§ 1
Indem Moses das gesamte Gesetz, das er von dem Weltenschöpfer empfangen hatte, im Deuteronomium zusammenfaßt, spricht er: „Merke auf, o Himmel, ich werde reden, und die Erde höre die Worte aus meinem Munde!“ Und indem David sagt, daß seine Hilfe vom Herrn komme, spricht er: „Meine Hilfe ist vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“. Auch Isaias bezeugt, daß der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat und über sie herrscht, spreche: „Höre“, sagt er, „Himmel, und vernimm mit den Ohren, Erde, denn der Herr spricht“. Und wiederum: „So 327spricht der Herr, der Gott, der den Himmel gemacht hat und ihn befestigt, der die Erde festgelegt hat, und was in ihr ist, der den Odem gibt dem Volke, das auf ihr wandelt, und den Geist denen, die auf ihr wallen“.
§ 2
Ebenso bekennt unser Herr Jesus Christus ihn als seinen Vater, indem er spricht: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“. Welchen Vater sollen wir denn darunter verstehen, ihr ganz verkehrten Sophisten der Pandora? Etwa den Bythos, den ihr euch erdacht habt? Oder eure Mutter oder den Eingeborenen oder den Gott der Markioniten oder der übrigen, von dem wir doch auf vielerlei Weise gezeigt haben, daß er kein Gott ist, oder endlich der Wahrheit gemäß den Schöpfer des Himmels und der Erde, den die Propheten verkündet, Christus als seinen Vater bekennt und das Gesetz anzeigt mit den Worten: „Höre, Israel, der Herr, dein Gott, ist der einzige Gott!“
§ 3
Daß aber die Schriften des Moses Worte Christi sind, sagt er selbst den Juden, wie Johannes in seinem Evangelium berichtet: „Wenn ihr dem Moses glaubtet, würdet ihr auch mir glauben; denn von mir hat jener geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubet, werdet ihr auch meinen Worten nicht glauben“. Damit gab er auf das deutlichste zu wissen, daß die Schriften des Moses seine Worte sind. Also sind die Worte des Moses und der übrigen Propheten ohne Zweifel seine, wie wir gezeigt haben. Und wiederum lehrt der Herr, Abraham habe dem Reichen mit Bezug auf alle, die noch am Leben sind, gesagt: „Wenn sie dem Moses und den Propheten nicht gehorchen, so würden sie auch nicht glauben, wenn einer von den Toten auferstände und zu ihnen käme“.
§ 4
Er hat uns aber nicht bloß die Geschichte von einem Armen und einem Reichen erzählt, sondern zunächst uns gelehrt, daß niemand die Freuden und Lüsten der Welt genießen und in Schmausereien leben 328und seinen Vergnügungen dienen darf und dabei Gott vergessen. „Es war“, sagt er, „ein Reicher, der kleidete sich in Purpur und Byssus und ergötzte sich an glänzenden Gastmählern“. Von solchen spricht auch der Geist des Isaias: „Bei Zithern und Pauken, Harfen und Flöten trinken sie Wein; aber die Werke Gottes betrachten sie nicht, und die Werke seiner Hände überlegen sie nicht“. Damit wir nicht in dieselbe Strafe wie jene verfallen, zeigt uns der Herr ihr Ende, indem er zugleich darauf hinweist, daß sie an ihn glauben würden, wenn sie auf Moses und die Propheten hörten, die von ihm gepredigt hätten, der als Sohn Gottes von den Toten auferstanden ist und uns das Leben verleiht. Auch weist er darauf hin, daß aus einer Wesenheit Abraham und Moses und die Propheten, ja der Herr selber ist, der auferstand von den Toten, und an den auch viele aus der Beschneidung glauben, weil sie auf Moses und die Propheten hörten, welche die Ankunft des Sohnes Gottes verkündeten. Die aber diese verachten und sagen, daß sie von einer andern Wesenheit seien, die kennen auch nicht den Erstgeborenen von den Toten; sie unterscheiden Christus, der leidensunfähig verblieben sein soll, von dem Jesus, der gelitten hat.
