§ 1
Aber nicht bloß die Propheten, sondern auch viele Gerechte sahen seine Ankunft im Hl. Geiste voraus und baten, jene Zeit zu erleben, in welcher sie ihren Herrn von Angesicht zu Angesicht sehen und seine Reden hören würden. Das hat der Herr kundgetan, indem er zu seinen Jüngern sprach: „Viele Propheten und Gerechte verlangten zu sehen, was ihr sehet, und haben nicht gesehen, und zu hören, was ihr höret, und haben nicht gehört“. Wie konnten sie denn verlangen zu hören und zu sehen, wenn sie von seiner bevorstehenden Ankunft nichts wußten? Wie konnten sie das aber vorherwissen, wenn sie diese Kenntnis nicht von ihm selbst empfangen hatten? Oder wie konnten die Schriften von ihm Zeugnis ablegen, wenn nicht ein und derselbe Gott durch das Wort alles den Gläubigen geoffenbart und gezeigt hätte? Bald redete er mit seinem Geschöpfe, bald gab er das Gesetz, bald tadelte er, bald ermahnte er, dann befreite er den Sklaven und nahm ihn an Kindesstatt an und verlieh ihm zur geeigneten Zeit die Erbschaft der Unsterblichkeit behufs Vollendung des Menschen. Wurde er doch geschaffen, um zu wachsen und sich zu vermehren, wie die Schrift sagt: „Wachset und mehret euch!“
§ 2
352Darin freilich unterscheidet sich Gott von dem Menschen, daß Gott macht, der Mensch aber gemacht wird. Der da macht, ist immer derselbe; was aber gemacht wird, muß einen Anfang und eine Mitte haben, ein Zunehmen und eine Vermehrung erleiden. Gott spendet Wohltaten, der Mensch empfängt sie. Gott ist in allem vollendet, sich selbst gleich und ähnlich, ganz Licht, ganz Verstand, ganz Wesenheit und die Quelle aller Güter, der Mensch aber schreitet fort und wächst Gott entgegen. Wie nämlich Gott immer derselbe ist, so schreitet der Mensch, der in Gott erfunden wird, immer weiter fort zu Gott. Gott hört niemals auf, wohlzutun und den Menschen zu bereichern, und der Mensch hört nicht auf, Wohltaten von Gott zu empfangen und sich von ihm bereichern zu lassen. Der Mensch, der Gott dankbar ist, ist ein Gefäß für seine Güte, ein Werkzeug seiner Verherrlichung; der undankbare aber, der seines Schöpfer verachtet und seinem Worte nicht gehorcht, ist wiederum ein Gefäß für sein gerechtes Gericht. Die aber sehr viel Frucht bringen und mehr Silber vom Herrn haben, denen versprach er, noch mehr zu geben: „Wohlan, du guter und getreuer Knecht, weil du in wenigem getreu warst, werde ich dich über vieles setzen, gehe ein in die Freude deines Herrn“. Sehr viel also verspricht der Herr.
§ 3
Sehr viel also versprach er, denen zu geben, die jetzt Frucht bringen, indem er die Gnaden vermehrt, aber nicht die Erkenntnis verändert. Er bleibt der Herr, und er offenbart sich als Vater. Ebenso erteilt ebenderselbe Herr durch seine Ankunft den späteren größere Vermehrung der Gnade als im Alten Testamente. Jene nämlich hörten von seinen Dienern, daß der König kommen werde, und freuten sich nicht wenig, weil sie auf seine Ankunft hofften. Die ihn aber mit ihren Augen sahen und die Freiheit empfingen und seine Gaben erlangten, die haben größere Gnade und reichlichere Freude. Über die Ankunft des Königs sich freuend, sprechen sie mit David: „Meine Seele frohlockt im Herrn, sie freut sich in seinem Heil“. Als er in 353Jerusalem einzog, da erkannten alle, die auf dem Wege Davids schmerzerfüllt einherzogen, ihren König. Ihre Kleider breiteten sie auf dem Weg aus und schmückten ihn mit grünen Zweigen und riefen mit großer Freude und Frohlocken: „Hosanna, Sohn Davids, gepriesen, der da kommt im Namen des Herrn, hosanna in der Höhe!“ Doch die schlechten Haushalter, welche die Niederen umgarnten und die Unmündigen beherrschten, wollten nicht, daß der König schon gekommen sei, und sprachen zu ihm: „Hörst du, was jene sagen?“ Und es sprach der Herr; „Habt ihr nicht gelesen: Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du Lob bereitet?“. Was also von David auf den Sohn Gottes gesagt war, nahm er für sich in Anspruch und zeigte, daß jene die Kraft der Schrift und die Heilsordnung Gottes nicht verstanden, daß er aber der von den Propheten verheißene Christus sei, dessen Name auf der ganzen Erde gelobt wird, indem aus dem Munde der Kinder und Säuglinge sein Vater ihm Lob bereitete. So wurde erhoben seine Herrlichkeit über die Himmel.
§ 4
Wenn demnach eben der gekommen ist, der von den Propheten als Gott verheißen wurde, unser Herr Jesus Christus, und wenn seine Ankunft reichere Gnade und größere Gaben denen brachte, die ihn aufnahmen, dann ist auch der Vater offenbar derselbe, der von den Propheten verkündet wurde, und der Sohn brachte bei seiner Ankunft die Kenntnis keines andern Vaters, sondern jenes, der von Anfang an verkündet wurde. Von ihm brachte er die Freiheit denen, die ordnungsmäßig mit willigem Gemüte und ganzem Herzen ihm dienen. Andere aber verachten ihn, wollen sich Gott nicht unterwerfen und suchen um menschlicher Ehre willen äußere Reinheit. Diese Vorschriften waren aber nur ein Vorbild künftiger Güter, indem das Gesetz gleichsam eine Schattenzeichnung machte und die ewigen Güter durch zeitliche, die himmlischen durch irdische darstellte. Die nun also noch mehr, als vorgeschrieben ist, zu beobachten vorgeben und ihre Gewissenhaftigkeit 354gleichsam höher als Gott stellen, inwendig aber voller Heuchelei, Begierde und aller Bosheit sind, die hat er für die ewige Verdammnis bestimmt und abgeschnitten von dem Leben.