§ 1
Daher ist die Opfergabe der Kirche, die nach dem Auftrag des Herrn in der gesamten Welt dargebracht wird, als ein reines Opfer bei Gott angesehen und ihm angenehm, nicht als ob er ein Opfer von uns gebrauchte, sondern weil der, welcher es darbringt, selbst verherrlicht wird durch das, was er darbringt, wenn seine Gabe angenommen wird. Indem wir dem Könige etwas schenken, zeigen wir ihm unsere Verehrung und Zuneigung. Der Herr will aber, daß wir in aller Einfalt und Unschuld opfern; deshalb sagt er mit nachdrücklichen Worten: „Wenn du also deine Gabe darbringst vor dem Altare und dich erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, dann laß deine Gabe vor dem Altar und geh dich zuerst versöhnen mit deinem Bruder and dann komme zurück und opfere deine Gabe!“ Also soll man dem Herrn die Erstlinge der 377Schöpfung opfern, wie auch Moses sagt: „Du sollst nicht leer erscheinen vor dem Angesichte des Herrn, deines Gottes“. Insofern der Mensch sich dankbar erweist, wird ihm das zum Danke angerechnet, damit er von ihm Ehre empfange.
§ 2
Also der Opfergedanke ist nicht verworfen worden, denn Opfer sind hier wie da, Opfer in der Synagoge, Opfer in der Kirche — nur die Art und Weise der Opfer hat sich geändert, da sie nicht mehr von Sklaven, sondern von den Kindern dargebracht werden. Der Herr ist ein und derselbe geblieben; anders geartet aber ist die Gabe der Knechte und anders die Gabe der Kinder, damit auch die Gaben das Zeichen der Freiheit tragen. Denn nichts ist bei ihm überflüssig, bedeutungslos und ohne Grund. Darum hatten jene den Zehnten dem Herrn geweiht; die aber die Freiheit empfangen haben, die widmen ihren gesamten Besitz dem Herrn und geben ihn freudig und freiwillig hin, nicht bloß den kleineren Teil, da sie ja die Hoffnung auf größeres haben. Hier legt die Witwe und der Arme seinen ganzen Lebensunterhalt in den Schatzkasten des Herrn.
§ 3
Schon im Anfang schaute der Herr auf Abels Gaben, da er sie in Einfalt und Gerechtigkeit darbrachte; auf Kains Opfer aber schaute er nicht, weil sein Herz durch Neid und Bosheit gegen den Bruder gespalten war. Diese verborgenen Fehler tadelte der Herr, indem er zu ihm sprach: „Hast du nicht, wenn du recht opfertest, aber unrecht teiltest, gesündigt? Laß davon ab!“ Denn durch Opfer wird Gott nicht versöhnt. Wenn nämlich jemand nur nach dem äußeren Schein rein, recht und gesetzmäßig opfern wollte, in seinem Herzen aber in seinen Beziehungen zum Nächsten nicht recht teilen wollte und keine Gottesfurcht hätte, so kann er, innerlich mit Sünde behaftet, Gott nicht täuschen, noch wird ihm solch ein Opfer etwas nützen, sondern nur die Abkehr von dem Bösen, das innerlich empfangen war. Durch die heuchlerische Handlung 378noch mehr natürlich durch die Sünde selbst, machte sich der Mensch zum Menschenmörder an sich selbst. Deshalb sprach auch der Herr: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, ihr seid ähnlich übertünchten Gräbern. Äußerlich nämlich erscheint das Grab schön, innen aber ist es voll von Totengebein und allerlei Unrat. So erscheint auch ihr den Menschen von außen als Gerechte, innen aber seid ihr voll von Bosheit und Heuchelei“. Da ihre Opfer von außen recht erschienen, hatten sie in sich eine ähnliche Absicht wie Kain. Deswegen ermordeten sie auch den Gerechten und verachteten auch wie Kain den Rat Gottes. Denn zu jenem sprach er: „Laß davon ab!