§ 1
In seiner Größe also können wir Gott nicht erkennen, denn unmöglich ist es, den Vater zu messen. In seiner Liebe aber, die uns durch das Wort zu Gott hinführt, werden wir, wenn wir ihm gehorchen, immer besser verstehen, daß Gott so groß ist und durch sich selbst alles beschlossen, erwählt und ausgeschmückt hat und alles umfängt. Somit auch diese Welt hienieden. Und unter dem, was von ihm umfaßt wird, sind auch wir erschaffen. Hierüber sagt die Schrift: „Und es bildete Gott den Menschen, indem er den Schlamm der Erde nahm, und er hauchte in sein Antlitz den Hauch des Lebens“. Die Engel also haben uns nicht gemacht, noch gebildet, noch konnten sie uns nach dem Bilde Gottes machen, noch irgend ein anderer außer dem Worte des Herrn, noch irgend eine Kraft, die von dem Vater des Weltalls weit entfernt war. Auch bedurfte Gott keiner solchen Hilfe, um das zu machen, was er bei sich beschlossen hatte, gleich als ob er selbst keine Hände hätte. Denn immer ist bei ihm das Wort und die Weisheit, der Sohn und der Geist, durch die und in denen er alles aus freiem Willen und Entschluß geschaffen hat. Zu ihnen spricht er auch: „Laßt uns den 384Menschen machen nach unserm Bild und Gleichnis“, indem er aus sich selbst die Substanz der Geschöpfe und ihre Idee und ihre schöne reale Gestalt hernahm.
§ 2
Es gibt einen schönen Ausspruch der Schrift, welcher lautet: „Zuerst vor allem glaube, daß es einen Gott gibt, der das Weltall geschaffen und aus dem Nichtsein alles Sein gemacht und vollendet hat. Alles umfaßt er, und von niemand wird er umfaßt“. Schön heißt es aber auch bei dem Propheten Malachias: „Ist nicht einer Gott, der uns erschaffen hat? Ist nicht einer der Vater von uns allen?“ Desgleichen sagt auch der Apostel: „Ein Gott Vater, der über allem und in uns allen ist“. In gleicher Weise spricht auch der Herr: „Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden“; offenbar von dem, welcher alles gemacht hat. Denn nicht Fremdes, sondern das Eigene übergab er ihm. Wenn aber alles, dann ist nichts seiner Macht entzogen, und deshalb ist er auch der Richter der Lebendigen und der Toten; „er hat den Schlüssel Davids, er öffnet, und niemand schließt, er schließt, und niemand öffnet“. Kein anderer weder im Himmel, noch auf der Erde, noch unter der Erde konnte das Buch des Vaters öffnen, noch ihn sehen, als das Lamm, welches geschlachtet wurde und mit seinem Blute uns erlöste. Von ebendemselben, der alles durch das Wort gemacht und mit seiner Weisheit geschmückt hat, empfing er auch die Gewalt über alles, als das Wort Fleisch wurde. Nun herrscht das Wort auch auf Erden, wie es im Himmel geherrscht hat, denn als gerechter Mensch „tut es keine Sünde, noch wird in seinem Munde Falsch gefunden“, herrscht auch unter der Erde, da es der Erstgeborene der Toten geworden ist. So sah, wie wir gesagt haben, alles seinen König, und im Fleische des Herrn begegnete uns das Licht des Vaters, strahlte von seinem Fleische auf uns aus, und so kam der Mensch zur Unverweslichkeit, indem er von dem väterlichen Lichte umgeben wurde.
§ 3
385Und daß das Wort, d. h. der Sohn, immer bei dem Vater war, haben wir vielfach dargetan. Daß aber auch die Weisheit, d. h. der Geist, bei ihm vor aller Schöpfung war, sagt er durch Salomon: „Gott hat durch die Weisheit die Erde gegründet, den Himmel bereitet durch die Klugheit. Durch seinen Geist brachen die Abgründe hervor und die Wolken träufelten Tau“.Und wiederum; „Der Herr schuf mich am Anfang seiner Wege zu seinen Werken, vor der Ewigkeit gründete er mich, im Anfang, bevor er die Erde machte, bevor er die Abgründe festlegte, und bevor die Wasserquellen hervorgingen und die Berge befestigt wurden, vor allen Hügeln erzeugte er mich“. Und wiederum: „Als er den Himmel bereitete, war ich bei ihm, und als er die festen Quellen des Abgrundes machte, als er die starken Fundamente der Erde legte, war ich bei ihm helfend. Ich war es, mit dem er sich freute, täglich aber freute ich mich vor seinem Angesichte zu jeder Zeit, als er sich freute über die Vollendung des Erdkreises, und er ergötzte sich unter den Menschenkindern“.
