§ 1
Einem jeden verwehrt der Herr die Behauptung, die Propheten stammten von einem anderen als seinem Vater, oder von irgend einer anderen Wesenheit als von ebendiesem Vater, oder irgend ein 445anderer als sein Vater habe die Dinge dieser Welt erschaffen. Denn er lehrt: „Es war ein Hausvater, und er pflanzte einen Weinberg und umgab ihn mit einem Zaun und grub in ihm eine Kelter und baute einen Turm und vermietete ihn an Bauern und reiste in die Fremde. Als aber die Zeit der Früchte herangekommen war, schickte er seine Knechte zu den Bauern, damit sie von seinen Früchten empfingen. Und die Bauern ergriffen die Knechte; den einen schlugen sie, den andern steinigten sie, den andern töteten sie. Wiederum schickte er andere Knechte, mehr als die früheren, und sie taten ihnen ähnlich. Zuletzt aber sandte er ihnen seinen einzigen Sohn, indem er sprach: Vielleicht werden sie sich scheuen vor meinem Sohn, Als die Bauern aber den Sohn sahen, sprachen sie bei sich: Dies ist der Erbe, kommt, lasset uns ihn töten, und wir werden sein Erbe haben. Und sie ergriffen ihn und warfen ihn aus dem Weinberge hinaus und töteten ihn. Wenn aber der Herr des Weinberges kommen wird, was wird er mit jenen Bauern tun? Und sie sprachen zu ihm: Die Bösen wird er böse verderben, und er wird seinen Weinberg an andere Bauern vermieten, die ihm die Früchte geben werden zu ihrer Zeit. Und wiederum sprach der Herr: Habt ihr niemals gelesen: Den Stein, welchen die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden? Von dem Herrn ist er gemacht, und er ist wunderbar in unsern Augen. Deshalb sage ich euch, daß fortgenommen werden wird von euch das Reich Gottes und dem Volke gegeben wird, das seine Früchte bringt“. Hierdurch zeigte er seinen Jüngern deutlich, daß ein und derselbe Hausvater, d. h. Gott Vater, durch sich selbst alles gemacht hat, daß aber die Landleute verschieden sind: die einen sind schmähsüchtig, hochmütig, unfruchtbar und Mörder ihres Herrn, die andern aber bringen in allem Gehorsam Früchte zu ihrer Zeit, und daß derselbe Hausvater einmal seine Knechte sandte und dann seinen Sohn. Derselbe Vater also, der seinen Sohn zu den Bauern sandte, die ihn töteten, der schickte auch die Knechte. Da der Sohn jedoch mit der höchsten 446Vollmacht von seinem Vater kam, durfte er sprechen: „Ich aber sage euch“, die Knechte jedoch, die von dem Herrn eben als Knechte kamen, die sagen nur: „Also spricht der Herr“.
§ 2
Denselben Herrn also, den jene den Ungläubigen verkündeten, predigte Christus denen, die ihm gehorchten; und die der Herr zuerst durch das Gesetz der Knechtschaft berufen hatte, die nahm er hernach an Kindesstatt an. Es pflanzte nämlich Gott den Weinberg des Menschengeschlechtes zuerst durch die Erschaffung Adams und die Erwählung der Patriarchen und übergab ihn den Bauern durch die Gesetzgebung des Moses. Dann umgab er ihn mit einem Zaun, d. h. er umgrenzte ihr Gebiet, und baute einen Turm, indem er Jerusalem erwählte. Dann grub er eine Kelter, indem er das Gefäß für den prophetischen Geist vorbereitete. Und so schickte er die Propheten bereits vor der babylonischen Gefangenschaft und wieder andere nach derselben, und zwar mehr als vorher, die Früchte fordern sollten, indem sie zu ihnen sprachen: „Reiniget eure Wege und eure Sitten, richtet ein gerechtes Gericht und tuet Barmherzigkeit und Erbarmen ein jeder seinem Bruder. Gegen die Witwe und die Waise, gegen den Fremdling und den Armen übet nicht Gewalt, und niemand gedenke der Bosheit seines Bruders in seinem Herzen, und einen falschen Eid sollt ihr nicht lieben. Waschet euch, seid rein, schaffet fort die Bosheit aus euren Herzen, lernet Gutes tun und suchet das Rechte, verteidigt den, der Gewalt leidet, richtet die Waise und schaffet Recht der Witwe und dann kommt und laßt uns reden, spricht der Herr“. Und wiederum: „.Bewahre deine Zunge vom Bösen und deine Lippen, daß sie nicht Trug reden. Wende dich ab vom Bösen und tue Gutes, suche den Frieden und folge ihm!