§ 1
Allen Häretikern, doch zunächst den Markioniten und ihresgleichen, welche die Propheten von einem anderen Gotte abstammen lassen, sagen wir: Leset aufmerksamer das Evangelium, das von den Aposteln stammt und leset aufmerksamer die Propheten, so werdet ihr finden, daß alle Taten und Lehren und das ganze Leiden unseres Herrn von ihnen verkündet ist! Sollte euch dann aber der Gedanke kommen, zu fragen: Was hat denn der Herr durch seine Ankunft uns Neues gebracht? so werdet ihr erkennen, daß er etwas ganz Neues brachte, indem er sich selbst darbot, wie er verheißen war. Und gerade dies wurde verkündet, daß das 438Neue kommen werde, um den Menschen zu erneuern und lebendig zu machen. Denn des Königs Ankunft wird von den vorausgesandten Dienern angemeldet, damit die, welche ihren Herrn aufnehmen sollen, sich rüsten und sich bereit machen. Und wenn dann der König kommt, dann erfüllt die Untertanen die verheißene Freude, und sie empfangen von ihm die Freiheit und nehmen teil an seinem Anblicke und hören seine Worte und ergötzen sich an seinen Geschenken, und kein verständiger Mensch wird dann noch fragen, was der König denn Neues gebracht hat, was nicht verkündet war. Sich selbst nämlich hat er gebracht, und die genannten Güter, in welche die Engel zu schauen begehrten, hat er den Menschen geschenkt.
§ 2
Wäre aber Christus nicht so gekommen, wie er verheißen wurde, und hätte er die Worte der Propheten nicht erfüllt, dann wären seine Diener Lügner gewesen und nicht vom Herrn gesandt. Deshalb sprach er: “Glaubet nicht, daß ich gekommen bin, aufzulösen das Gesetz oder die Propheten; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Wahrlich, sage ich euch, bis vergeht Himmel und Erde, wird kein Jota und kein Strichlein vergehen von dem Gesetz und den Propheten, bis daß alles geschieht“. Alles nämlich erfüllte er bei seiner Ankunft und erfüllt noch in der Kirche bis zur Vollendung den von dem Gesetze verheißenen Neuen Bund. So sagt auch der Apostel Paulus in dem Briefe an die Römer: „Jetzt aber ist ohne Gesetz die Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden, bezeugt von dem Gesetz und den Propheten; denn der Gerechte lebt aus dem Glauben“. Daß aber der Gerechte aus dem Glauben leben wird, war von den Propheten verheißen worden.
§ 3
Woher aber hätten die Propheten die Ankunft des Königs und die von ihm verliehene Freiheit voraus sagen können und all das, was Christus tat und lehrte und wirkte und litt, und den Neuen Bund verkünden, 439wenn sie von einem andern Gott die prophetische Inspiration empfangen hätten, wenn sie den unaussprechlichen Vater nicht gekannt hätten, wie ihr sagt, und seine Anordnungen, die der Sohn Gottes bei seiner Ankunft auf der Erde ausgeführt hat? Auch könnt ihr dies nicht dem Zufall zuschreiben, gleich als ob das, was durch die Propheten von einem andern gesagt war, dies ähnlich bei dem Herrn zugetroffen sei. Denn alle Propheten verkündeten ein und dasselbe, und bei keinem der Alten ist es eingetroffen. Wäre das nämlich bei einem der Alten eingetroffen, dann hätten die, welche später kamen, doch nicht gesagt, daß dies in den letzten Zeiten sein werde. Außerdem gibt es keinen unter den Vätern oder Propheten oder den alten Königen, bei dem auch nur etwas Derartiges wahrhaft und in Sonderheit eingetroffen wäre. Alle nämlich verkündeten die Leiden Christi voraus, sie selbst aber waren weit entfernt von einem ähnlichen Leiden, wie es verkündet war. Auch die verheißenen näheren Umstände von dem Leiden des Herrn sind bei keinem andern eingetroffen: Denn weder ging die Sonne am Mittag bei dem Tode irgend eines der Alten unter, noch zerriß der Vorhang des Tempels, noch wurde die Erde erschüttert, noch spalteten sich die Felsen, noch standen die Toten auf, noch stand jemand von ihnen am dritten Tage selber auf, noch wurde er in den Himmel aufgenommen, noch öffneten sich bei seiner Ankunft die Himmel, noch glaubten die Heiden an den Namen eines anderen, noch hat einer von ihnen, der gestorben war und auferstand, das Neue Testament der Freiheit geöffnet. Also sprachen die Propheten von keinem anderen als dem Herrn, auf den all die genannten Zeichen zutreffen.
