§ 1
Die Naturgebote des Gesetzes aber, durch die der Mensch gerechtfertigt wird, und welche schon vor der Gesetzgebung diejenigen beobachteten, die durch 358den Glauben gerechtfertigt wurden und Gott gefielen, die hat der Herr nicht aufgehoben, sondern ausgedehnt und erfüllt, wie aus seinen Reden offenbar ist. „Es ist zu den Alten gesagt“, sprach er, „du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch, daß jeder, der ein Weib ansieht, um sie zu begehren, schon in seinem Herzen mit ihr die Ehe gebrochen hat“. Und wiederum: „Es ist gesagt: Du sollst nicht töten. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder ohne Grund zürnt, wird des Gerichtes schuldig sein“. Und ferner: „Es ist gesagt: Du sollst nicht falsch schwören. Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören. Eure Rede sei aber: Ja, ja, nein, nein“. Und anderes derart. Alle diese Anweisungen enthalten aber nicht eine Aufhebung oder Auflösung der früheren, wie die Markioniten faseln, sondern die Erfüllung und Ausdehnung, wie er selber sagt: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht mehr überfließen wird, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, dann werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen“. Worin soll aber das Mehr bestehen? Erstlich muß man nicht bloß an den Vater, sondern auch an seinen nunmehr geoffenbarten Sohn glauben; denn dieser ist es, der den Menschen in die Gemeinschaft und Einheit mit Gott einführt. Dann muß man es nicht allein sagen, sondern auch tun — jene aber sagten bloß und taten nicht — und sich nicht bloß enthalten von schlechten Werken, sondern auch von der Begierde danach. Damit lehrte er aber nichts dem Gesetze Entgegengesetztes, sondern erfüllte es und pflanzte uns seine Gerechtigkeit ein. Nur das wäre gegen das Gesetz gewesen, wenn er seinen Jüngern etwas geboten hätte, was das Gesetz verbietet. Wenn er aber befiehlt, nicht bloß das vom Gesetz Verbotene zu vermeiden, sondern auch die Begierden danach, dann steht er nicht im Gegensatz zum Gesetz, wie wir gesagt haben, und löst nicht das Gesetz, sondern erfüllt es, dehnt es aus, erweitert es.
§ 2
359Das Gesetz war nämlich für Knechte gegeben; durch seine äußerlichen, körperlichen Vorschriften unterwies es die Seele, indem es wie durch ein Band heranziehen wollte zur Beobachtung der Gebote, damit der Mensch lernen sollte, Gott zu gehorchen. Das Wort aber befreite die Seele und lehrte, wie sich der Körper durch sie freiwillig reinige. Demgemäß war es nötig, die Bande wegzunehmen, an die der Mensch sich schon gewöhnt hatte, und ungefesselt Gott zu folgen. Erweitern aber mußten sich die Gebote der Freiheit und wachsen mußte die Unterwürfigkeit gegen den König, damit niemand wieder umkehre und dessen unwürdig erscheine, der ihn befreit hat. Die Ergebenheit und Unterwürfigkeit gegen den Hausvater sollte für die Knechte und Kinder die gleiche sein, die größere Zu versicht aber sollten die Kinder haben, da größer und ruhmreicher die Werke der Freiheit sind als der Gehorsam in der Knechtschaft.
§ 3
Deswegen hat der Herr statt des Gebotes: Du sollst nicht ehebrechen, das: Du sollst nicht begehren gesetzt; statt des: Du sollst nicht töten, das: Du sollst nicht einmal zürnen; statt des Zehnten die Verteilung der gesamten Habe unter die Armen geboten und befohlen, nicht nur den Nächsten, sondern auch die Feinde zu lieben, nicht nur gute Geber und Verteiler zu sein, sondern freiwillige Geber gegen die, welche uns das Unsrige nehmen. „Nimmt dir nämlich jemand deinen Rock“, sagt er, „so laß ihm noch den Mantel; nimmt dir jemand das Deinige, so fordere es nicht zurück, und wie ihr wollt, daß euch die Menschen tun, tuet ihnen. Nicht sollen wir uns betrügen wie solche, die sich nicht wollen betrügen lassen, sondern sollen uns freuen, wie solche, die freiwillig schenken, indem wir mehr unsern guten Willen gegen den Nächsten zeigen, als der Notwendigkeit nachgeben. „Und wenn jemand dich zwingt“, sagt er, „zu tausend Schritten, gehe mit ihm andere zwei, damit du ihm nicht wie ein Sklave folgst, sondern ihm wie ein 360Freier vorangehest, indem du dich in allem für den Nächsten dienstbereit und nützlich erweisest, nicht auf ihre Bosheit schauend, sondern deine Güte vervollkommnend, dich anpassend deinem „Vater, der seine Sonne über Gute und Böse aufgehen läßt und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte“. Das aber löst, wie wir gesagt haben, das Gesetz nicht auf, sondern erfüllt es und erweitert es in uns, sodaß man sagen könnte, unsern Herzen sei eine größere Wirksamkeit der Freiheit und vollere Unterwerfung und Ergebenheit gegen unsern Erlöser eingeprägt. Denn deswegen hat er uns nicht befreit, daß wir ihn verlassen — kann doch niemand außerhalb der Güter des Hauses die Speisen des Heils sich verdienen — sondern damit wir, die wir mehr Gnade erlangt haben, ihn auch mehr lieben. Je mehr wir aber ihn lieben werden, umso größeren Ruhm werden wir von ihm erlangen, wenn wir dereinst immer in der Anschauung des Vaters leben werden.
§ 4
So haben alle jene Naturgebote, die uns mit ihnen gemeinsam sind, bei jenen ihren Anfang und Ursprung genommen, bei uns aber die Vollendung und Erfüllung erreicht. Denn Gott gehorchen und seinem Worte folgen, ihn über alles lieben und den Nächsten wie sich selbst — jeder Mensch ist aber der Nächste —, sich jeder bösen Tat enthalten und was sonst noch beiden gemeinsam ist, das weist auf einen und denselben Gott hin. Das ist aber unser Herr, das Wort Gottes, das zuerst die Knechte zu Gott hinzog, dann aber die befreite, die sich ihm unterwarfen, wie er selber seinen Jüngern sagt: „Nicht mehr werde ich euch Knechte nennen, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut, Euch habe ich meine Freunde genannt, da ich euch alles kundgetan habe, was ich von meinem Vater gehört habe“. Dadurch, daß er sagte: „Nicht mehr werde ich euch Knechte nennen“, zeigte er auf das deutlichste an, daß er es war, der zuerst den Menschen die Knechtschaft unter Gott durch das Gesetz auferlegt hat, später aber ihnen die Freiheit geschenkt hat. Und mit den Worten: „Der 361Knecht weiß nicht, was sein Herr tut“, verkündet er die Unwissenheit des knechtischen Volkes bei seiner Ankunft. Dadurch aber, daß er „Freunde Gottes“ seine Jünger nennt, zeigt er deutlich an, daß er das Wort Gottes ist, dem Abraham freiwillig und ohne Fesseln infolge der Großmut seines Glaubens folgte, wodurch er ein Freund Gottes wurde. Aber nicht wegen des eigenen Bedürfnisses nahm das Wort Gottes die Freundschaft Abrahams an, war es doch von Anfang an vollkommen: „Ehe denn Abraham war, bin ich“, sagte es, sondern weil es dem Abraham in seiner Güte das ewige Leben schenken wollte. Denn Unsterblichkeit schenkt die Freundschaft Gottes denen, die sich darum bemühen.