“ Indem die Propheten dies verkündeten, suchten sie die Frucht der Gerechtigkeit. Da sie aber jenen 447nicht glaubten, sandte der Herr zuletzt seinen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus. Diesen schlugen die bösen Bauern und warfen ihn aus dem Weinberge hinaus. Nun aber umgab ihn der Herr Gott nicht mit einem Wall, sondern dehnte ihn aus über die ganze Welt und übergab ihn anderen Bauern, die Frucht geben zu ihrer Zeit, nachdem der Turm seiner Erwählung prächtig an allen Orten erhöht worden ist. Denn überall ist die herrliche Kirche und überall gegraben ringsherum die Kelter, denn überall nimmt man den Geist auf. Jene aber, die den Sohn Gottes verworfen haben und aus dem Weinberg hinausgeworfen und geschlagen haben, die hat gerechterweise Gott verworfen und die Bebauung den Heiden übergeben, die außerhalb des Weinberges waren. So sagt auch der Prophet Jeremias: „Verworfen hat der Herr und verstoßen das Volk, das solches tat, denn Böses taten Judas Söhne vor meinem Angesicht, spricht der Herr“. Und an anderer Stelle: „Ich habe über euch Wächter gesetzt. Höret die Stimme der Trompete! Und sie sprachen: Wir werden nicht hören. Darum haben die Heiden gehört, und die das Vieh hüten bei ihnen“. Es ist also ein und derselbe Gott Vater, der den Weinberg gepflanzt, das Volk herausgeführt, die Propheten sowie seinen Sohn gesandt, und den Weinberg anderen Bauern gegeben hat, welche die Früchte zu ihrer Zeit abliefern.
§ 3
Deshalb sprach der Herr zu seinen Jüngern, um uns zu guten Arbeitern vorzubereiten: „Gebet acht auf euch und wachet immer zu jeder Zeit, damit nicht einmal eure Herzen beschwert werden in Trank und Rausch und weltlichen Gedanken, und plötzlich vor euch steht jener Tag. Denn er wird über euch kommen wie eine Schlinge über alle, die da sitzen auf der Oberfläche der Erde. Es seien also eure Lenden umgürtet und eure Lampen brennend und ihr ähnlich den Leuten, die ihren Herrn erwarten. Denn wie es in den Tagen des Noe geschehen ist: sie aßen und tranken und kauften und verkauften, sie heirateten und gaben zur Ehe, 448und sie wußten es nicht, bis Noe in die Arche ging und die Sintflut kam und alles vernichtete. Und wie es geschehen ist in den Tagen des Lot: sie aßen und tranken, sie kauften und verkauften, sie pflanzten und bauten, bis daß Lot von Sodoma fortging. Da regnete Feuer vom Himmel und vernichtete alle. So wird es sein bei der Ankunft des Menschensohnes. Wachet also, denn ihr wißt nicht, an welchem Tage euer Herr kommen wird“. Womit er verkündet, daß ein und derselbe Herr zu den Zeiten des Noe wegen des Ungehorsams der Menschen die Sintflut kommen ließ und zu den Zeiten Lots wegen der Menge der Sünden der Sodomiter Feuer vom Himmel regnen ließ und am Ende der Welt wegen eben desselben Ungehorsams und ähnlicher Sünden den Tag des Gerichts wird kommen lassen, an dem es nach seinen Worten Sodoma und Gomorrha erträglicher ergehen wird als der Stadt und dem Hause, die das Wort seiner Apostel nicht aufnahmen. „Und du, Kapharnaum“, sprach er, „wirst du etwa zum Himmel erhoben werden? Bis zur Hölle wirst du hinabsteigen. Denn wenn in Sodoma die Wunder geschehen wären, welche in dir geschehen sind, wäre es geblieben bis auf den heutigen Tag. Jedoch sage ich euch, erträglicher wird es Sodoma sein an dem Tage des Gerichtes als euch“.
