§ 1
Daß er selber das Wort ist, welches die Kenntnis des Vaters vermittelt, zeigte der Herr seinen Jüngern, und zugleich tadelte er die Juden, die da meinten, daß sie den Vater hätten, obwohl sie sein Wort verwarfen, indem er sprach: „Niemand kennt den Sohn als der Vater, noch kennt jemand den Vater als der Sohn und dem es der Sohn offenbaren will“. So heißt es bei Matthäus und ähnlich bei Lukas und ebenso bei 337Markus; Johannes aber hat diese Stelle übergangen. Die aber klüger sein wollen als die Apostel, schreiben so: „Niemand kennt den Vater als der Sohn, und den Sohn nur der Vater und dem es der Sohn offenbaren will“, und erklären das so, als ob vor der Ankunft unseren Herrn der wahre Gott von niemandem erkannt worden wäre, und sagen, daß der von den Propheten verkündete Gott nicht der Vater Christi sei.
§ 2
Wenn aber Christus erst dann seinen Anfang nahm, als er in menschlicher Gestalt zu uns kam, und wenn erst zu den Zeiten des Kaisers Tiberius der Vater daran dachte, sich um die Menschen zu kümmern, und wenn so offensichtlich sein Wort nicht immer bei seinem Geschöpfe gewesen wäre, so durfte auch unter diesen Umständen kein anderer Gott verkündet werden, sondern man hätte erst die Ursachen einer so großen Sorglosigkeit und Nachlässigkeit aufsuchen müssen. Denn auf keinen Fall darf die Fragestellung derart sein und soweit sich versteigen, daß sie Gott verändert und unsern Glauben an den Schöpfer, der uns durch seine Schöpfung ernährt, aufhebt. Denn wie unser Glaube auf den Sohn zielt, so muß auch unsere Liebe zu dem Vater fest und unerschütterlich sein. Schön sagt Justin in seinem Buche gegen Markion: „Selbst dem Herrn hätte ich nicht geglaubt, wenn er einen andern Gott verkündet hätte als den Schöpfer, unsern Urheber und Ernährer. Aber da sein eingeborener Sohn von dem einen Gott, der diese Welt gemacht, uns erschaffen hat und alles umfaßt und leitet, zu uns kam, indem er sein eigenes Geschöpf in uns rekapitulierte, so steht mein Glaube an ihn fest, und unerschütterlich ist meine Liebe zu dem Vater“, indem Gottes uns beides verleiht.
§ 3
Denn niemand kann den Vater erkennen als das Wort Gottes, d. h. als wenn der Sohn es ihm offenbart, niemand den Sohn als durch den Willen des Vaters. Den guten Willen des Vaters aber vollzieht der Sohn: es schickt ihn der Vater, geschickt aber wird der 338Sohn, und er kommt. Denn den unsichtbaren und unbestimmbaren Vater, wie er es für uns ist, erkennt sein eigenes Wort, und wenn er auch unaussprechbar ist, so erzählt er uns von ihm. Sein Wort hinwiederum erkennt allein der Vater: das hat beides uns deutlich der Herr kundgetan. Deswegen verkündet der Sohn die Kenntnis des Vaters durch seine Offenbarung. Denn die Kenntnis des Vaters ist die Offenbarung des Sohnes, alles nämlich wird durch das Wort geoffenbart. Damit wir nun erkennen, daß der Sohn, der auf die Erde gekommen ist, derjenige ist, der die Kenntnis des Vaters denen vermittelt, die an ihn glauben, spricht er zu seinen Jüngern: „Niemand kennt den Vater als der Sohn, noch den Sohn als der Vater und denen es der Sohn offenbart.“ So verkündet er sich und den Vater der Wahrheit gemäß, damit wir keinen andern Vater annehmen als den, welcher von dem Sohne geoffenbart wird.
§ 4
Dieser aber ist der Schöpfer des Himmels und der Erde, wie wir aus seinen Reden gezeigt haben, und nicht der von Markion, Valentinus, Basilides oder Karpokrates, Simon oder den andern fälschlich sogenannten Gnostikern erfundene. Denn keiner von ihnen war der Sohn Gottes, sondern Christus Jesus, unser Herr, dem sie in ihrer Lehre entgegentreten, indem sie einen unbekannten Vater zu verkünden wagen. Doch bloß auf sich selbst sollten sie hören: Wie ist denn der unbekannt, der von ihnen erkannt wird? Denn was immer auch nur von wenigen erkannt wird, ist doch nicht unbekannt! Der Herr aber lehrte keineswegs, daß die Kenntnis des Vaters und des Sohnes ganz unmöglich sei; dann wäre ja seine Ankunft überflüssig gewesen. Oder ist er etwa zu dem Zwecke auf die Erde gekommen, um uns zu sagen: „Ihr sollt Gott nicht suchen, denn unbekannt ist er, und ihr werdet ihn nicht finden?“ Es ist töricht und erlogen, wenn die Valentinianer Christus so zu ihren Äonen sprechen lassen. Vielmehr lehrte uns der Herr, daß keiner Gott kennen kann, wenn Gott ihn nicht belehrt, d. h. ohne Gott ist es unmöglich, Gott zu erkennen; daß wir aber ihn erkennen, ist gerade der Wille des Vaters. Es erkennen ihn aber die, denen der Sohn es geoffenbart hat.