§ 4
Der eine Gott also, der durch sein Wort und die Weisheit alles gemacht und geordnet hat, ist auch der Demiurg, der diese Welt dem Menschengeschlechte angewiesen hat. In seiner Größe ist er allen denen, die er gemacht hat, unbekannt, denn keiner von den Alten, die dahingegangen sind, noch von denen, die jetzt noch leben, hat seine Höhe erforscht; in seiner Liebe aber wird er immer von dem erkannt, durch den er alles gemacht hat. Das ist aber sein Wort, unser Herr Jesus Christus, der in den letzten Zeiten Mensch unter Menschen geworden ist, um das Ende mit dem Anfang zu verbinden, d. h. den Menschen mit Gott. Deswegen empfingen die Propheten von demselben Worte die Prophetengabe und verkündeten seine Ankunft im Fleische, wodurch die Vermischung und Vereinigung des Menschen mit Gott nach dem Wohlgefallen des Vaters bewirkt wurde. Hatte doch das Wort von Anfang an 386vorherverkündigt, daß „Gott von den Menschen geschaut werden“ und mit ihnen auf Erden verkehren und sprechen wird und beistehen seinem Geschöpfe, und es retten und von ihm sich aufnehmen lassen wird und uns „erretten werde aus den Händen aller, die uns hassen“, d. h. von jedem Geist des Ungehorsams, and bewirken, daß wir „ihm dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit alle unsere Tage“, damit der Mensch den Geist Gottes umarme und eingehe in die Herrlichkeit des Vaters.
§ 5
Das verkündeten die Propheten prophetisch. Einige aber, die überhaupt nicht wissen, was eine Prophetie ist, behaupten nun, daß der Vater, der von den Propheten gesehen wurde, mit dem unsichtbaren Allvater nicht identisch sei. Eine Prophetie ist nämlich die Verkündigung künftiger Dinge, d. h. die Vorhersage dessen, was später sein wird. Es verkündeten also die Propheten im voraus, daß Gott von den Menschen gesehen werden wird, wie auch der Herr sagte: „Selig, die reinen Herzens, denn sie werden Gott sehen“. In seiner Größe aber und wunderbaren Herrlichkeit „wird niemand Gott sehen und leben“, denn unfaßbar ist der Vater. In seiner Liebe und Freundlichkeit aber läßt er sich, weil er alles kann, von denen sehen, die ihn lieben, wie es die Propheten verkündeten. Denn „was unmöglich ist bei den Menschen, ist möglich bei Gott“. Aus sich selbst nämlich sieht der Mensch Gott nicht. Wenn er es aber will, wird er von den Menschen gesehen, von denen er es will, wann und wie er es will. Denn Gott vermag alles. Ehemals wurde er im Geiste prophetisch geschaut, dann durch den Sohn, wie es angenommenen Kindern zukommt, schließlich wird er gesehen werden im Himmelreiche als Vater. Denn der Geist bereitet den Menschen vor im Sohne Gottes, der Sohn führt ihn hin zum Vater, der Vater aber schenkt ihm Unverweslichkeit zum ewigen Leben, das jedem deswegen zuteil wird, weil er Gott schaut. Denn wie die, welche das 387Licht schauen, in dem Lichte sind und an seinem Glanze teilnehmen, so sind die, welche Gott schauen, in Gott und haben teil an seiner Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit aber macht sie lebendig, denn das Leben empfangen, die Gott schauen. Und auf diese Weise macht sich der Unfaßbare und Unbegreifbare und Unsichtbare sichtbar, begreifbar und faßbar für die Gläubigen, damit er lebendig macht, die ihn durch den Glauben fassen und schauen. Denn wie seine Größe unerforschbar ist, so ist seine Güte unaussprechbar, durch die er sich sehen läßt und Leben verleiht denen, die ihn sehen. Denn zu leben ohne das Leben ist unmöglich; die Subsistenz des Lebens aber kommt her von der Teilnahme an Gott. An Gott aber teilnehmen, heißt ihn schauen und seine Güter genießen.
