§ 1
427Solch ein Schüler, der in Wahrheit geistig ist, weil er den Geist Gottes empfangen hat, welcher von Anfang an bei allen Maßnahmen Gottes den Menschen beistand und die Zukunft verkündete und auf die Gegenwart hinwies und die Vergangenheit erzählte, „richtet zwar alle, wird aber von niemand gerichtet“. Denn er richtet die Heiden, die „mehr dem Geschöpfe als dem Schöpfer dienen“ und in verwerflichem Sinne all ihre Mühe umsonst aufwenden. Er richtet aber auch die Juden, die das Wort der Freiheit nicht annehmen und als Freie nicht fortziehen wollen, obwohl der Befreier bei ihnen steht. Zur Unzeit geben sie vor, außerhalb des Gesetzes ihrem Gott zu dienen, der doch nichts gebraucht; und die Ankunft Christi, die er wegen des Heiles der Menschen angeordnet hat, erkennen sie nicht und wollen nicht einsehen, daß eine zweifache Ankunft von ihm alle Propheten verkündet haben: die eine, wo er als Mann der Schmerzen unsere Schwäche tragen wollte und auf dem Füllen der Eselin saß; wo er als Stein von den Bauleuten verworfen wurde und wie ein Lamm zur Schlachtung geführt wurde und durch die Ausbreitung seiner Hände Amalech vernichtete und die zerstreuten Kinder von den Grenzen der Erde in dem Schafstall seines Vaters versammelte und sich erinnerte seiner Toten, die vorher entschlafen waren, und hinabstieg zu ihnen, um sie zu erretten und zu erlösen. In der zweiten aber wird er auf den Wolken kommen und den Tag heraufführen, der da ist wie eine glühende Esse, und die Erde erschüttern mit dem Wort seines Mundes und mit dem Geist aus seinen Lippen die Gottlosen töten. Und die Wurfschaufel hat er in der Hand und wird reinigen seine Tenne, und den Weizen wird er 428sammeln in seine Scheune, die Spreu aber verbrennen in unauslöschlichem Feuer.
§ 2
Prüfen aber wird er auch die Lehre des Markion, wie er nur die Existenz zweier Götter annimmt, die von einander durch einen unendlichen Zwischenraum getrennt sind; wie der Gott als gut betrachtet werden kann, der fremde Menschen von ihrem Schöpfer ablenkt und sie hinüberzieht in sein Reich; und warum seine Güte aufhört, indem er sie nicht alle rettet, und warum er gegen die Menschen als gut erscheint, gegen ihren Schöpfer aber ganz ungerecht, indem er ihm sein Eigentum stiehlt. Wie hat dann der Herr, wenn er von einem andern Vater als die Schöpfung stammt, mit Recht jenes Brot, das zu dieser Schöpfung gehört, als seinen Leib bezeichnet und den Inhalt des Kelches als sein Blut?. Wie konnte er sich als den Menschensohn bezeichnen, wenn er nicht von einem Menschen geboren war; wie konnte er uns die Sünden nachlassen, durch die wir vor Gott unserm Schöpfer schuldig waren.; wie konnte er, wenn er kein wirklicher Mensch war, sondern nur einen Scheinleib hatte, gekreuzigt werden; wie konnte aus seiner durchbohrten Seite Blut und Wasser hervorkommen; und welchen Leib begrab man bei dem Begräbnis und was war es, was denn eigentlich von dem Toten auferstand?
