§ 1
Es ist also ein und derselbe Gott, der „den Himmel aufwickelt wie eine Schriftrolle“ und „das Angesicht der Erde erneuert“. Er machte das Zeitliche wegen des Menschen, damit er, darin heranreifend, unsterbliche Frucht bringe, und umkleidet ihn mit Ewigem 334wegen seiner Güte, damit er den nachkommenden Zeiten die unaussprechlichen Reichtümer seiner Güte zeige“. Er wurde vom Gesetz und den Propheten verkündet und von Christus als Vater bekannt. Er ist auch der Schöpf er und Gott über alles, wie Isaias sagt: „Ich bin Zeuge, spricht Gott, der Herr, und mein Knecht, den ich erwählte, damit ihr erkennet, glaubt und versteht, daß ich es bin. Vor mir war kein anderer Gott, und nach mir wird keiner kommen. Ich bin Gott und außer mir ist keiner, der da rettet. Ich habe verheißen, und ich habe gerettet“. Und wiederum: „Ich bin der erste und der letzte“. So spricht er nicht in eitlem, aufgeblasenem Stolze, sondern weil es unmöglich war, ohne Gott Gott kennen zu lernen, lehrte er durch sein Wort die Menschen die Kenntnis Gottes. Denen aber, die das nicht verstehen und deswegen glauben, einen andern Vater erfunden zu haben, ruft jemand mit Recht zu: „Ihr irrt, da ihr weder die Schriften noch die Kraft Gottes kennet.“
§ 2
So antwortete nämlich unser Herr und Lehrer den Sadduzäern, die da sagten, es gebe keine Auferstehung von den Toten, und dadurch Gott verunehrten und das Gesetz schmähten. Indem er ihnen die Auferstehung verkündete und Gott offenbarte, sprach er zu ihnen: „Ihr irrt, da ihr weder die Schriften noch die Kraft Gottes kennet. In Betreff der Auferstehung der Toten habt ihr nicht gelesen, was von Gott gesagt ist, der da spricht: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs?“ Und er fügte hinzu: „Er ist aber nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden, denn ihm leben alle“. Damit ist klar ausgesprochen, daß der, welcher zu Moses aus dem Dornbusche redete und sich als der Gott der Väter ihm offenbarte, der Gott der Lebenden ist. Denn wer soll er sonst sein, wenn nicht der, über dem es keinen andern Gott gibt? Diesen verkündete auch der Prophet Daniel, als Cyrus, der König der Perser, ihn fragte: 335„Warum betest du Bel nicht an?“ Da sagte er ihm: „Ich verehre nicht Götzen, die mit der Hand gemacht sind, sondern den lebendigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat und die Herrschaft besitzt über alles Fleisch“ Und weiter: „Den Herrn meinen Gott werde ich anbeten, denn dieser ist der lebendige Gott“. Das ist also der lebendige Gott, der von den Propheten als Gott angebetet wurde; und sein Wort hat zu Moses gesprochen und die Sadduzäer widerlegt und die Auferstehung verheißen. Beides, die Auferstehung und Gott, schenkt es denen, die blind sind. Denn wenn es keinen Gott der Toten, sondern nur einen der Lebendigen gibt, dieser aber der Gott der schlafenden Väter genannt wird, dann loben diese zweifelsohne Gott und sind nicht untergegangen und sind Söhne der Auferstehung. Die Auferstehung aber ist unser Herr selber, wie er sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“. Die Väter aber sind seine Söhne nach dem Worte des Propheten: „Für deine Väter sind dir Söhne geboren“. Also ist Christus selbst mit dem Vater der Lebendigen der Gott, der zu Moses sprach und sich den Vätern offenbarte.
§ 3
Dasselbe lehrte er den Juden mit den Worten: „Abraham, euer Vater, freute sich, daß er meinen Tag sehen werde, er sah ihn und freute sich“. Wie denn? „Es glaubte Abraham Gott, und angerechnet wurde es ihm zur Gerechtigkeit“. Erstlich glaubte er ihm, dass er, der Schöpfer des Himmels und der Erde, der einzige Gott ist, und zweitens, daß er seinen Samen machen würde wie die Sterne des Himmels, d. h. nach 336den Worten Pauli: „Wie Himmelslichter in der Welt“. Billigerweise also verließ er seine irdische Verwandtschaft und folgte dem Worte und wanderte mit ihm in die Fremde aus, um mit dem Worte zu wohnen.
§ 4
Demgemäß verließen auch die Apostel, die von Abraham abstammten, ihr Schiff und ihren Vater und folgten dem Worte Gottes. Ebenso nehmen auch wir demgemäß, die wir denselben Glauben empfangen haben, den Abraham hatte, unser Kreuz auf uns nach dem Beispiel Isaaks und folgen ihm nach. Denn in Abraham hatte der Mensch zuerst gelernt und sich gewöhnt, dem Worte Gottes nachzufolgen. Befolgte doch Abraham gemäß seinem Glauben den Befehl des Wortes Gottes und willigte willigen Herzens darin ein, seinen eingeborenen und geliebten Sohn Gott als Opfer zu bringen, damit es auch Gott gefallen möge, für dessen ganze Nachkommenschaft seinen eingeborenen und geliebten Sohn zu unserer Erlösung als Opfer darzubringen.
§ 5
Da also Abraham ein Prophet war und im Geiste den Tag der Ankunft des Herrn sah und die Anordnung seines Leidens, durch welches er und alle gerettet werden sollten, die ähnlich wie er Gott glaubten, so frohlockte er überaus. Also war dem Abraham der Herr nicht unbekannt, dessen Tag er zu sehen wünschte, noch der Vater des Herrn. Denn er hatte es von dem Worte des Herrn gehört und glaubte ihm, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit vom Herrn angerechnet. Denn der Glaube an den höchsten Gott rechtfertigt den Menschen, und deswegen sprach er: „Ich will ausstrecken meine Hand zu dem höchsten Gott, der Himmel und Erde gemacht hat“. Diese Aussprüche alle wollen jene Irrlehrer wegen eines einzigen Wortes umdrehen, das sie bloß nicht recht verstanden haben.