§ 6
Die Menschen also werden Gott sehen, damit sie leben, indem sie durch das Schauen unsterblich geworden sind und in Gott eintauchen. Durch die Propheten wurde, wie ich bereits gesagt habe, in Bildern verkündet, daß die Menschen Gott sehen werden, die seinen Geist tragen und immer seine Ankunft erwarten. So spricht Moses im Deuteronomium: „An jenem Tage werden wir sehen, daß Gott zu den Menschen sprechen wird, und er wird leben“. Einige nämlich von ihnen sahen den prophetischen Geist und seine Wirkungen, die sich in die verschiedenen Charismen ergossen. Andere die Ankunft des Herrn und sein Walten von Anbeginn, durch welches er den Willen des Vaters im Himmel und auf Erden vollzog. Andere wieder die Herrlichkeit des Vaters, wie sie den Zeiten angepaßt war und den Menschen, die sie sahen und hörten und fortan hören sollten. So also offenbarte sich Gott. Denn in all diesem offenbart sich der Vater, indem der Geist wirkt, der Sohn dient, der Vater bestätigt, der Mensch aber zum Heile vollendet wird. So spricht er auch durch den Propheten Oseas: „Ich habe die Gesichte vervielfältigt und in den Händen der Propheten mich abgebildet“. Das erläutert der Apostel, indem 388er sagt: „Verschieden sind die Charismen, aber es ist derselbe Geist. Und verschieden sind die Dienstleistungen, aber es ist derselbe Herr; verschieden sind die Tätigkeiten, aber es ist derselbe Gott, der alles in allen wirkt. Einem jeden aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben“. Da aber der, welcher alles in allem wirkt, Gott ist, so ist er in seiner Beschaffenheit und Größe für alles, was von ihm gemacht ist, unsichtbar und unaussprechbar, jedoch keineswegs unbekannt. Denn alles lernt es von seinem Worte, daß es einen Gott Vater gibt, der alles umfaßt und allen das Dasein verleiht, wie im Evangelium geschrieben steht: „Gott sah niemand jemals als der eingeborene Sohn, der im Schoße des Vaters ist, der hat es erzählt“.
§ 7
Es erzählt also von Anfang an der Sohn des Vaters, da er ja von Anfang an bei dem Vater ist. Er hat ja auch die prophetischen Gesichte, die Verteilung der Charismen, seine Dienstleistungen und die Verherrlichung des Vaters dem Menschengeschlechte zum Nutzen zur rechten Zeit angepaßt und zusammengestellt. Wo nämlich Zusammenhang, da auch Beständigkeit, wo Beständigkeit, da ist auch alles zur rechten Zeit, wo alles zur rechten Zeit, da auch Nutzen. Deswegen verteilte das Wort die Gnaden des Vaters zum Nutzen und traf wegen der Menschen seine gesamten Anordnungen, indem es ihnen Gott zeigte und sie dem Herrn darstellte. Dennoch bewahrte es aber die Unsichtbarkeit Gottes, damit der Mensch Gott nicht verachte und nicht aufhöre, nach ihm vorwärts zu streben. Durch vielerlei Anordnungen jedoch machte es andrerseits Gott für die Menschen sichtbar, damit der Mensch nicht gänzlich von Gott abfalle und aufhöre zu sein. Denn Gottes Ruhm ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen aber ist die Anschauung Gottes. Wenn nämlich die Erkenntnis Gottes mittels der Schöpfung allen, die auf Erden leben, das Leben verleiht, dann muß umsomehr die Offenbarung des Vaters durch den Sohn das Leben denen verleihen, die ihn schauen.
