§ 1
Die Überlieferung ihrer Vorsteher, die sie nach dem Gesetze zu beobachten vorgaben, war dem Gesetze des Moses entgegengesetzt. Deswegen sagt auch Isaias: „Deine Wirte mischen Wein mit Wasser“, indem er dadurch anzeigte, daß die Ältesten dem herben Gesetze Gottes ihre verwässerte Tradition beimischten und ein falsches, dem Gesetze widersprechendes Gesetz aufstellten. Das tut auch der Herr kund, indem er zu ihnen spricht: „Warum übertretet ihr das Gesetz Gottes wegen eurer Tradition?“ Aber sie vereitelten nicht nur das Gesetz Gottes durch ihre Übertretung, indem sie Wasser mit Wein mischten, sondern bildeten sogar einen Gegensatz mit ihrem Gesetz, das bis heute das pharisäische genannt wird. Darin wird einiges fortgenommen, anderes hinzugefügt, einiges nach ihrem Willen ausgelegt, welcher Stellen sich ihre Lehrer besonders bedienen. Indem sie auf diese Überlieferungen besonderes Gewicht legten, wollten sie sich dem Gesetz nicht unterordnen, das sie für die Ankunft Christi erzog, und tadelten noch den Herrn, daß er am Sabbat heilte, was, wie wir vorher gezeigt haben, das Gesetz nicht verbot. Heilten sie doch selbst in gewisser Hinsicht, indem sie den Menschen am Sabbat beschnitten, und tadelten sich selber nicht, wenn sie auf Grund ihrer Tradition und des vorgenannten pharisäischen Gesetzes das Gesetz Gottes übertraten und die Vorschrift des Gesetzes nicht hielten, d. h. die Liebe Gottes.
§ 2
Daß aber dies das erste und größte Gebot ist, das folgende aber die Liebe des Nächsten, das hat der 355Herr gelehrt, indem er sagte, daß das ganze Gesetz und die Propheten an diesen Geboten hängen. Auch hat er selbst kein anderes und größeres Gebot als dieses gebracht, sondern dies nur für seine Schüler erneuert, indem er ihnen befahl, Gott aus ganzem Herzen zu lieben und die andern wie sich. Wäre er aber von einem andern Vater hergekommen, dann hätte er niemals aus dem Gesetze das erste und größte Gebot übernommen, sondern doch noch mit allen Kräften danach gestrebt, ein größeres als dies von dem vollkommenen Vater zu bringen, und nicht das aufzunehmen, das von dem Gott des Gesetzes gegeben war. Auch Paulus sagt: „Die Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe“; und wenn alles andere aufgehört habe, bleibe Glaube, Hoffnung und Liebe; das größte aber von allem sei die Liebe; nichts gelte die Wissenschaft ohne Gottesliebe, noch die Kenntnis der Geheimnisse, noch der Glaube, noch die Prophetengabe, sondern alles sei eitel und vergeblich ohne die Liehe; die Liebe aber mache den vollkommenen Menschen aus, und der, welcher Gott liebt, sei vollkommen in diesem und im zukünftigen Leben. Niemals nämlich hören wir auf, Gott zu lieben, und je mehr wir ihn anschauen werden, umso mehr lieben wir ihn.
§ 3
Da nun im Gesetz und im Evangelium das erste und größte Gebot ist, Gott den Herrn aus ganzem Herzen zu lieben, und das zweite, diesem ähnlich, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, so ist offenkundig der Urheber des Gesetzes und der Urheber des Evangeliums ein und derselbe. Die Übereinstimmung der Gebote für das vollkommene Leben in beiden Testamenten weist auf denselben Gott hin. Die besonderen Gebote passte er den besonderen Umständen an; die wichtigsten und höchsten Gebote aber, ohne die man nicht gerettet werden kann, sind in beiden Testamenten dieselben.