§ 3
Richten wird er aber auch die Valentinianer, die mit der Zunge zwar einen Gott Vater bekennen, aus dem alles ist, den aber, der alles gemacht hat, als die Frucht eines Fehltritts oder einer Irrung hinstellen, und ähnlich einen Herrn Jesus Christus als Sohn Gottes mit der Zunge bekennen, in ihrem Innern aber eine besondere Emanation dem Eingeborenen, eine besondere dem Worte und wieder eine andere Christo und eine andere dem Erlöser zuschreiben, sodaß nach ihnen dies alles zwar ein Begriff ist, jeder von ihnen aber besonders verstanden werden und seine eigene Emanation gemäß seiner ehelichen Zugehörigkeit haben muß. Es ist also klar, nur ihre Zungen neigen sich zur Einheit, ihr 429Sinnen und Denken aber hat sich von der Einheit abgewandt, weil sie die „Tiefe“ erforschen wollten, und verfällt dem vielgestaltigen Gerichte Gottes, da sie über ihre Erfindungen von Christus examiniert werden, der, wie sie behaupten, erst nach dem Pleroma geboren wurde und nach der Schwächung oder dem Fehltritt hervortrat, und dem sie selbst wegen der bei der Sophia eingetretenen Leidenschaft ans Licht geholfen haben wollen. Doch ihr eigener Prophet Homer wird sie verklagen, aus dessen Unterricht sie solche Lehren erfunden haben, indem er spricht:
Feind nämlich ist mir der, gleich wie die Pforten des Hades,
Der, was er denkt, verbirgt, und anderes wiederum redet.
Doch auch das Geschwätz der bösen Gnostiker wird er richten und dartun, daß sie die Schüler des Zauberers Simon sind.
§ 4
Richten wird er auch die Ebioniten. Wie können sie gerettet werden, wenn nicht Gott es ist, der ihr Heil auf Erden gewirkt hat? Und wie wird der Mensch in Gott übergehen, wenn nicht Gott in den Menschen überging? Wie aber wird er die Geburt des Todes verlassen, wenn er nicht wiedergeboren wird zu der neuen Geburt, die da von Gott wunderbar und unbegreiflich zum Zeichen des Heils aus der Jungfrau durch den Glauben geschenkt wurde? Oder wie sollen sie an Kindesstatt von Gott angenommen werden, wenn sie in dieser irdischen menschlichen Geburt verharren? Oder wie konnte er mehr als Salomon und mehr als Jonas oder der Herr Davids sein, wenn er von ebenderselben Wesenheit war wie jene? Oder wie besiegte er den, der gegen die Menschen so mächtig war und den Menschen nicht nur besiegte, sondern auch unter seiner Gewalt hielt, und überwand den, der gesiegt hatte, und befreite den Menschen, der besiegt worden war, wenn er nicht etwas Höheres gewesen wäre als jener Mensch, der 430besiegt worden war? Wer aber soll dann besser sein als der Mensch, der nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen war, und tüchtiger als der Sohn Gottes, nach dessen Ebenbild eben der Mensch erschaffen war? Und deshalb offenbarte er schließlich das Ebenbild: der Sohn Gottes wurde Mensch und stellte die alte Schöpfung in sich selber dar, wie wir in dem vorigen Buche gezeigt haben.
§ 5
Er wird aber auch die richten, die einen Scheinleib annehmen. Wie glauben sie denn selber in Wahrheit zu disputieren, wenn ihr Lehrer nur ein Schein war? Oder wie können sie von ihm etwas Zuverlässiges haben, wenn er nur Schein und nicht Wahrheit war? Wie können sie in Wahrheit das Heil erlangen, wenn jener, an den sie zu glauben behaupten, sich nur als Schein erweist? Also ist alles bei ihnen nur Schein und nicht Wahrheit, und man muß jetzt schon die Frage aufwerfen, ob sie nicht vielleicht selbst größtenteils nicht wirkliche Menschen, sondern stumme Tiere sind oder bloß den Schatten von Menschen herumtragen.
§ 6
Richten wird er aber auch die Pseudopropheten, die von Gott keine Prophetengabe empfangen haben und Gott nicht fürchten, die eitlen Ruhmes oder irgend eines Vorteiles wegen oder vielleicht auch mit Hilfe eines bösen Geistes zu prophezeien vorgeben, aber gegen Gott nur lügen.