§ 8
389Da nun also der Geist Gottes durch die Propheten das Zukünftige verkündete, uns im voraus formend und anpassend zur Hingabe an Gott, dem Menschen aber nach dem Wohlgefallen des Hl. Geistes bestimmt war, Gott zu schauen, so mußten ganz notwendig die Propheten den Gott schauen, dessen Anschauung sie den Menschen verhießen. Gott und der Sohn Gottes, der Sohn und der Vater sollten doch nicht nur prophetisch verkündet, sondern von allen Gliedern, die geheiligt und über Gott belehrt waren, auch geschaut werden. Im voraus sollte der Mensch geschult und geübt werden, sich auf die Herrlichkeit vorzubereiten, die später denen offenbart werden sollte, die Gott lieben. Nicht nur durch Reden, sondern auch durch Gesichte, Unterredungen und Handlungen, die sie setzten, je nachdem es ihnen der Geist eingab, prophezeiten die Propheten. In diesem Sinne also sahen sie den unsichtbaren Gott, wie Isaias sagt: „Den König, den Herrn Sabaoth, sah ich mit meinen Augen“, d.h., daß der Mensch mit seinen Augen Gott sehen und daß er seine Stimme hören wird. In diesem Sinne sahen sie auch bereits den Sohn Gottes als Menschen mit den Menschen verkehren, d. h., sie verkündeten das Zukünftige, indem sie sagten, daß der, welcher noch nicht da war, schon erschienen sei, und indem sie die Leiden des Leidensunfähigen verkündeten und sagten, daß der, welcher damals im Himmel war, „in den Schoß des Todes hinabgestiegen“ sei. Und von seinen übrigen Anordnungen der Rekapitulation sahen sie einige im Gesichte, andere verkündeten sie mit Worten, andere zeigten sie durch vorbildliche Handlungen an. Was sichtbar war, schauten sie sichtbar, was hörbar war, verkündeten sie mit Worten, was durch Taten sich äußern sollte, durch Taten: alles aber verkündeten sie prophetisch. Deswegen sprach Moses zu dem Volke, das das Gesetz übertrat, von dem „feurigen Gotte“ und drohte ihm, daß Gott einen Feuertag über sie schicken werde; zu denen aber, die Gott fürchteten, sprach er: „Gott der Herr ist barmherzig und gnädig, 390langmütig und von großem Erbarmen, er ist wahrhaft und liebt die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gegen Tausende, er nimmt fort die Ungerechtigkeiten und Bosheiten und Sünden“.
§ 9
Als Moses vor seinem Angesichte stand, sprach das Wort zu ihm, wie wenn „jemand zu seinem Freunde redet“. Als er aber wünschte, den deutlich zu sehen, der mit ihm sprach, da wurde ihm gesagt: „Steh auf dem hohen Orte des Felsens, und meine Hand will ich decken über dich. Wann aber vorübergeht meine Herrlichkeit, dann wirst du meinen Rücken sehen; aber mein Angesicht wird sich dir nicht zeigen, denn kein Mensch sieht mein Angesicht und wird leben“. Das bedeutet zweierlei: Einmal, daß es dem Menschen unmöglich ist, Gott zu sehen, und dann, daß durch Gottes Weisheit in den letzten Zeiten der Mensch ihn sehen wird auf der Höhe des Felsens, d. h. wenn er als Mensch ankommen wird. Deshalb sprach er auch mit ihm von Angesicht zu Angesicht auf der Höhe des Berges, indem nach dem Bericht des Evangeliums noch Elias dabei war, und erfüllte am Ende seine frühere Verheißung.
§ 10
Also sahen die Propheten das Angesicht Gottes nicht deutlich, sondern nur seine Anordnungen und Geheimnisse, durch die der Mensch dazu gelangen sollte, Gott zu schauen. So wurde dem Elias gesagt: „Gehe morgen hinaus und tritt vor das Angesicht des Herrn, und siehe, der Herr wird vorübergehen. Und siehe, ein großer und starker Geist, der die Berge zerstäubt und die Felsen zermalmt im Angesichte des Herrn, und nicht in dem Geiste ist der Herr. Und nach dem Geiste ein Erdbeben, und in dem Erdbeben nicht der Herr und nach dem Erdbeben Feuer, und in dem Feuer nicht der Herr, und nach dem Feuer die Stimme eines sanften Lufthauches“. Hierdurch wurde der Prophet, der sehr unwillig war wegen der Übertretung des Volkes und 391wegen der Ermordung der Propheten, belehrt, sanfter vorzugehen, und zugleich wurde darauf hingewiesen, daß der nach dem mosaischen Gesetz kommende Erlöser sanftmütig und ruhig sein werde, „kein geknicktes Rohr brechen und den rauchenden Docht nicht auslöschen werde“. Auch wurde dadurch die sanfte und friedliche Ruhe seines Reiches angezeigt. Denn nach dem Geiste, der die Berge zerstäubte, und nach dem Erdbeben und nach dem Feuer, da kommen die ruhigen und friedlichen Zeiten seines Reiches, in denen mit aller Ruhe der Geist Gottes den Menschen lebendig macht und erhebt. Noch deutlicher weist Ezechiel darauf hin, daß die Propheten nicht eigentlich Gott selber, sondern nur einen Teil seiner Anordnungen schauten. Denn als er die Vision gesehen und die Cherubim mit ihren Rädern und das Geheimnis ihres ganzen Dahinschreitens erzählt und über ihnen das Bild des Thrones gesehen und über dem Throne etwas wie das Bild eines Menschen, und das, was über seinen Lenden war, wie das Bild des Bernsteins, was aber darunter war, wie Feuer, und indem er dann die ganze übrige Vision der Throne kundtut, fährt er fort, damit niemand glaube, er habe auf ihnen Gott eigentlich gesehen: „Dies ist die Vision von dem Bilde der Herrlichkeit Gottes“.
