§ 1
Es empfing also der Mensch die Kenntnis des Guten und Bösen. Gut ist es aber, Gott zu gehorchen und ihm zu glauben und seine Gebote zu beobachten; und das ist das Leben des Menschen, wie Gott nicht zu gehorchen, böse ist und der Tod des Menschen. Indem also Gott sich großmütig zeigte, lernte der Mensch das Gute des Gehorsams und das Böse des Ungehorsams, damit das Auge seines Geistes beides kennen lernte, für die Wahl des Besseren sich einsichtig entscheide und niemals träge oder nachlässig in den Geboten Gottes werde, und niemals mehr das, was ihm das Leben wegnimmt, nämlich den Ungehorsam gegen Gott — denn das ist böse — erprobe, oder es jemals versuche. Was aber das Leben erhält, den Gehorsam gegen Gott, sollte er mit aller Sorgfalt gewissenhaft beobachten, erkennend, daß das gut ist. Deshalb auch hatte er die doppelte 465Einsicht, welche die Kenntnis von beidem enthielt, damit er die Wahl des Besseren mit Verständnis vollziehe; diese aber hätte er nicht haben können, wenn er nicht das Gegenteil vom Guten kannte. Denn sicherer und zweifelloser ist die Kenntnis realer Dinge als die auf Vermutungen beruhende Meinung. Wie nämlich die Zunge durch den Geschmack die Kenntnis des Süßen und Bitteren empfängt und das Auge durch das Gesicht das Schwarze vom Weißen unterscheidet und das Ohr durch das Gehör die Unterschiede der Töne wahrnimmt, so empfing auch der Geist durch die Erfahrung des Guten und Bösen das Verständnis für das Gute und wurde gefestigt, es durch den Gehorsam gegen Gott zu bewahren. Zunächst verabscheute er den Ungehorsam durch die Buße, da er bitter und böse ist, und lernte dann aus eigener Wahrnehmung, wie entgegengesetzt er dem Guten und Süßen ist, so daß er fortan nicht einmal versucht, den Ungehorsam gegen Gott zu verkosten. Wenn aber jemand sich der Erkenntnis beider und dem doppelten Verständnis für die Erkenntnis entziehen wollte, so tötet er sich heimlich als Menschen.
§ 2
Wie will der also Gott werden, der noch nicht einmal Mensch geworden ist? Wie will vollkommen werden, der eben erst gemacht ist, unsterblich, der in seiner sterblichen Natur dem Schöpfer nicht gehorcht? Er muß doch zuerst die Ordnung im Menschen bewahren, bevor er teilnehmen kann an der Herrlichkeit Gottes, Denn du machst Gott nicht, sondern Gott macht dich. Wenn du also ein Werk Gottes bist, so erwarte die Hand deines Künstlers, die alles zur rechten Zeit macht, zur rechten Zeit nämlich für dich, der du gemacht wirst! Bringe ihm aber ein weiches und williges Herz entgegen und bewahre die Gestalt, die dir der Künstler gegeben, und halte die Feuchtigkeit in dir fest, damit du nicht verhärtest und die Spur seiner Finger verlierest! Wenn du so das Gefüge behütest, so wirst du zur Vollkommenheit emporsteigen, denn durch die Kunst Gottes wird der Lehm in dir verborgen. Gemacht hat den Stoff in dir seine Hand, umgeben wird sie dich von innen und außen mit reinem Gold und Silber und wird so sehr dich schmücken, daß sogar „der König nach 466deiner Schönheit verlangt“. Wenn du jedoch sogleich verhärtest und seine Kunst verwischst und undankbar gegen ihn wirst, weil du nur ein Mensch geworden bist, so hast du durch deine Undankbarkeit gegen Gott mit einem Schlag seine Kunst und das Leben verloren. Das Schaffen nämlich kommt der Güte Gottes zu, geschaffen zu werden ist die Eigentümlichkeit der menschlichen Natur. Wenn du ihm also das Deinige gibst, d. h. den Glauben an ihn und den Gehorsam gegen ihn, dann wirst du seine Kunst an dir erfahren und ein vollkommenes Werk Gottes sein.
§ 3
Wenn du ihm aber nicht glaubst und seinen Händen entfliehst, so ist die Ursache der Unvollkommenheit in dir, der du nicht geglaubt hast, aber nicht in dem, der dich berufen hat. Denn „er sandte seine Boten aus, dich zur Hochzeit zu rufen“; die aber ihm nicht gehorchten, haben sich selbst vom königlichen Mahle ausgeschlossen. Also fehlt es nicht an der Kunst Gottes, denn er vermag „aus Steinen Abraham Söhne zu erwecken“; vielmehr wird der, welcher sie nicht annimmt, sich selbst die Ursache seiner Unvollkommenheit. Wird doch auch das Licht nicht schwächer durch die, welche sich selbst blenden, es bleibt wie es ist; die, welche sich selbst blendeten, sitzen durch ihre Schuld in der Finsternis. Und wie das Licht keinen mit Zwang unter seine Gewalt bringt, so zwingt auch Gott niemand, seine Kunst anzunehmen, wenn er nicht will. Die sich also von dem Lichte des Vaters abwenden und das Gesetz der Freiheit übertreten, die fielen ab durch eigene Schuld, da sie freien Willen und Selbstenscheidung erhalten hatten.
§ 4
Gott aber, der alles voraussieht, hat beiden passende Wohnungen zubereitet: Denen, die das unvergängliche Licht suchen und nach ihm laufen, schenkte er gütig das Licht, das sie begehren; für die anderen aber, die es verachten und sich von ihm abwenden, die es fliehen und gleichsam sich selbst blenden, machte er die Finsternis, die für die Feinde des Lichtes paßt. So 467legte er denen, die sich dem Gehorsam gegen ihn entzogen, die geziemende Strafe auf. Der Gehorsam aber gegen Gott ist die ewige Ruhe; und die, welche vor dem Licht fliehen, haben einen Platz, der ihrem Fliehen entspricht, und die, welche die ewige Ruhe fliehen, haben eine Wohnung, passend zu ihrer Flucht. Da aber bei Gott alles Gute ist, so berauben sich jene selbst aller Güter, die aus eigenem Entschluß Gott fliehen, und fallen dementsprechend in das gerechte Gericht Gottes. Wer die Ruhe flieht, wird gerechterweise in Strafe umherziehen, wer das Licht flieht, wird gerechterweise in Finsternis wohnen. Wie aber die, welche dies zeitliche Licht fliehen, sich der Finsternis überantworten, sodaß es ihre Schuld ist, wenn sie von dem Lichte verlassen werden und in Finsternis wohnen und das Licht, wie gesagt, daran keine Schuld hat, so sind auch die, welche das ewige Licht Gottes fliehen, das alles Gute in sich enthält, allein daran schuld, daß sie in der ewigen Finsternis wohnen, verlassen von allen Gütern.