§ 1
Wenn er einige Engel des Teufels nannte, denen das ewige Feuer bereitet ist, und von dem Unkraut wiederum sagt: „Das Unkraut sind die Söhne des Bösen“, dann muß man bemerken, daß er alle Abtrünnigen dem zuschreibt, welcher der Urheber der Übertretung ist. Aber keineswegs hat jener aus eigener Kraft Engel oder Menschen gemacht. Denn offenbar konnte der Teufel gar nichts machen, da er ja wie die übrigen Engel selbst ein Geschöpf Gottes ist. Denn alles hat Gott gemacht, wie auch David sagt: „Er sprach, und es ist geworden; er befahl, und es ist erschaffen“.
§ 2
Obgleich Gott alles gemacht hat und der Teufel für sich und die anderen nur die Ursache des Abfalls 470geworden ist, so nennt die Schrift mit Recht diejenige*» welche im Abfall verharren, immer Söhne des Teufels und Engel des Bösen. Sohn nämlich kann, wie einer vor uns gesagt hat, in zweifachem Sinne verstände» werden: Der eine gilt als Sohn der Natur nach, weil er als solcher geboren wurde, der andere insofern, als er dazu gemacht wurde, wiewohl zwischen beiden ein Unterschied ist, da ja der eine sein leiblicher Sohn ist, der andere aber nur dazu gemacht wurde, sei es durch die Erschaffung oder durch Lehrunterricht. Wer nämlich von jemand unterrichtet ist durch das Wort, der wird Sohn des Lehrers und jener sein Vater genannt. Infolge der natürlichen Erschaffung aber sind wir alle gleichsam Söhne Gottes, weil wir alle von Gott gemacht sind. In anbetracht ihres Gehorsams aber und ihrer Anschauungen sind nicht alle Söhne Gottes, sonder» nur die, welche ihm glauben und seinen Willen tun. Die aber ihm nicht glauben und seinen Willen nicht tun, sind Engel und Söhne des Teufels, Da nun dem so ist, spricht er bei Isaias: „Söhne habe ich erzeugt und erhöht, sie aber haben mich verachtet“. Und ein andermal nennt er diese fremde Söhne: „Fremde Söhne haben mir gelogen“. Der Natur nach sind sie seine Söhne, weil er sie gemacht hat, aber nach ihren Werken sind sie nicht seine Söhne.
§ 3
Wie nämlich bei den Menschen ungehorsame Söhne, von den Vätern verstoßen, der Natur nach zwar ihre Söhne sind, aber nicht mehr dem Gesetz nach, weil sie ihre natürlichen Eltern nicht mehr beerben, geradeso werden bei Gott die, welche ihm nicht gehorchen, vom ihm verstoßen und hören auf, seine Söhne zu sein. Daher können sie auch von ihm kein Erbe empfangen, wie David sagt: „Entfremdet sind die Sünder seit dem Mutterleibe, der Zorn ist über ihnen nach dem Bilde der Schlange“. Deshalb nannte der Herr gewisse Menschen Natterngezücht, weil sie wie jene Tiere in 471Arglist wandeln und die anderen verletzen. „Hütet euch“, sagt er, «vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer!“ Von Herodes spricht er: „Saget diesem Fuchs“, womit er auf seine Verschlagenheit und Hinterlist hinweist. Deswegen sagt David: „Der Mensch, zu Ehren erhoben, ist ähnlich geworden den Tieren“, und Jeremias: „Rasende Hengste sind sie um die Weiber geworden, ein jeder wieherte nach dem Weibe seines Nächsten“. Und als Isaias in Judäa predigte und mit Israel rechtete, nannte er sie Fürsten von Sodoma und Volk von Gomorrha, gebrauchte ähnliche Ausdrücke, weil ihr Abfall und ihre Sünden sie den Sodomitern ähnlich machten. Und weil sie nicht Gott von Natur so gemacht hatte, sondern weil sie auch gerecht hätten handeln können, gibt er ihnen den guten Rat: „Waschet euch und seid rein, schaffet weg die Bosheiten eurer Seelen aus meinen Augen, stehet ab von euren Ungerechtigkeiten!“ Wenn sie ebenso wie die Sodomiter frevelten und sündigten, erhielten sie denselben Tadel wie jene; wollten sie sich aber bekehren und Buße tun und von ihrer Bosheit abstehen, dann konnten sie auch Söhne Gottes sein und die Erbschaft der Unvergänglichkeit erlangen, welche er gewährt. Insofern sie aber dem Teufel glauben und seine Werke tun, nennt er sie Engel des Teufels und Söhne des Bösen, obgleich von Anfang alle von ein und demselben Gott gemacht wurden. Wenn sie also glauben und im Gehorsam gegen Gott verharren und seine Lehre bewahren, dann sind sie Söhne Gottes, wenn sie aber von ihm abfallen und gegen ihn sündigen, dann gehören sie zu dem Teufel als Herrn, der zuerst für sich und dann für die anderen der Urheber des Abfalls geworden ist.
§ 4
Da aber viele Aussprüche des Herrn übereinstimmend einen und denselben Vater als Schöpfer dieser Welt verkünden, so mußten wir wegen derer, die in vielen Irrtümern befangen sind, vielerlei beibringen, damit 472sie, auf so vielfache Weise widerlegt, sich vielleicht zur Wahrheit bekehrten und gerettet würden.
§ 5
Wir müssen aber der gegenwärtigen Abhandlung über die Reden des Herrn im folgenden noch die Lehre des Paulus anfügen, seine Anschauung untersuchen und den Apostel erklären, und auch darlegen, wie die Häretiker, welche die Worte Pauli ganz mißverstehen, diese anders deuten, und die Torheit ihres Unverstandes aufdecken. Wir werden aus demselben Paulus, aus dem sie uns Fragen vorlegen, beweisen, daß sie lügen, der Apostel aber der Prediger der Wahrheit ist und all seine Lehren mit dem Evangelium der Wahrheit übereinstimmen, wie er gelehrt hat, daß ein und derselbe Gott Vater, der zu Abraham gesprochen hat, auch das Gesetz gab, die Propheten vorausschickte, seinen Sohn sandte und seinem Geschöpfe, das aus Fleisch besteht, das Heil schenkt.
§ 6
Wenn wir dann noch die übrigen Reden des Herrn, in denen er nicht gleichnisweise, sondern in klaren Worten von seinem Vater spricht, und die Erklärung der Briefe des seligen Apostels im nächsten Buche auseinanderlegen, dann haben wir Dir das vollständige Werk über die Überführung und Widerlegung der fälschlich sogenannten Gnosis mit Gottes Hilfe dargeboten, uns selbst und Dich in der Bekämpfung aller Häretiker in fünf Büchern geübt.