§ 1
Gegen die Valentinianer und die zu Unrecht so benannten Gnostiker, die da behaupten, daß einige Schriftstellen aus der obersten Region stammen, von wo auch ihr Same her ist, andere aus der Mitte wegen ihrer vorwitzigen Mutter Prounika, viele jedoch von dem Demiurgen, von dem die Propheten gesandt wurden, sagen wir, daß es sehr unverständig ist, den Allvater in eine solche Verlegenheit zu bringen, gleich als ob er nicht seine eigenen Werkzeuge gehabt hätte, um die Vorgänge im Pleroma rein zu verkünden. Vor wem hatte er denn Angst, daß er nicht frei und ohne Vermischung mit dem in Schwund und Irrtum geratenen Geist deutlich und allein für sich seinen Willen verkündete? Oder fürchtete er, daß zu viele gerettet werden möchten, wenn mehrere die reine Wahrheit gehört hätten? Oder war er nicht imstande, sich selbst diejenigen vorzubereiten, welche die Ankunft des Erlösers verkünden sollten?
§ 2
442Wenn aber der Erlöser bei seiner Ankunft hienieden seine eigenen Apostel in die Welt sandte, um rein seine Ankunft zu verkünden und den Willen des Vaters zu lehren, ohne auf die Lehre der Heiden und Juden irgendwie Bezug zu nehmen, dann hätte er um so mehr, als er noch im Pleroma war, eigene Prediger bestimmt, die seine bevorstehende Ankunft in diese Welt verkünden sollten ohne eine Beziehung zu den Weissagungen von dem Demiurgen. Wenn er aber noch im Pleroma der alttestamentlichen Propheten sich bediente und durch sie das Seinige offenbarte, dann bediente er sich um so mehr nach seiner Ankunft auf Erden derselben Lehrer und verkündete uns durch sie sein Evangelium. Sie sollen also fürderhin nicht mehr sagen, daß Petrus und Paulus und die übrigen Apostel die Wahrheit gepredigt hätten, sondern die Schriftgelehrten und Pharisäer und durch wen sonst das Gesetz verkündet wurde. Wenn er aber bei seiner Ankunft seine eigenen Apostel im Geist der Wahrheit aussandte und nicht im Geist des Irrtums, dann tat er dasselbe auch bei den Propheten, denn immer bleibt das Wort Gottes sich gleich. Und wenn nach ihrer Lehre der Geist von oben ein Geist des Lichts und ein Geist der Wahrheit und ein Geist der Vollkommenheit und ein Geist der Erkenntnis war, der vom Demiurgen aber ein Geist der Unwissenheit, des Schwundes und Irrtums und ein Ableger des Schattens, wie konnte dann in ein und demselben Vollkommenheit und Schwund, Erkenntnis und Unwissenheit, Irrtum und Wahrheit, Licht und Finsternis sein? Wenn dies aber bei den Propheten ganz unmöglich war, sie vielmehr von einem Gott das Wort des Herrn verkündeten und die Ankunft seines Sohnes meldeten, dann hat der Herr noch viel weniger seine Aussprüche bald aus der Höhe, bald aus der Tiefe genommen, indem er zugleich ein Lehrer der Erkenntnis und der Unwissenheit war, noch verherrlichte er bald den Demiurgen, bald den Vater, der über diesem ist. Sagt er doch selber: „Niemand setzt den Flicken eines neuen Kleides auf ein altes Kleid, noch tut man neuen Wein in alte Schläuche“. Deswegen müssen sie auf 443die Propheten des Alten Bundes völlig verzichten und dürfen nicht sagen, sie hätten einiges von dem neuen aus der Höhe verkündet, da sie von dem Demiurgen vorausgeschickt waren — oder es trifft sie der Vorwurf des Herrn, daß man neuen Wein nicht in alte Schläuche tun darf.