§ 7
Richten wird er auch die, welche Spaltungen verursachen. Leer von Gottesliebe, schauen sie auf den eigenen Nutzen, aber nicht auf die Einsicht der Kirche, wegen kleiner und nichtiger Ursachen zerschneiden sie den großen und herrlichen Leib Christi in Stücke und möchten ihn, so viel an ihnen liegt, töten. Sie sagen Friede und machen Krieg, seihen die Mücken und verschlingen das Kamel. Denn nimmermehr können sie irgend eine Besserung bewerkstelligen, die so groß ist wie der Schaden eines Schismas.
Richten wird er auch alle, die außerhalb der Wahrheit, d.h. außerhalb der Kirche, sind. Er selbst aber wird von niemand gerichtet werden. Denn alles 431ist bei ihm wohlbegründet: ein vollständiger Glaube an den einen allmächtigen Gott, aus dem alles ist; ein festes Vertrauen auf Jesus Christus, den Sohn Gottes, unseren Herrn, durch den alles ist, und an seine Fürsorge, durch die der Mensch zum Sohne Gottes wurde, and an den Geist Gottes, der die Erkenntnis der Wahrheit verleiht und die Fürsorge des Vaters und des Sohnes darlegt, kraft deren er nach dem Willen des Vaters dem Menschengeschlecht beistand.
§ 8
Die wahre Gnosis ist die Lehre der Apostel und das alte Lehrgebäude der Kirche für die ganze Welt. Den Leib Christi erkennt man an der Nachfolge der Bischöfe, denen die Apostel die gesamte Kirche übergeben haben. Hier sind die Schriften in treuer Überlieferung bewahrt; nichts ist hinzugetan, nichts ist fortgenommen. Hier werden sie unverfälscht verlesen und gesetzmäßig, sorgfältig, gefahrlos und gottesfürchtig erklärt. Hier ist vor allem das Geschenk der Liebe, das kostbarer ist als die Erkenntnis, ruhmvoller als die Prophetengabe, vortrefflicher als alle übrigen Charismen.
§ 9
Daher schickt die Kirche an allen Orten wegen ihrer Liebe zu Gott eine Menge Märtyrer allezeit zum Vater voraus, und alle übrigen können nichts Derartiges bei sich aufweisen. Sie behaupten freilich, daß sie solch ein Blutzeugnis gar nicht gebrauchen, denn ein Martyrium sei ihre Lehre. Aber in der ganzen Zeit, seit der der Herr auf Erden erschien, hat vielleicht einer oder zwei mit unsern Märtyrern, gleichsam als ob er selbst Barmherzigkeit erlangt hätte, die Schmach des Namens ertragen und ist mit ihnen abgeführt worden, gleichsam wie eine Zugabe, die man ihnen geschenkt hat. Denn die Schmach derer, die „Verfolgung erleiden wegen der Gerechtigkeit“ und alle Leiden aushalten und getötet werden wegen ihrer Liebe zu Gott und wegen des Bekenntnisses seines Sohnes, nimmt nur die Kirche rein auf sich. Oft wurde sie verstümmelt, doch sogleich wuchsen ihre Glieder wieder nach, und sie war unversehrt, wie auch ihr Vorbild, die Salzsäule der Frau des Lot. Und 432ähnlich erlitten auch die alten Propheten Verfolgung, wie der Herr sagt: „So nämlich haben sie die Propheten verfolgt, die vor mir gewesen sind“. Denn derselbe Geist der nur in neuer Weise auf ihr ruht, leidet Verfolgung von denen, die das Wort Gottes nicht aufnehmen.
