bild seines Sohnes malt, dann nennt er es mit doppeltem Recht sein Bild: denn es stellt seinen Sohn dar, und er hat es gemacht. So bekennt auch der Vater den Namen seines Sohnes Jesu Christi, der auf der ganzen Welt in der Kirche verherrlicht wird, als seinen, weil es der Name seines Sohnes ist, und weil er selbst ihn geschrieben und den Menschen zum Heile gegeben hat. Da also der Name des Sohnes auch der des Vaters ist und die Kirche in dem allmächtigen Gott durch Jesum Christum ihr Opfer darbringt, so heißt es mit Recht in doppelter Beziehung: „Und an jedem Orte wird meinem Namen ein Rauchopfer dargebracht werden und ein reines Opfer.“ Als die Rauchopfer aber bezeichnet Johannes in der Apokalypse die Gebete der Heiligen.