§ 3
Wie konnte aber der Same ihrer Mutter die Geheimnisse im Innern des Pleroma erkennen und von ihnen sprechen? War doch ihre Mutter, als sie diesen Samen erzeugte, außerhalb des Pleroma, also auch außerhalb der Erkenntnis, d. h. in Unwissenheit. Wie konnte nur der in Unwissenheit empfangene Same nun die Erkenntnis verkünden? Oder wie kannte die Mutter selbst die Geheimnisse des Pleroma, wo sie doch form- und gestaltlos als eine Frühfrucht hinausgeworfen, dort erst Gestalt und Form erhält, von dem Horos aber an dem Eintritt ins Pleroma abgehalten wird und bis zum Weltenende außerhalb des Pleroma verbleiben wird, d. h. außerhalb der Erkenntnis. Diejenigen hinwiederum, die da sagen, das Leiden des Herrn sei ein Typus der Ausdehnung des oberen Christus, der bei der Berührung mit dem Horos ihre Mutter bildete, werden überführt, indem sie für die übrigen Stücke keinen Typus nach weisen können. Wo wäre nämlich der obere Christus mit Essig und Galle getränkt, wo seine Kleider verteilt, wo wäre er durchbohrt worden, und es kam Blut und Wasser heraus? Wo hätte er Blut geschwitzt, und was sonst noch die Propheten aus dem Leben des Herrn verkündet haben? Woher hätte dies, was damals noch nicht geschehen war, sondern erst geschehen sollte, die Mutter oder ihr Same ahnen können?
§ 4
Durch die Schriftstellen über die Ankunft Christi widerlegt, lassen sie einiges von dem höchsten Prinzip gesprochen sein; welches aber diese Stellen sind, darüber sind sie sich nicht einig und geben verschiede Auskunft. Wenn nämlich jemand der Probe halber einzeln ihre Leuchten über irgend eine Stelle befragt, dann wird er finden, daß der eine die fragliche Stelle auf den Propator, d. h. den Bythos, bezieht, der andere auf den Uranfang, d. h. den Eingeborenen, der andere auf den Allvater, d. h. das Wort, wieder ein anderer auf einen 444der Äonen im Pleroma, noch andere auf Christus oder den Heiland. Wer aber unter ihnen schlauer ist, der schweigt erst lange und bezieht es dann auf den Horos, ein anderer auf die Sophia im Pleroma, ein anderer auf die Mutter außerhalb des Pleroma, ein anderer auf den Demiurgengott. So groß sind unter ihnen die Verschiedenheiten, so verschieden die Meinungen über dieselben Schriftstellen! Liest du ihnen eine und dieselbe Stelle vor, so krausen alle die Augenbrauen, schütteln das Haupt und erklären, daß diese einen sehr tiefen Sinn habe und nicht alle die Tiefe des Ausspruches verstehen könnten, darum sei Stillschweigen die wichtigste Sache für den Weisen. Die obere Stille nämlich müsse durch das Stillschweigen bei ihnen abgebildet werden. Dann machen sich alle davon, so viele ihrer sind, tragen so gewichtige Meinungen mit sich herum und nehmen ihren Scharfsinn mit sich in diese Verborgenheit. Werden sie also einmal unter sich über den Sinn der Schriften einig sein, dann werden sie auch von uns widerlegt werden. Bis dahin aber widerlegen sie in ihrer Torheit sich selbst, indem sie über dieselben Worte nicht übereinstimmen.
§ 5
Wir aber folgen dem einzigen und wahren Gott als unserm Lehrmeister und haben als Richtschnur der Wahrheit seine Worte, erklären sie alle auf gleiche Weise, da wir ja wissen, daß es nur einen Gott gibt, der die Propheten gesandt, der das Volk aus Ägypten herausgeführt, der in den jüngsten Zeiten seinen Sohn geoffenbart hat, um die Ungläubigen zuschanden zu machen und die Frucht der Gerechtigkeit zu holen.