§ 10
Unter anderem, was die Propheten prophezeiten, haben sie auch das prophezeit, daß alle, über welchen der Geist Gottes ruhen würde, und die den Worten des Vaters gehorchen und ihm nach ihrer Kraft dienen würden, Verfolgung erleiden, gesteinigt und getötet werden würden. An sich selbst haben die Propheten dies alles dargestellt wegen der Liebe Gottes und seines Wortes. Denn da sie selber Glieder Christi waren, so stellte auch jeder von ihnen, in der Weise, wie er sein Glied war, eine Weissagung dar; in ihrer Gesamtheit stellten die vielen aber nur den einen dar und zielten auf den einen mit ihren Verkündigungen. Wie nämlich durch unsere Glieder die Wirksamkeit des gesamten Körpers sich darstellt, die Gestalt des Menschen aber nicht durch ein Glied, sondern erst durch alle gezeigt wird, so stellten die Propheten in ihrer Gesamtheit den einen dar, jeder aber, insofern er ein Glied war, erfüllte die entsprechende Anordnung und stellte die entsprechende Tätigkeit Christi im voraus dar.
§ 11
Die einen sahen ihn in seiner Herrlichkeit und schauten seinen herrlichen Aufenthalt zur Rechten des Vaters. Andere sahen ihn aus den Wolken des Himmels als Menschensohn kommen und sagten von ihm: „Sie werden schauen auf den, welchen sie durchbohrt haben“, und wiesen hin auf seine Ankunft, von der er selbst sagt: „Meinst du, wenn der Menschensohn kommt, wird er Glauben finden auf Erden?“ Hiervon spricht auch Paulus: „Wenn es je gerecht ist bei Gott, denen, welche euch betrüben, mit Trübsal zu vergelten, dann wird er euch, die ihr verfolgt werdet, zugleich mit uns mit Ruhe vergelten in der Offenbarung unseres Herrn Jesu Christi vom Himmel her mit den Engeln seiner 433Kraft und in der Flamme des Feuers“. Andere stellen ihn hinwiederum als Richter dar und den Tag des Herrn wie eine glühende Esse — „er sammelt den Weizen in seine Scheune, die Spreu aber wird er verbrennen in unauslöschlichem Feuer“ —. Den Ungläubigen drohten sie, wie von ihnen der Herr sagt: „Gehet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet hat mein Vater dem Teufel und seinen Engeln“. Und ähnlich spricht auch der Apostel: „Diese werden die ewigen Strafen des Unterganges vor dem Angesichte des Herrn and dem Ruhm seiner Kraft leiden, wenn er kommen wird, verherrlicht zu werden in seinen Heiligen und wunderbar zu werden für die, welche an ihn glauben“. Andere sagten: „Schön von Gestalt vor den Menschenkindern“ und: „Gesalbt hat dich Gott, dein Gott, mit dem Öl der Freude vor deinen Genossen, und gürte das Schwert, Gewaltiger, um deine Lenden; in deiner Pracht und Schönheit eile, schreite glücklich vorwärts und herrsche wegen deiner Wahrheit und Sanftmut und Gerechtigkeit“. Durch diese und andere Worte deuteten sie hin auf seine Pracht und Schönheit im Reiche und auf die Wonne, die alles überstrahlt und übertrifft, was von ihm beherrscht wird, damit die, welche es hören, dort gefunden zu werden wünschen und tun, was Gott gefällt. Andere hinwiederum sagen: „Er ist ein Mensch, und wer wird ihn erkennen?“ und: „Ich kam zur Prophetin, und sie gebar einen Sohn, und genannt wird sein Name Wunderbarer, Ratgeber, starker Gott“. Und die ihn den Emmanuel aus der Jungfrau nannten, wiesen hin auf die Vereinigung des Wortes Gottes mit seinem Geschöpfe, da das Wort Fleisch wird und der Sohn Gottes Sohn des Menschen, der da als Reiner rein den reinen Mutterschoß eröffnete, jenen nämlich, der die Menschen für Gott wiedergebiert, und den er selber rein gemacht hat. Sie verkündeten, daß der, welcher geworden, was auch wir sind, der 434starke Gott ist und eine unaussprechliche Herkunft hat. Andere sagen: „Der Herr hat auf Sion geredet und von Jerusalem gab er seine Stimme“, und: „Bekannt ist in Judäa der Herr“, sie weisen hin auf seine Ankunft m Judäa. Die aber den Herrn vom Süden her und vom schattigen, buschigen Berge her kommen lassen, verkünden seine Ankunft aus Bethlehem, wie wir im vorigen Buche gezeigt haben. Von dort kam auch der König und Hirte des Volkes seines Vaters. Andere aber sagen: „Bei seiner Ankunft wird der Lahme wie ein Hirsch springen, und eben wird sein die Zunge der Stummen, und es werden die Augen der Blinden geöffnet werden, und die Ohren der Tauben werden hören, und die gelähmten Hände und die schwachen Knie werden gefestigt werden“, und auferstehen werden die Toten, die in dem Grabe sind, und er selbst wird unsere Schwachheit annehmen und unsere Schmerzen tilgen“. Mit diesen Worten verkündeten sie die von ihm gewirkten Heilungen.