§ 4
Ebenso ist es auch immer ein und dasselbe Wort, welches denen, die ihm glauben, „die Quelle des Wassers zum ewigen Leben“ gibt und den unfruchtbaren Feigenbaum sogleich, verdorren lässt. Zu den Zeiten des Noe führte es die Sintflut herbei, um das arge Geschlecht der damaligen Menschen auszulöschen, die für Gott keine Frucht bringen konnten, da sich die treulosen Engel mit ihnen vermischt hatten, und um ihren Sünden Einhalt zu gebieten, den Urtypus des Menschen aber, die Gestalt des Adam, zu bewahren. Ebendasselbe Wort regnete zu den Zeiten des Lot über Sodoma und Gomorrha Feuer und Schwefel vom Himmel, als „ein Beispiel des 449gerechten Gerichtes Gottes“, damit alle erkennen sollten, daß „ein jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, ausgehauen werden wird und ins Feuer geworfen“; und „erträglicher wird es bei dem allgemeinen Gerichte mit Sodoma verfahren“, als mit denen, die die Wunder sahen, welche es tat, und ihm nicht glaubten, noch seine Lehre aufnahmen. Wie er nämlich größere Gnade durch seine Ankunft denen verlieh, die an ihn glaubten und seinen Willen tun, so zeigte er auch an, daß im Gerichte größere Strafe die erleiden werden, die ihm nicht glaubten. Denn über alle ist er in gleicher Weise gerecht, und „wem er mehr gab, von dem wird er auch mehr verlangen“, nicht weil er einen andern Vater kennen lehrte, wie wir weit und breit gezeigt haben, sondern weil er ein größeres Gnadengeschenk vom Vater durch seine Ankunft auf das Menschengeschlecht ausgegossen hat.
§ 5
Wenn aber jemandem das Gesagte noch nicht genügt, um zu glauben, daß ein und derselbe Vater die Propheten gesandt hat und unsern Herrn, so öffne er die Tür seines Herzens und rufe den Herrn und Lehrer Jesus Christus an und höre was er sagt: „Das Himmelreich ist einem Könige gleich, der seinem Sohne Hochzeit machte und seine Knechte ausschickte, um zusammenzubitten die, welche zur Hochzeit geladen waren. Und da sie nicht gehorchen wollten“, heißt es, „schickte er andere Knechte und ließ sagen: Saget denen, welche geladen sind: Kommet, mein Mahl habe ich bereitet, meine Ochsen und alles Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit, kommet zur Hochzeit! Jene aber gingen fort und kümmerten sich nicht um ihn, die einen auf ihren Acker, die anderen zu ihrem Geschäft, die übrigen aber ergriffen die Knechte, taten den einen Schmach an und töteten die anderen. Als aber der König es gehört hatte, erzürnte er, und er schickte seine Heere aus und tötete jene Mörder und steckte ihre Stadt in Brand und sprach zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar 450bereit, aber die Geladenen waren nicht würdig. Gehet also hinaus an die Ausgänge der Straßen, und wieviele ihr findet, sammelt zur Hochzeit! Und es gingen aus seine Knechte und sammelten alle, wieviele sie fanden, gute und schlechte, und gefüllt wurde die Hochzeit von den Gästen. Als aber hineinging der König, um die Gäste zu sehen, sah er dort einen Menschen, nicht bekleidet mit dem Hochzeitskleide, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hierher gekommen, da du nicht das Hochzeitskleid hast? Als jener aber verstummte, sprach der König zu den Dienern: Ergreifet ihn an Händen und Füßen und werfet ihn in die äußerste Finsternis, dort wird sein Weinen und Zähneknirschen. Viele nämlich sind berufen, wenige aber auserwählt“. Denn deutlich zeigte der Herr auch durch diese seine Worte alles an: daß dieser eine König und Herr der Vater aller ist, wie er von ihm früher sagte: „Du sollst auch nicht bei Jerusalem schwören, weil es die Stadt des großen Königs ist“, und daß er von Anfang an seinem Sohne die Hochzeit bereitete und gemäß seiner unendlichen Güte durch seine Knechte die früheren zum Hochzeitsmahle berufen hat, und als jene nicht gehorchen wollten, er wiederum andere Knechte aussandte, um sie zusammenzuberufen. Aber auch so gehorchten sie ihm nicht, sondern steinigten die, welche seinen Ruf überbrachten, und töteten sie. Da vernichtete er jene, indem er seine Heere aussandte, und steckte ihre Stadt in Brand. Alsdann, aber rief er von allen Wegen, d. h. aus sämtlichen Völkern, zu dem Hochzeitsmahle seines Sohnes zusammen, wie er auch durch Jeremias spricht: „Und ich schickte zu euch als meine Knechte die Propheten zu sagen: Bekehret euch ein jeder von seinem so bösen Wege und machet besser eure Werke!“ Und abermals durch ebendenselben: „Und ich sandte zu euch alle meine Knechte, die Propheten, bei Tage und vor dem Lichte, und sie gehorchten mir nicht, noch spannten sie ihre Ohren. Und du sollst zu ihnen sprechen dieses Wort: Dies Geschlecht, das nicht gehorchte der 451Stimme des Herrn, noch Zucht annahm, es verschwand die Treue aus ihrem Munde“. Derselbe Herr also, der uns von allen Seiten durch die Apostel berief, der hat auch ehemals durch die Propheten berufen, wie aus den Reden des Herrn gezeigt wird, und keineswegs haben die Propheten, wenn auch anderen Völkern, so doch von einem andern Gott gepredigt als die Apostel; ein and denselben gilt es, wenn diese von dem Herrn sprachen, jene den Vater verkündeten, jene die künftige Ankunft des Gottessohnes meldeten, diese seine bereits erfolgte Ankunft denen verkündeten, die ferne wohnten.