§ 4
Wenn aber jemand als Anwalt der Juden behaupten wollte, daß die Erbauung des Zorobabelischen Tempels nach dem babylonischen Exil und der Auszug des Volkes nach Ablauf der vierzig Jahre der Neue Bund sei, so möge er wissen, daß damals nur ein steinerner Tempel wiedererbaut wurde, wie ja auch das Gesetz, das auf steinernen Tafeln gegeben war, aufbewahrt wurde; ein neuer Bund aber wurde nicht geschlossen, sondern sie gebrauchten das mosaische Gesetz weiter 440bis zur Ankunft des Herrn. Von der Ankunft des Herrn aber ging der Neue Bund, der zum Frieden führte, und das lebendigmachende Gesetz über die ganze Erde aus, wie die Propheten verkündet haben: „Von Sion nämlich wird das Gesetz ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem und viel Volk überführen. Und umschmieden wird man die Schwerter zu Pflugscharen und die Lanzen in Sicheln, und nicht mehr werden sie lernen zu kämpfen“. Wenn also ein anderes Gesetz und Wort von Jerusalem ausgehen und so großen Frieden bei allen Völkern, die es aufnehmen, bewirken, und durch diese viel Volk der Torheit überführen soll, dann müssen die Propheten offenbar von dem anderen gesprochen haben. Wenn aber das Gesetz der Freiheit, d. h. das Wort Gottes, von den Aposteln, die von Jerusalem ausgingen, auf der ganzen Erde verkündet wurde und eine so große Veränderung bewirkt hat, daß es aus den kriegerischen Schwertern und Lanzen Pflugscharen und Sicheln gemacht hat, die es reichte zum Ernten, und wenn sie schon nicht mehr verstehen zu kämpfen, sondern „geschlagen, die andere Backe hinhalten“, dann haben die Propheten nicht von einem anderen gesprochen, sondern von dem, der es erreicht hat. Das aber ist unser Herr, und in ihm wird das Wort wahr: „Wer den Pflug gemacht, hat auch die Sichel aufgebracht“, d. h. das Wort, welches die erste Menschensaat machte, d. h. die Erschaffung Adams, der sammelt auch in den letzten Zeiten die Frucht. Und deswegen verband es auch den Anfang mit dem Ende, und da er der Herr beider Testamente ist, so zeigte er am Ende den Pflug, Holz mit Eisen verbunden, und reinigte so seine Erde, da das feste Wort, mit dem Fleische verbunden und solcher Gestalt vereint, die verwilderte Erde gesäubert hat. Im Anfang aber stellte er die Sichel dar durch Abel, der die Gesamtheit der gerechten Menschen bezeichnete. „Siehe nämlich“, heißt es, „wie der Gerechte umkommt und niemand danach schaut, und die gerechten 441Männer werden umgebracht, und niemand beachtet es im Herzen“. Dies jedoch wurde in Abel vorausgedacht, von den Propheten verheißen, in dem Herrn aber vollendet, und geradeso verhält es sich mit uns, indem der Körper seinem Haupte nachfolgt.
§ 5
Das paßt auch gegen die, welche behaupten, daß von einem andern Gott die Propheten und von einem andern Vater unser Herr komme, wenn sie nur einmal aufhören wollten mit ihrer so großen Unvernunft. Deswegen nämlich bemühen wir uns, die Beweise aus den Schriften beizubringen, damit wir sie durch deren Worte, so viel an uns liegt, widerlegen und sie zurückhalten von ihrer schrecklichen Gotteslästerung und sinnlosen Fabrikation vieler Götter.