§ 4
Daß aber das Gesetz von keinem andern Gotte stammt, das ergibt sich mit schlagender Beweiskraft aus den Worten, die der Herr an die Menge und an die Jünger richtete, die von ihm belehrt wurden: „Auf dem Stuhle Moses sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. 356Daher beobachtet und tut alles, was sie euch sagen, nach ihren Werken aber sollt ihr nicht tun. Denn sie sagens und tuns nicht. Sie binden nämlich schwere Bündel und legen sie auf die Schultern der Menschen; sie selbst aber wollen nicht einmal mit dem Finger sie bewegen“. Er tadelt also nicht das Gesetz, das von Moses gegeben wurde, sondern riet, es zu halten, solange noch Jerusalem bestand, und tadelt sie deshalb, weil sie die Worte des Gesetzes verkündeten, aber ohne Liebe waren und deswegen ungerecht gegen Gott und gegen die Nächsten. So sagt Isaias: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, ihr Herz aber ist ferne von mir. Doch vergebens ehren sie mich, da sie die Lehren und Gebote von Menschen lehren“. Nicht das mosaische Gesetz nennt er Gebote von Menschen, sondern die Traditionen ihrer Vorsteher, die sie sich gemacht hatten und durch deren Beobachtung sie das Gesetz Gottes vereitelten, so daß sie seinem Worte nicht gehorchten. Dieses nämlich sagt auch Paulus von ihnen: „Da sie nämlich die Gerechtigkeit Gottes nicht kennen und ihre eigene Gerechtigkeit aufstellen wollen, unterwerfen sie sich der Gerechtigkeit Gottes nicht. Denn das Ende des Gesetzes ist Christus, zur Gerechtigkeit jedem, der glaubt“. Wie wäre aber Christus das Ende des Gesetzes, wenn er nicht auch der Anfang desselben wäre? Der das Ende brachte, der hat auch den Anfang gewirkt, und er ist es, der dem Moses sagte: „Mit meinen Augen habe ich gesehen die Quälerei meines Volkes, das in Ägypten ist, und ich bin herabgestiegen, um sie zu erretten“. So gewöhnte sich schon im Anfange das Wort, hinauf- und herabzusteigen, um die zu erlösen, denen es schlecht ging.
§ 5
Daß aber das Gesetz im voraus die Menschen lehrte, Christus zu folgen, hat er selbst kundgetan. Als einer ihn fragte, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erwerben, antwortete er ihm: „Wenn du in das Leben 357eingehen willst, so beobachte die Gebote!“ Und als jener fragte: Welche? antwortete er ihm wiederum: „Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben, ehre deinen Vater und deine Mutter und liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Damit legte er denen, die ihm folgen wollten, die Gebote gleichsam als Stufen zu dem Eingang ins Leben vor; denn was er damals einem sagte, gilt für alle. Als jener dann sagte: „Alles habe ich getan“ — vermutlich hatte er es nicht getan, sonst hätte der Herr ihm nicht gesagt: Halte die Gebote — da legte der Herr den Finger auf seine Habsucht, indem er sprach: „Wenn du vollkommen sein willst, dann gehe hin, verkaufe alles, was du hast und verteile es unter die Armen, und komme und folge mir nach!“ Der Apostel Erbe verhieß er denen, die so tun wurden; aber keinen anderen Gott verkündete er denen, die ihm folgten, außer dem, der von Anfang an von dem Gesetze verkündet war, noch einen anderen Sohn, noch eine Mutter, noch die Enthymesis eines Äonen, der in Leidenschaft geriet oder ins Unglück, noch ein Pleroma von dreißig Äonen, das, wie wir gezeigt haben, leer und unbeständig ist, noch die anderen häretischen Fabeln. Vielmehr lehrte er, daß man die Gebote beobachten müsse, die Gott von Anfang an gegeben hat, die alte Begierlichkeit durch gute Werke ertöten und Christus folgen. Daß aber die Verteilung des Besitzes die alte Begierlichkeit ertöte, das tat Zachäus kund mit den Worten: „Siehe, die Hälfte von meinen Gütern gebe ich den Armen, und wenn ich wen um etwas betrogen habe, erstatte ich es vierfach“.