§ 6
Weiter tat der Herr kund, daß wir, abgesehen von der Berufung, uns auch mit den Werken der Gerechtigkeit schmücken müssen, damit über uns der Geist Gottes ruhe. Das ist das hochzeitliche Kleid, von dem auch der Apostel redet, wenn er sagt: „Wir wollen nicht ausgezogen, sondern bekleidet werden, damit das Sterbliche von der Unsterblichkeit verschlungen werde“. Die aber zu dem Mahle Gottes berufen sind, wegen ihres schlechten Wandels jedoch den Hl. Geist nicht empfangen haben, die werden nach seinem Worte „in die äußerste Finsternis hinausgeworfen werden“. Es ist also offenbar derselbe König, der die Gläubigen von allen Seiten zu der Hochzeit seines Sohnes berufen hat und das unvergängliche Gastmahl ihnen schenkte, und andererseits in die äußerste Finsternis den werfen läßt, der kein hochzeitliches Kleid an hat, d. h. ihn verachtet. Denn wie in dem Alten Testamente er „an vielen von ihnen kein Wohlgefallen hatte“, so sind auch hier „viele berufen, wenige auserwählt“. Derselbe Gott also, der richtet, ist auch der Vater, der zum Heile beruft, er schenkt den einen das ewige Licht und läßt die, welche kein hochzeitliches Kleid anhaben, in die äußerste Finsternis hinauswerfen. Derselbe Herr, der Vater unseres Herrn, der die Propheten gesandt hat, beruft wegen seiner unendlichen Güte zwar Unwürdige, sieht aber darauf, ob die Berufenen auch ein geziemendes Kleid 452anhaben, wie es sich schickt für die Hochzeit seines Sohnes. Denn nichts Unpassendes oder Schlechtes kann ihm gefallen. So sagt ja auch der Herr zu dem, den er geheilt hatte: „Siehe, du bist gesund geworden, sündige nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres geschehe“. Denn der Gute, Gerechte, Reine und Unbefleckte wird nichts Böses, Ungerechtes oder Abscheuliches in seinem Brautgemache dulden. Das ist aber der Vater unseres Herrn, durch dessen Vorsehung alles besteht, und auf dessen Befehl alles gelenkt wird. Unverdienterweise gibt er seine Geschenke, denen es zukommt; nach Verdienst aber vergilt er ganz geziemend den Undankbaren, die seine Güte nicht erkennen wollen, als gerechtester Vergelter, und deswegen heißt es: Er sandte seine Heere aus und vernichtete jene Mörder und zündete ihre Stadt an. Sein Heer aber heißt es, weil alle Menschen Gott gehören: „Des Herrn ist die Erde und ihre Fülle, der Erdkreis und alle, die darauf wohnen“. Und deshalb sagt Paulus im Römerbriefe: „Es gibt nämlich keine Gewalt außer von Gott. Die aber bestehen, sind von Gott angeordnet. Wer sich daher der Gewalt widersetzt, widersetzt sich der Anordnung Gottes; die sich aber widersetzen, ziehen sich selbst die Verdammnis zu. Denn die Fürsten sind nicht zum Schrecken für das gute Werk, sondern für das böse. Willst du aber die Gewalt nicht fürchten, dann tue Gutes, und du wirst davon Lob haben, denn Gottes Dienerin ist sie dir zum Guten. Wenn du aber Böses tust, so fürchte! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Denn sie ist Gottes Dienerin, Rächerin zum Zorne für den, der Böses tut. Seid daher untertan, nicht bloß wegen des Zornes, sondern auch wegen des Gewissens. Deswegen zahlt ihr auch Abgaben, als Gottes Dienerinnen dienen sie gerade hierzu“. Der Herr also und die Apostel verkünden einen Gott Vater, den, der das Gesetz gab, die Propheten sandte und alles gemacht hat; und deswegen heißt es: „Er sandte seine Heere“, denn 453jeder Mensch, insofern er Mensch ist, ist sein Geschöpf, wenn er auch seinen Gott nicht kennen sollte. „Der seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnet über Gerechte und Ungerechte“, dem verdanken auch alle ihr Dasein.