§ 5
Denn der Vater verleiht ihnen nicht, den Sohn zu erkennen, noch lernen sie von dem Sohne den Vater, den er klar und ohne Parabeln als den wahren Gott lehrt. „Ihr sollt überhaupt nicht schwören“, so spricht er, „weder bei dem Himmel, da er der Thron Gottes ist, noch bei der Erde, da sie der Schemel seiner Füße ist, noch bei Jerusalem, da es die Stadt des großen Königs ist“. Das bezieht sich deutlich auf den Schöpfer, wie auch Isaias sagt: „Der Himmel ist mir Sitz, und die Erde der Schemel meiner Füße“. Außer diesem gibt es keinen andern Gott, sonst würde der Herr ihn nicht Gott oder großen König nennen, denn bei ihm gibt es keine derartige Steigerung noch Übertreibung. Wer 329nämlich über sich noch einen höheren Herrn hat und unter der Macht eines andern steht, der kann weder Gott, noch großer König genannt werden.
§ 6
Sie können aber auch nicht sagen, daß diese Worte ironisch zu verstehen seien, denn durch die Worte selbst werden sie widerlegt, die in voller Wahrheit gesprochen sind. Denn die Wahrheit selbst sprach sie und verteidigte in Wahrheit ihr eigenes Haus, als er die Wechsler und Käufer und Verkäufer hinaustrieb, indem er zu ihnen sprach: „Es stehet geschrieben: Mein Haus wird ein Haus des Gebetes genannt werden, ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht“. Welche Ursache hätte er gehabt, so zu handeln und zu sprechen und sein Haus zu reklamieren, wenn er einen andern Gott verkündete? Doch nur, um sie als Übertreter des Gesetzes seines Vaters hinzustellen. Nicht das Haus schalt er, noch tadelte er das Gesetz, das zu erfüllen er gekommen war, sondern die, welche von dem Hause keinen guten Gebrauch machten; und denen, welche das Gesetz übertraten, machte er Vorwürfe. Deshalb nahmen auch die Schriftgelehrten und Pharisäer, die von den Zeiten des Gesetzes angefangen hatten Gott zu verachten, sein Wort nicht auf, d. h. sie glaubten nicht an Christus. Von ihnen sagt Isaias: „Deine Führer sind ungehorsam, Diebsgesellen, lieben die Geschenke, trachten nach Vergeltung; den Waisen schaffen sie nicht Recht, und auf das Recht der Witwen geben sie nicht acht“. Und ähnlich Jeremias: „Die meinem Volke vorstehen, kannten mich nicht, unverständige Söhne und unklug sind sie, weise in Bosheiten, aber Gutes zu tun, verstehen sie nicht“.
§ 7
Alle aber, die Gott fürchteten und um sein Gesetz besorgt waren, die eilten zu Christus und wurden gerettet. „Gehet“, so spricht er zu seinen Jüngern, „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“. Und von den Samaritern, als der Herr zwei Tage bei ihnen 330geblieben war, heißt es: „Es glaubten noch viel mehr an ihn wegen seiner Worte, und sie sprachen zu dem Weibe: Schon nicht mehr wegen deiner Rede glauben wir, denn wir selbst haben gehört und wissen es, daß dieser in Wahrheit der Erlöser der Welt ist“. Auch Paulus sagt: „Und so wird ganz Israel gerettet werden“. Auch nannte er das Gesetz unsern Erzieher auf Christus Jesus. Der Unglaube einiger ist also nicht dem Gesetze zur Last zu legen. Weit entfernt, sie von dem Glauben an den Sohn Gottes abzuhalten, ermahnte es sie sogar dazu, indem es sagte, daß die Menschen nicht anders von der alten Wunde dar Schlange geheilt werden könnten, als durch den Glauben an den, der nach der Ähnlichkeit des sündigen Fleisches an dem Marterholze von der Erde werde erhöht werden und alles an sich ziehen und die Toten lebendig machen werde.