§ 1
Töricht ist aber auch Markion mit den Seinen, wenn sie dem Abraham die Erbschaft absprechen, dem der Hl. Geist doch durch viele andere wie auch durch Paulus das Zeugnis ausstellt, daß er „Gott glaubte und ihm dies zur Gerechtigkeit angerechnet wurde“. Ebenso erweckt der Herr ihm Söhne aus den Steinen, macht seinen Samen wie die Sterne des Himmels und sagt: „Vom Aufgang der Sonne und vom Niedergang, von Norden und Süden werden sie kommen, um mit Abraham und Isaak und Jakob in dem Himmelreiche zu Tische zu sitzen“. Und abermals zu den Juden: „Abraham und Isaak und Jakob und alle Propheten werdet ihr in dem Himmelreiche sehen, euch aber hinausgeworfen“. Offenbar also stehen die, welche dem Abraham das Heil absprechen und einen andern Gott aufstellen als den, welcher ihm die Verheißung gab, außerhalb des Reiches Gottes und sind ausgeschlossen von der Unsterblichkeit, weil sie Gott widersprechen und ihn lästern, welcher in sein Himmelreich einführt den Abraham und seinen Samen, d. h. die Kirche, durch Christum Jesum, dem wir die Annahme an Kindesstatt und die Erbschaft verdanken, die dem Abraham versprochen ist.
§ 2
344Für sich nahm der Herr seinen Samen in Anspruch, indem er ihn von den Fesseln löste und zum Heile berief, wie er es mit der Frau machte, die er heilte. Ausdrücklich sagte er denen, die dem Abraham im Glauben unähnlich waren: „Ihr Heuchler, löst denn nicht ein jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel und führt ihn zur Tränke? Dieses Weib aber, das der Satan achtzehn Jahre gefesselt hatte, sollte am Sabbat von dieser Fessel nicht gelöst werden, obwohl sie eine Tochter Abraham ist?“ Offenbar also löst er die, welche ähnlich wie Abraham ihm glauben, und macht sie lebendig und tut nichts gegen das Gesetz, wenn er sie am Sabbat heilt. Denn das Gesetz verbot nicht, Menschen zu heilen, da es den Priestern befahl, sie an diesem Tage zu beschneiden und für das Volk die Dienste zu verrichten, sodaß es die Sorge für das unvernünftige Vieh nicht verwehrte. Auch Siloa heilte oftmals am Sabbat; deswegen saßen viele dort am Sabbate. Das Gesetz befahl ihnen nur, sich von aller knechtlichen Arbeit zu enthalten, d. h, von jedem Geiz, der durch den Handel und die übrige irdische Beschäftigung angestachelt wird. Die Taten der Seele aber, welche durch die Meinung oder durch gute Reden zur Hilfe des Nächsten geschehen, billigte es. Deshalb tadelte der Herr die, welche ihm ungerechterweise daraus einen Vorwurf machten, daß er am Sabbate heilte. Denn er löste nicht das Gesetz, sondern erfüllte es, indem er das Amt des Hohenpriesters versah, Gott mit den Menschen aussöhnte, die Aussätzigen reinigte, die Kranken heilte und sogar starb, damit der verbannte Mensch aus seiner Verdammnis herauskomme und furchtlos in sein Erbe zurückkehre.
§ 3
Ebensowenig verbot das Gesetz, daß die Hungrigen am Sabbat Speise aus dem, was bei der Hand war, nahmen; zu ernten und in die Scheune zu sammeln war aber verboten. Als daher einige seine Schüler schalten, daß sie Ähren abrissen und aßen, sagte der Herr ihnen: „Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als er hungrig war, wie er einging in das Haus des Herrn und von den Schaubroten aß, die zu essen nur den Priestern 345erlaubt war, und auch denen gab, die bei ihm waren?“ So entschuldigte er durch die Worte des Gesetzes seine Jünger und zeigte an, daß es den Priestern erlaubt war, frei zu handeln. Ein kundiger Priester aber vor dem Herrn war David gewesen, obschon Saul ihn verfolgte. Denn alle Gerechten haben priesterlichen Rang. Priester aber sind alle Apostel des Herrn, die hier keine Äcker noch Häuser ererben, aber immer dem Altare und Gott dienen. Von ihnen sagt auch Moses im Deuteronomium bei der Segnung Levis: „Wer seinem Vater sagt und seiner Mutter: Ich kenne dich nicht, und seine Brüder nicht kennt und seinen Söhnen entsagt, der hat deine Gebote beachtet und deinen Bund bewahrt“. Wer aber hat Vater und Mutter verlassen und auf alle Verwandten verzichtet wegen des Herrn Wort und seines Bundes, wenn nicht die Jünger des Herrn? Von Ihnen sagt wiederum Moses: „Ein Erbteil werden sie nicht haben, denn der Herr selbst wird ihr Erbe sein“. Und abermals: „Es sollen die levitischen Priester im ganzen Stamme Levi keinen Teil noch Besitztum mit Israel haben; die Opferfrüchte des Herrn sind ihre Besitzungen, diese sollen sie essen“. Darum sagt auch Paulus: „Ich suche kein Geschenk, sondern ich suche Frucht“. Da nun die Jünger des Herrn levitisches Besitztum hatten, war es ihnen erlaubt, wenn sie Hunger hatten, von den Saaten ihre Speisen zu nehmen: „Denn der Arbeiter ist seiner Speise wert“. Auch die Priester entweihten im Tempel den Sabbat und waren nicht schuldig. Warum waren sie nicht schuldig? Weil sie im Tempel nicht weltlichen, sondern des Herrn Dienst versahen, sodaß sie das Gesetz erfüllten, aber nicht übertraten wie der, welcher aus sich selbst trockenes Holz in das Lager des Herrn trug und mit Recht gesteinigt wurde. Denn „jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen werden“. Und „wer immer den Tempel Gottes schändet, den wird Gott schänden“.