§ 7
Doch nicht allein durch das vorerwähnte Gleichnis, sondern auch durch die Parabel von den zwei Söhnen, von denen der jüngere sein Vermögen verschwendete, indem er mit Buhlerinnen lebte, wies er hin auf ein und denselben Vater, der dem älteren Sohne nicht einmal ein Böcklein gönnte, wegen des verloren gewesenen jüngeren Sohnes aber das Mastkalb schlachten ließ und ihm das erste Kleid schenkte. Auch in dem Gleichnis von jenen Arbeitern, die zu verschiedenen Zeiten in den Weinberg geschickt wurden, offenbart sich ein und derselbe Hausherr: die einen berief er sogleich im Anfange der Erschaffung der Welt, die anderen später, wieder andere um die Mitte der Zeit und noch andere, als die Zeit schon vorgeschritten war, und abermals andere am Ende: denn es gibt viele Arbeiter, jeder zu seiner Zeit, aber nur einen Hausvater, der sie beruft. Es gibt nämlich nur einen Weinberg, wie es auch nur eine Gerechtigkeit gibt, und einen Verwalter, den Geist Gottes, der alles anordnet, und ähnlich auch nur einen Lohn, denn alle empfingen einen Zehner mit dem Bilde und der Inschrift des Königs, die Erkenntnis des Sohnes Gottes, welche die Unsterblichkeit ist. Deswegen begann er auch bei den letzten mit der Austeilung des Lohnes, da sich der Herr in den letzten Zeiten offenbarte und allen sich vorstellte.
§ 8
Der Zöllner aber, der im Beten den Pharisäer übertraf, erhielt vom Herrn das Zeugnis, daß er mehr gerechtfertigt sei, nicht deswegen, weil er einen andern Vater verehrte, sondern weil er mit großer Demut, ohne Stolz und Überhebung vor ebendemselben Gott seine Sünden bekannte. Auch das Gleichnis von den beiden 454Söhnen, die in den Weinberg geschickt wurden, weist hin auf ein und denselben Vater. Der eine von ihnen widersprach dem Vater, was ihm nachher leid tat, als ihm die Reue nichts mehr nützte, der andere aber versprach sogleich dem Vater zu gehen, ging aber nicht — denn „jeder Mensch ist lügenhaft“ und „das Wollen zwar liegt nahe, er findet aber nicht das Vollbringen“. Auch in dem Gleichnis von dem Feigenbaume, von dem der Herr sagt: „Siehe, schon drei Jahre komme ich, Frucht zu suchen an diesem Feigenbaume, und ich finde sie nicht“, weist er deutlich darauf hin, daß er durch die Propheten seine Ankunft verkündete, durch die er mehrmals gekommen ist, um die Frucht der Gerechtigkeit von ihnen zu suchen, die er nicht fand, und daß deswegen der Feigenbaum ausgehauen werden wird. Und ohne Gleichnisrede sprach der Herr zu Jerusalem: „Jerusalem, Jerusalem, das du tötest die Propheten und steinigest diejenigen, welche zu dir gesandt werden, wie oft wollte ich versammeln deine Söhne, wie die Henne ihre Küchlein unter den Flügeln, und du hast nicht gewollt. Siehe, es wird euch euer Haus öde zurückgelassen“. Was nämlich gleichnisweise gesagt war: „Siehe, drei Jahre komme ich Frucht suchend“, und ebenso das deutliche Wort: „Wie oft wollte ich deine Söhne versammeln“, diese Worte sind eine Lüge, wenn wir sie nicht auf seine von den Propheten verkündete Ankunft beziehen, da er doch nur das einemal und niemals vorher zu ihnen gekommen ist. Da aber der, welcher die Patriarchen und auch uns erwählte, dasselbe Wort Gottes ist, das jene immer besuchte durch den prophetischen Geist und uns, die wir von allen Seiten berufen sind, durch seine Ankunft, so sagt er gleichfalls mit Recht: „Viele von Aufgang und Untergang werden kommen und zu Tische sitzen mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreiche. Die Söhne des Reiches aber werden in die äußerste Finsternis gehen, dort wird 455Weinen und Zähneknirschen sein“. Wenn nun diejenigen, die durch die Predigt seiner Apostel vom Aufgang und Niedergang an ihn glauben, mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreiche zu Tische sitzen werden, mit ihnen an dem Mahle teilnehmend, dann hat offenbar ein und derselbe Gott, der die Patriarchen erwählte, das Volk heimgesucht und die Heiden berufen.