§ 12
Andere aber schildern ihn als schwachen, armseligen Menschen, der da weiß, die Schwachheiten zu tragen und nach Jerusalem kommen werde, sitzend auf dem Füllen der Eselin, der seinen Rücken den Geißeln darreichen werde und seine Wangen den Händen, der wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt werde und mit Essig und Galle getränkt, der von seinen Freunden und denen, die ihm am nächsten sind, werde verlassen werden und seine Hände den ganzen Tag ausstrecken werde und von denen, die auf ihn schauen, verspottet und verflucht; daß sie seine Kleider unter sich teilen und über sein Gewand das Los werfen würden, daß er in den Schoß des Todes hinabsteigen werde und anderes derart. Seine Ankunft als Mensch, seinen Einzug in Jerusalem, sein Leiden dort und seinen Kreuzestod und alles übrige sagten also sie voraus. Andere wieder 435sagten: „Es gedachte der Heilige Geist seiner Toten, die entschlafen waren in der Erde des Schlammes, und er stieg zu ihnen hinab, um sie aufzurichten und zu erlösen“ und gaben die Ursache an, weshalb der Herr dies alles litt. Noch andere sagten: „An jenem Tage, spricht der Herr, wird untergehen die Sonne am Mittag, und es wird Finsternis über der Erde am Tage des Lichtes sein, und ich werde eure Festtage umwandeln in Trauer und alle eure Loblieder in Wehklagen“. Damit zeigten sie deutlich jene Sonnenfinsternis an, die bei seiner Kreuzigung um die sechste Stunde eintrat, und daß alsdann ihre Festtage nach dem Gesetz und ihre Loblieder in Trauer und Wehklagen würden verwandelt werden, wenn sie den Heiden würden überliefert werden. Noch deutlicher zeigt ebendies Jeremias an, indem er also spricht: „Entkräftet ist, die gebärt, gramvoll ihre Seele; untergeht ihr die Sonne, da es noch Mittag ist, verwirrt ist sie und leidet Schmach. Den übrigen von ihnen werde ich das Schwert geben vor dem Angesicht ihrer Feinde“.