“ aber jener hörte nicht darauf. Wovon anders sollte er denn ablassen, als von seinem geplanten Überfall? Und zu diesem spricht er ähnlich. „Du blinder Pharisäer“, sagt er, „mach das Innere des Kelches rein, damit auch, was innen ist, rein sei“. Aber sie hörten nicht. „Denn siehe“, sagt Jeremias, „nicht deine Augen, noch dein Herz ist gut, sondern voll Begierde auf das gerechte Blut, um es zu vergießen, und auf Ungerechtigkeit und auf Menschenmord, ihn zu verüben“. Und wiederum sagt Isaias: „Ihr habt einen Plan gemacht, nicht durch mich, und einen Bund, nicht durch meinen Geist“. Damit nun ihr innerer Wille und ihre ans Licht gezogenen Gedanken zeigen, daß Gott, der das Verborgene offenbar macht und das Böse nicht bewirkt, ohne Schuld und nicht die Veranlassung des Bösen sei, sprach er zu Kain, der keineswegs aufhörte: „Du kannst sie umwandeln und sollst über sie herrschen“. Ähnlich sprach er auch zu Pilatus: „Du hättest keine Gewalt über mich, wenn sie dir nicht gegeben wäre von oben her“. Denn immer gibt Gott den Gerechten hin, damit dieser durch seine Leiden und Mühen erprobt und angenommen wird, der Böse aber gemäß seiner Taten gerichtet und hinausgestoßen wird. Also nicht die Opfer machen den Menschen heilig, denn keines Opfers bedarf Gott, sondern das Gewissen des Opfernden heiligt das Opfer, wenn 379ersteres rein ist, und bewirkt, daß es Gott wie von einem Freunde annimmt. „Wenn der Sünder aber mir ein Kalb schlachtet, ist es, als ob er einen Hund schlachtet“, heißt es.
§ 5
380Wie aber können sie wiederum sagen, das Fleisch verwese und habe keinen Anteil am Leben, wenn es mit dem Leibe und Blute des Herrn ernährt wird? Also mögen sie diese Lehre abändern oder nicht mehr die genannten Gaben darbringen! Unsere Lehre aber stimmt mit der Eucharistie überein, und die Eucharistie wiederum bestätigt unsere Lehre. Von dem Seinigen nämlich opfern wir ihm, indem wir geziemenderweise die unauflösliche Einheit von Fleisch und Geist verkünden. Denn wie das von der Erde stammende Brot, wenn es die Anrufung Gottes empfängt, nicht mehr gewöhnliches Brot ist, sondern die Eucharistie, die aus zwei Elementen, einem irdischen und einem himmlischen besteht, so gehören auch unsere Körper, wenn sie die Eucharistie empfangen, nicht mehr der Verweslichkeit an, sondern haben die Hoffnung auf Auferstehung.
§ 6
Nicht wegen seines Bedürfnisses opfern wir ihm also, sondern um seiner Herrschaft Dank zu sagen und seine Gabe zu heiligen. Denn wie Gott kein Bedürfnis hat für unsere Gaben, so haben wir das Bedürfnis, Gott etwas zu opfern. So sagt Salomon: „Wer sich der Armen erbarmt, leiht Gott auf Zinsen“. Obwohl Gott nämlich nichts gebraucht, nimmt er für sich unsere guten Werke an, um uns zum Entgelt von seinen Gütern mitzuteilen, wie unser Herr sagt: „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, empfanget das euch zubereitete Reich! Denn ich war hungrig, und ihr gabt mir zu essen; ich war durstig, und ihr habt mich getränkt; ich war ein Fremdling, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mich bedeckt; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnisse, und ihr seid zu mir gekommen“. Obwohl er also dessen nicht bedarf, will er dennoch, daß wir es unseretwegen tun, damit wir nicht unfruchtbar bleiben. So gab ebendasselbe Wort dem Volke das Gebot für die Darbringung der Opfer, nicht weil er dessen bedurfte, sondern damit sie lernen sollten, Gott zu dienen. Deshalb verlangt er auch 381von uns, daß wir ihm immerdar ohne Unterlaß am Altare das Opfer darbringen. Der eigentliche Altar aber ist im Himmel, wohin auch unsere Gebete und Opfer zielen, und der Tempel, von dem Johannes sagt: „Und geöffnet wurde der Tempel Gottes und der Tabernakel, Siehe, sagt er, hier ist der Tabernakel Gottes, in welchem er wohnen wird mit den Menschen“.