§ 1
Daher war das Gesetz ein Zuchtmittel für sie und eine Vorherverkündigung der zukünftigen Güter. Denn zuerst ermahnte sie Gott durch die natürlichen Gebote, die er den Menschen in das Herz geschrieben hat, d. h. durch den Dekalog. Ohne diese gibt es kein Heil, und nichts weiteres verlangte er von ihnen. So sagt Moses im Deuteronomium: „Das sind alle Worte, die gesprochen hat der Herr zu der Versammlung der Söhne Israels auf dem Berge; und er hat nichts hinzugefügt und hat sie auf zwei steinerne Tafeln geschrieben und mir gegeben“, damit die, welche ihm folgen wollten, die Gebote beobachteten. Wie sie sich aber angeschickt hatten, das Kalb zu machen, und mit ihren Seelen nach Ägypten zurückgekehrt waren, indem sie lieber Knechte als Kinder zu sein begehrten, da empfingen sie die ihrer Begierde angepaßte übrige Knechtschaft, die sie zwar von Gott nicht losriß, aber das Joch der Knechtschaft ihnen aufzwang. So gibt auch der Prophet Ezechiel die Ursache dieses Gesetzes an, indem er sagt: „Und nach der Begierde ihres Herzens waren ihre Augen, und ich gab ihnen nicht gute Gesetze und Satzungen, in denen sie nicht leben werden“. Und Stephanus, der zuerst von den Aposteln zum Diakonat auserwählt und zuerst wegen seines Zeugnisses für Christus getötet wurde, hat nach Lukas über Moses also gesprochen: „Jener empfing die Gebote des lebendigen Gottes, sie euch zu geben; ihm wollten eure Väter nicht 365gehorchen, sondern verwarfen ihn und wandten sich in ihrem Herzen nach Ägypten, indem sie zu Aaron sprachen: Mache uns Götter, welche uns vorangehen! Moses nämlich, der uns aus dem Lande Ägypten herausgeführt hat, was ihm geschehen ist, wissen wir nicht. Und sie machten ein Kalb in jenen Tagen und brachten Opfer dem Götzenbilde und freuten sich ob der Taten ihrer Hände. Es wandte sich aber Gott ab und ließ sie dienen den Heeren des Himmels, wie geschrieben ist im Buche der Propheten: „Habt ihr mir Opfer und Gaben dargebracht während der vierzig Jahre in der Wüste, Haus Israel? Ihr habt angenommen das Zelt des Moloch und den Stern des Gottes Remphan, Bilder, die ihr gemacht habt, sie anzubeten“. Das bedeutet offenbar, daß ein solches Gesetz nicht von einem anderen Gott, sondern von demselben gegeben wurde, passend zu ihrer Knechtschaft. Deshalb spricht er auch im Exodus zu Moses: „Ich werde vorsenden vor dir meine Engel …, denn nicht will ich mit dir hinaufziehen, weil du ein halsstarriges Volk bist“.
§ 2
Und weiter hat der Herr kundgetan, daß auch manche Gesetze von Moses ihnen wegen ihrer Härte gegeben sind, weil sie sich nicht unterwerfen wollten, indem er auf die Frage: „Warum hat Moses vorgeschrieben, einen Scheidebrief zu geben und die Gattin zu entlassen?“ ihnen antwortete: „Dies hat er wegen der Härte eures Herzens erlaubt, von Anfang an ist es aber nicht so geschehen“. Moses entschuldigte er als treuen Diener, Gott bekannte er als den, der im Anfang Mann und Weib gemacht hat; jene aber bezichtigte er als hart und ungehorsam. Und deswegen empfingen sie von Moses das Gebot des Scheidebriefes, das ihrer Härte entsprach. Doch was sagen wir dies vom Alten Testamente? Haben doch im Neuen Testamente die Apostel aus dem angegebenen Grunde ersichtlich ebenso gehandelt. So sagt gleich Paulus: „Dies aber sage ich, nicht der Herr“. Und wiederum: „Dies aber sage ich 366gemäß seiner Nachsicht, nicht gemäß seines Gebotes“. Und wiederum: „In Betreff der Jungfrauen zwar habe ich kein Gebot des Herrn, ich gebe aber einen Rat als einer, der Barmherzigkeit vom Herrn erlangt hat, um treu zu sein“. Und an einer anderen Stelle sagt er: „Damit euch nicht versuche Satanas wegen eurer Unenthaltsamkeit“. Wenn also auch im Neuen Testamente die Apostel einige Vorschriften offensichtlich aus Milde wegen der Unenthaltsamkeit einiger zugestanden haben, damit diese nicht verhärteten und an ihrer Rettung verzweifelten und von Gott abfielen, so darf man sich nicht wundern, wenn Gott im Alten Testamente einiges dergleichen zum Nutzen des Volkes wollte geschehen lassen, indem er sie durch die genannten Beobachtungen anlockte. Hierdurch sollten sie das Heil des Dekalogs beobachten, von ihm festgehalten, nicht mehr zum Götzendienst zurückkehren, noch von Gott sich abwenden, sondern lernen, ihn von ganzem Herzen zu lieben. Wenn aber einige mit Rücksicht auf die ungehorsamen und verlorenen Israeliten sagen wollten, daß der Lehrer des Gesetzes also schwach war, so werden sie auch in dem Ruf, der an uns ergangen ist, viele Berufene, aber wenige Auserwählte finden und solche, die inwendig Wölfe, von außen aber mit Schaffellen bekleidet sind. Denn immer hat Gott und seine Ermahnung den freien Willen und das Selbstbestimmungsrecht im Menschen gewahrt, damit die Ungehorsamen gerechterweise verurteilt werden, deshalb weil sie nicht gehorchten. Die aber ihm gehorchten und glaubten, die sollten mit der Unvergänglichkeit geehrt werden.