§ 1
Die aber daraus einen Vorwurf ableiten, daß das Volk bei seiner Abreise auf Befehl Gottes all die verschiedenen Gefäße und Kleidungsstücke von den Ägyptern mitgehen ließ, aus denen sogar das Zelt in der Wüste gemacht worden ist, die verkennen die gerechten Anordnungen Gottes und klagen sich selbst an, wie auch der Priester sagte. Wenn Gott nämlich in dem vorbildlichen Aufbruch dies nicht gestattet hätte, so könnte auch heute niemand gerettet werden bei unserem Aufbruch, d. h. in dem neuen Glauben, durch den wir aus der Zahl der Heiden herausgehoben sind. Denn uns allen folgt ein großer oder kleiner Besitz, den wir aus dem „Mammon der Ungerechtigkeit“ erworben haben. Woher ist das Haus, in dem wir wohnen, die Kleider, die wir anhaben, die Gefäße, die wir gebrauchen, und all das übrige, das uns zum täglichen Lebensunterhalt dient, wenn nicht aus dem, was wir noch als Heiden in Habsucht erworben haben oder von heidnischen Eltern, Verwandten oder Freunden, die da ungerecht erwarben, erhalten haben? Davon zu schweigen, dass 420wir auch jetzt noch als Gläubige Erwerb suchen. Wer nämlich verkauft und will nicht von dem Käufer gewinnen? Wer aber kauft und will nicht von dem Kaufe einen Nutzen haben? Welcher Handelsmann aber treibt nicht deswegen seinen Handel, um sich davon zu ernähren? Und die Gläubigen am Hofe des Königs, haben sie nicht aus dem Eigentum des Herrschers ihren Unterhalt und gibt nicht jeder von ihnen denen, die nicht haben, soviel er kann? Die Ägypter schuldeten dem jüdischen Volke nicht nur tote Dinge, sondern auch ihr Leben wegen der früheren Güte des Patriarchen Joseph. Was aber schulden uns die Heiden, von denen wir Gewinn und Nutzen ziehen? Was jene mit Mühe herbeischaffen, das gebrauchen wir Gläubige mühelos.
§ 2
Außerdem stand das Volk bei den Ägyptern unter der schlimmsten Knechtschaft, wie die Schrift sagt: „Und Gewalt übten die Ägypter gegen die Söhne Israels und machten ihnen mit harten Arbeiten in Lehm und Backstein und all den Arbeiten, die sie auf den Feldern zu leisten hatten, das Leben zum Überdruß. Mit all diesen Arbeiten drückten sie sie gewaltsam“. Und sie bauten ihnen befestigte Städte mit vieler Mühe und vermehrten ihre Habe viele Jahre durch allerlei Frondienst; aber jene waren nicht nur undankbar gegen sie, sondern wollten sie alle vertilgen. Was war also Unrechtes dabei, wenn sie von vielem weniges nahmen? Sie hätten, wenn sie ihnen nicht gedient hätten, vielen Besitz haben und reich abziehen können; sie zogen aber arm von dannen mit ganz kleinem Lohn für große Arbeit. Wenn ein freier Mann von einem mit Gewalt fortgeführt würde, ihm viele Jahre diente und sein Vermögen vermehrte, alsdann einen kleinen Vorteil gewänne und fortgehen würde scheinbar mit fremdem Eigentum, in Wahrheit aber nur mit kleinem Lohn für seine vielen Arbeiten und Anstrengungen, und ihm dies von jemand als Unrecht ausgelegt würde, so wird noch ungerechter der Richter erscheinen, als der, welcher mit Gewalt in die Knechtschaft gebracht war. Ganz von der gleichen Art sind auch jene, welche dem Volke es 421anrechnen, daß es weniges von vielem nahm, jenen aber es nicht anrechnen, daß sie für die Wohltat ihrer Vorfahren ganz undankbar waren und sie sogar in die schwerste Knechtschaft brachten und den größten Nutzen aus ihnen zogen. Jene sollen unrecht gehandelt haben, wenn sie umgeprägtes Gold und Silber in wenigen Gefäßen, wie gesagt, mit sich nahmen; sie selbst aber — die Wahrheit nämlich muß man sagen, auch wenn sie einem lächerlich erscheint — glauben recht zu tun, wenn sie das mit fremder Mühe geprägte Gold, Silber oder Erz mit der Inschrift und dem Bildnis des Kaisers in ihren Gürteln bei sich tragen.
