§ 1
Die Gaben aber und Weihegeschenke und alle Opfer empfing das Volk unter einem Bilde, wie es dem Moses auf dem Berge ebenderselbe Gott zeigte, dessen Namen auch jetzt in der Kirche unter allen Völkern verherrlicht wird. Diese irdischen, uns betreffenden Anordnungen sind natürlich ein Abbild der himmlischen Dinge und gehen auf denselben Gott zurück. Denn anders konnte er das Bild der geistigen Dinge nicht wiedergeben. Wenn nun aber die überhimmlischen und geistigen Dinge, die für uns unsichtbar und unaussprechlich sind, wiederum ein Typus anderer, himmlischer Dinge und eines anderen Pleroma sein sollen und Gott das Abbild eines anderen Vaters, dann ist das eine ganz irrige, törichte und stumpfsinnige Behauptung. Denn dann müßte man, wie wir schon oftmals gezeigt haben, für die Typen immer andere Typen und für die Abbilder immer andere Urbilder erfinden, und so würde der Geist niemals bei dem einen und wahren Gott haltmachen. So haben sich ihre Gedanken über Gott erhoben, und in ihren Herzen haben sie sich über den Meister verstiegen, wenigstens ihrer Idee nach, in Wahrheit aber sind sie abgewichen von dem wahren Gott.
§ 2
Ihnen könnte man gerechterweise entgegenhalten, was die Schrift zu verstehen gibt: Warum erhebt ihr eure Gedanken über Gott, ihr unvernünftigen Toren? Ihr habt gehört, „daß die Himmel gemessen sind in 382seiner Hand“. Sagt mir denn doch das Maß und gebt mir an die unaussprechliche Menge der Ellen! Setzt mir auseinander die Fülle und Breite und Länge und die Höhe, den Anfang und das Ende der Abmessung, was des Menschen Herz nicht begreift noch versteht! Denn wahrhaft groß sind die himmlischen Schatzkammern; unausmeßbar im Herzen ist Gott und unbegreiflich im Gemüte, der die Erde mit seiner Faust umfaßt. Wer überschaut das Maß seiner Rechten, wer kennt seinen Finger, wer versteht seine Hand, die das Unermeßliche mißt, die mit ihrem Maße das Maß der Himmel mißt und mit der Faust die Erde samt ihren Abgründen umschließt, die in sich enthält die Breite und Weite, die Tiefe nach unten, die Höhe nach oben, für die gesamte sichtbare, hörbare, erkennbare und unsichtbare Schöpfung? „Über allem Anfang und aller Macht und Herrschaft und jedem Namen, der genannt wird“, höher als alles, was gemacht und erschaffen ist, steht Gott. Er erfüllt die Himmel und durchschaut die Abgründe und ist mit einem jeden von uns. „Ich bin ein Gott, der nahe ist“, spricht er nämlich, „und nicht ein Gott aus der Ferne. Wenn ein Mensch sich im Verborgenen verbirgt, soll ich ihn nicht sehen?“ Seine Hand umfaßt ja alles, sie erleuchtet die Himmel und das, was unter dem Himmel ist, sie „erforschet Nieren und Herzen“, ist in unserem Verborgenen und Geheimen und nährt uns offenkundig und erhält uns.
§ 3
Wenn aber der Mensch nicht einmal die Fülle und Größe seiner Hand begreifen kann, wie wird er dann in seinem Herzen den so großen Gott fassen und verstehen können? Und gleich als ob sie diesen schon gemessen und durchschaut hätten und ihn ganz durchforscht hätten, erdichten sie über ihm noch ein anderes Pleroma von Äonen und einen anderen Vater, obwohl sie nicht einmal zum Himmel hinaufschauen, sondern wahrhaftig nur in den bodenlosen Bythos ihrer Verrücktheit hinabsteigen. So muß denn ihr Vater dort, wo das 383Pleroma anfängt, ein Ende haben, ihr Demiurg kann aber nicht einmal bis dorthin reichen. Und so ist nach ihrer Behauptung keiner von beiden vollkommen und allumfassend. Fehlt ihm doch die gesamte Schöpfung, die außerhalb des Pleroma ist, jenem aber das, was innerhalb desselben ist, und keiner von ihnen ist Gott über das Ganze. Daß aber die Größe Gottes aus der Schöpfung niemand angeben kann, ist allen klar; und ebenso wird jeder, der eine würdige Vorstellung von Gott hat, zugeben, daß seine Größe kein Ende kennt, sondern alles umfaßt und bis zu uns reicht und bei uns ist.