§ 5
339Dazu aber hat der Vater den Sohn offenbart, damit er durch ihn allen bekannt werde und er die Gerechten, welche an ihn glauben, in die Unvergänglichkeit und ewige Ruhe aufnehmen kann — ihm glauben heißt nämlich seinen Willen tun — die aber, welche ihm nicht glauben und somit sein Licht fliehen, in die selbsterwählte Finsternis verdientermaßen verbanne. Allen also hat sich der Vater offenbart, indem er allen sein Wort sichtbar machte; und das Wort wiederum zeigte allen den Vater und den Sohn, da er von allen gesehen wurde. Darum ergeht das gerechte Gericht Gottes über alle, die ihm, obwohl sie ihn ebenso wie die andern sahen, nicht ebenso glaubten.
§ 6
Denn durch die Schöpfung selber offenbart das Wort Gott als den Schöpfer und durch die Welt den Herrn als den Schöpfer der Welt und durch das Geschöpf, das er geschaffen hat, den Künstler, und durch den Sohn als Vater den, der den Sohn erzeugt hat. So ähnlich sind auch die Worte aller, aber verschieden ist ihr Glaube. Doch auch durch Gesetz und Propheten hat das Wort in ähnlicher Weise sich und den Vater verkündet — und obwohl das gesamte Volk es in gleicher Weise hörte, glaubten nicht alle in gleicher Weise. Auch wurde durch das sichtbar und greifbar gewordene Wort der Vater allen gezeigt. Es glaubten nicht alle ihm gleichmäßig, und doch sahen alle in dem Sohne den Vater, denn das Unsichtbare an dem Sohne ist der Vater, und das Sichtbare des Vaters ist der Sohn. Darum sprachen ihn alle, wo er sich zeigte, als Christus an und nannten ihn Gott. Selbst die Dämonen sprachen, als sie den Sohn sahen: „Wir kennen dich, wer du bist, der Heilige Gottes“. Und als der Versucher ihn sah, sprach er: „Wenn du der Sohn Gottes bist“. So sahen und sprachen alle den Sohn und den Vater, aber nicht alle glaubten.
§ 7
Es mußte nämlich die Wahrheit von allen Zeugnis empfangen und ein Gericht sein zum Heile der Gläubigen und zur Verdammnis der Ungläubigen, 340damit alle gerecht gerichtet würden und der Glaube an den Vater und den Sohn von allen bestätigt, d. h. von allen bekräftigt werde, indem er von allen das Zeugnis empfing, von den Hausgenossen als ihren Freunden und von den Fremden als ihren Feinden. Denn das ist erst ein voller und unwidersprechlicher Beweis, der sogar von den Gegnern deutliche Zeugnisse hervorlockt: Indem sie ihn selbst augenscheinlich sahen, legten sie Zeugnis ab von dem gegenwärtigen Vorgang und bestätigten sie ihn; dann aber traten sie ihm als Feinde und Ankläger entgegen und wollten ihr eigenes Zeugnis nicht mehr wahr sein lassen. Es war also kein anderer, der sich den Menschen zeigte, und kein anderer, der da sagte: „Niemand erkennt den Vater“, sondern es war ein und derselbe. Ihm hatte der Vater alles unterworfen, und von allen empfing er das Zeugnis, daß er wahrer Mensch und wahrer Gott ist, vom Vater, von dem Geiste, von den Engeln, von dem Schöpfer selbst, von den Menschen, von den abtrünnigen Geistern, von den Dämonen, von dem Feinde und zuletzt selbst von dem Tode. So wirkt der Sohn von Anfang bis zum Ende für den Vater, und ohne ihn kann niemand Gott erkennen. Die Kenntnis des Vaters ist der Sohn, und der Sohn wird erkannt im Vater und durch den Sohn offenbart. Deswegen sprach der Herr: „Niemand erkennt den Sohn als der Vater, noch den Vater als der Sohn und wem immer der Sohn es offenbart haben wird.“ Das „offenbart haben wird“ gilt nämlich nicht bloß für die Zukunft, gleich als ob das Wort dann erst angefangen hätte, den Vater zu offenbaren, als er aus Maria geboren war, sondern vielmehr gemeinsam für alle Zeiten. Denn von Anfang an steht der Sohn seinem Geschöpfe bei, offenbart den Vater allen, denen er will, und der Vater offenbart, wann er will, und wie er will, und deswegen ist in allem und bei allem ein Gott Vater, ein Wort der Sohn, und ein Geist und ein Heil für alle, die an ihn glauben.