§ 13
Andere sagten, er sei eingeschlafen und entschlummert und auferstanden, da der Herr ihn aufnahm, und forderten die Fürsten der Himmel auf, zu öffnen die ewigen Tore, damit einziehe der König der Herrlichkeit; dadurch haben sie seine Auferstehung von den Toten durch den Vater und seine Aufnahme in den Himmel vorher verkündet. Indem sie aber sagten: „Von der Höhe des Himmels ist sein Ausgang und sein Hingang bis zu der Höhe des Himmels, und keiner ist, der sich bergen könnte vor seiner Hitze“, zeigten sie an, daß er dorthin aufgenommen wurde, von wo er gekommen ist, und dass niemand seinem gerechten Gerichte entfliehen kann. Auch sagten sie: „Der Herr ist König, es mögen zürnen die Heiden; der über den Cherubim sitzt, möge erschüttern die Erde“. Damit weissagten sie teils den Zorn von allen Völkern, der sich nach seiner Himmelfahrt wider die erhob, die an 436ihn glaubten, und die Bewegung der ganzen Erde wider die Kirche, teils auch die Erschütterung der gesamten Erde, wenn er vom Himmel her kommen wird mit den Engeln seiner Kraft. So sprach er selbst: „Es wird sein eine große Bewegung der Erde, wie sie von Anfang an nicht gewesen ist“. Und wiederum heißt es: „Wer immer gerichtet wird, trete ihm gegenüber, und wer immer gerechtfertigt wird, nähere sich dem Knechte Gottes“. Und: „Wehe euch, denn ihr alle werdet altern wie ein Gewand, und die Motte wird euch verzehren“. Und: „Gedemütigt wird werden alles Fleisch, und erhöht wird werden der Herr allein in der Höhe“. Das bedeutet, daß nach seinem Leiden Gott zu seinen Füßen legen wird, die gegen ihn gewesen sind, und daß er selber über alle erhöht werden wird, und daß niemand vor ihm wird gerechtfertigt werden oder bestehen können.
§ 14
Ferner heißt es, daß Gott einen neuen Bund mit den Menschen anordnen werde, nicht wie er ihn für die Väter auf Horeb angeordnet hat, sondern daß er ein neues Herz und einen neuen Geist den Menschen geben werde. Und wiederum: „Und das Alte sollt ihr nicht achten, siehe, ich mache neu, was jetzt entsteht, und wisset: Ich werde machen in der Wüste einen Weg und in der wasserlosen Erde Flüsse, zu tränken mein auserwähltes Volk, mein Volk, das ich mir erworben habe, damit es meine Taten verkünde“. Damit wiesen sie deutlich hin auf die Freiheit des Neuen Bundes und auf den neuen Wein, der in neue Schläuche gefüllt wird, nämlich auf den Glauben an Christus. Dieser verkündete, daß in der Wüste der Weg der Gerechtigkeit entstanden sei und in der wasserlosen Erde Ströme des Hl. Geistes, um das auserwählte Volk Gottes zu bewässern, „das er sich erworben hat“, um seine Taten zu verkünden, nicht aber, um den zu lästern, der es erschaffen hat, nämlich Gott.
§ 15
Und all das übrige, was, wie wir gezeigt haben, 437die Propheten sagten, wird der wahrhaft geistige Mensch im einzelnen erklären und in der langen Reihe der Schriften einer jeden Stelle den ihr gebührenden Platz in der Heilsordnung des Herrn und an dem unversehrten Leibe des Werkes des Gottessohnes zuweisen. Aber er weiß, daß es immer derselbe Gott ist, und erkennt immer dasselbe Wort Gottes, wenn es auch jetzt erst sich geoffenbart hat, und erkennt immer denselben Geist Gottes, wenn er auch in den letzten Zeiten auf neue Art auf uns ausgegossen ist, so doch von Erschaffung der Welt bis zu ihrem Ende auf dasselbe Menschengeschlecht, Durch ihn und von ihm erlangen die, welche Gott glauben und seinem Worte folgen, ihr Heil; die aber von ihm sich abwenden und seine Gebote verachten und durch ihre Werke den verunehren, der sie geschaffen hat, und in ihrem Herzen den lästern, der sie ernährt, die beschworen auf sich sein gerechtes Gericht. Ein geistiger Mensch also prüft alle, wird aber selbst von niemand geprüft, denn er lästert nicht seinen Vater, macht seine Anordnungen nicht vergeblich, beschuldigt nicht seine Väter, noch verunehrt die Propheten, indem er sagt, sie seien von einem andern Gott, oder ihre Prophezeiungen stammten aus einer ganz verschiedenen Substanz.