§ 3
Zieht man einen Vergleich zwischen uns und ihnen, wer nahm dann offenbar mit größerem Recht? Das Volk von den Ägyptern, die in jeder Hinsicht seine Schuldner waren, oder wir von den Römern und anderen Heidenvölkern, die uns gar nichts schulden? Durch sie hat auch die Welt Friede, und furchtlos wandeln wir auf ihren Straßen und segeln, wohin wir wollen. Auf solche paßt also das Wort des Herrn: „Du Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge und dann magst du sehen, fortzunehmen den Splitter aus dem Auge deines Bruders“. Wenn also der, welcher dir dies vorhält und sich seiner Erkenntnis rühmt, sich abgesondert hat von der Gemeinschaft mit den Heiden und gar nichts Fremdes an sich trägt, sondern schlechthin nackt und barfuß und ohne Haus im Gebirge wandelt, wie einige von den Tieren, die sich nur von Kräutern nähren, dann wird man es ihm verzeihen, weil er eben unsere Lebensbedürfnisse nicht kennt. Wenn er aber von den Menschen das sog. fremde Gut annimmt und den Typus tadelt, dann zeigt er sich selber als ganz ungerecht und sein Vorwurf prallt auf ihn zurück. Denn offenbar trägt er Fremdes an sich und begehrt, was nicht sein ist, und deswegen sagte der Herr: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet, denn mit welchem Gerichte ihr richten werdet, wird man euch richten“. Dies sagte er nicht etwa, damit wir die Fehlenden 422nicht zurückweisen oder dem Bösen beistimmen, sondern damit wir die Anordnungen Gottes nicht ungerecht beurteilen, da er alles, was gut und recht ist, vorausgesehen hat. Weil er nämlich wußte, daß wir mit unserem Vermögen, das wir von anderen empfingen, gut umgehen würden, sprach er: „Wer zwei Röcke hat, gebe dem, der nicht hat, und wer Speise hat, tue ähnlich“. Und: „Ich war nämlich hungrig, und ihr gabt mir zu essen, ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet“. Und: „Wenn du Barmherzigkeit tust, möge deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut“. Durch diese und andere Wohltaten werden wir gerechtfertigt, indem wir gleichsam mit Fremdem das Unsrige einkaufen. Von Fremdem aber rede ich nicht etwa, als ob die Welt für Gott etwas Fremdes wäre, sondern weil wir die Gaben solcher Art von anderen erhalten haben, ähnlich wie jene von den Ägyptern, die Gott nicht kannten. Und aus diesen Dingen erbauen wir uns das Zelt Gottes, indem in denen, welche Gutes tun, gemäß dem Worte des Herrn Gott wohnt: „Machet euch Freunde mit dem Mammon der Ungerechtigkeit, damit diese, wenn ihr vertrieben sein werdet, euch in die ewiges Zelte aufnehmen“. Denn was immer wir noch als Heiden von der Ungerechtigkeit erworben haben, das verwenden wir als Gläubige zum Nutzen des Herrn und werden gerechtfertigt.
§ 4
Also hatte dies seine typische Bedeutung, und notwendigerweise wurde hieraus das Zelt Gottes gemacht. Jene taten nichts Böses, wenn sie es nahmen, und wiesen im voraus auf uns hin, die wir mit fremden Gütern Gott dienen sollten. Denn alles, was Gott bei dem Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten machte, war ein Typus und Vorbild des zukünftigen Aufbruches der Kirche aus dem Heidentum. Und deshalb wird er sie schließlich von hier in ihr Erbe führen, das nicht Moses, der Diener Gottes, sondern Jesus, der Sohn Gottes, 423ihnen zum Erbe geben wird. Und wenn jemand etwas sorgfältiger die Worte der Propheten über das Weltenende und das, was Johannes, der Schüler des Herrn, in der Apokalypse sagt, erwägt, so wird er finden, daß die Heiden insgesamt dieselben Strafen erleiden werden, welche damals ein Teil der Ägypter erlitten hat.