§ 11
Wenn also weder Moses, noch Elias, noch Ezechiel Gott sahen, die doch vieles von himmlischen Dingen schauten, und wenn das, was sie sahen, nur ein Bild von der Herrlichkeit des Herrn oder eine Prophezeiung zukünftiger Güter war, dann ist offenbar der Vater unsichtbar, wie auch der Herr von ihm sagt: „Gott sah niemals jemand“. Sein Wort aber zeigte nach seinem Belieben und zum Nutzen des Schauenden die Herrlichkeit des Vaters und erklärte seine Anordnungen. So sagt der Herr: „Der eingeborene Gott, der im Schoß des Vaters ist, hat es selbst erzählt“. So nennt sich das Wort des Vaters selber, da es ja reich und vielgestaltig ist. Nicht in einer Gestalt oder einer Form ließ er sich 392erblicken, sondern je nach den Ursachen oder Veranlassungen seiner Erscheinung, wie bei Daniel geschrieben ist. Einmal wurde er mit denen, die bei Ananias, Azarias und Misael waren, gesehen, wie er ihnen in dem Feuerofen und in der Esse beistand, und sie aus dem Feuer errettete. Da heißt es: „Und die Vision des vierten war ähnlich dem Sohne Gottes“. Ein andermal zerschmettert er, als der Stein, der ohne Hände vom Berge losgerissen ist, die irdischen Reiche und zerstäubt sie und erfüllt die ganze Erde. Noch ein andermal wird er gesehen als der Menschensohn, der auf den Wolken des Himmels kommt, dem Alten der Tage sich nähert und von ihm die gesamte Macht und Herrlichkeit und das Reich empfängt. „Und seine ewige Macht und sein Reich wird nicht unter gehen“. Johannes, der Schüler des Herrn, schaut in der Apokalypse die priesterliche und herrliche Ankunft seines Reiches. Er sagt: „Ich wandte mich um, um die Stimme zu sehen, die mit mir sprach, und alsdann sah ich sieben goldene Kandelaber und zwischen den Kandelabern einen, der ähnlich war dem Menschensohne, angetan mit langem Gewande und umgürtet an den Brüsten mit goldenem Gürtel. Sein Haupt aber und die Haare waren weiß wie weiße Wolle und wie der Schnee, und seine Augen wie die Flamme des Feuers, und seine Füße ähnlich dem Erz, wie es im Ofen glüht, und seine Stimme wie die Stimme der Wasser, und sieben Sterne hat er in seiner rechten Hand, und von seinem Munde ging ein nach beiden Seiten scharfes Schwert aus, und sein Angesicht leuchtend wie die Sonne in ihrer Kraft“. In dieser Stelle bezeichnet das Haupt die Herrlichkeit vom Vater, das Gewand seine priesterliche Würde — deswegen bekleidete Moses den Hohenpriester nach diesem Bilde — anderes wieder weist hin auf das Ende, wie das im Ofen glühende Erz, welches die Stärke des Glaubens und die Beharrlichkeit im Gebet bedeutet. Daher auch am Ende der Welt der große Feuerbrand. Da aber Johannes die 393Vision nicht ertrug — „ich fiel“, sagt er, „zu seinen Füßen wie tot nieder, damit nach dem Worte geschehe: Niemand sieht Gott und wird leben“ — so belebte ihn das Wort und erinnerte ihn, daß er es sei, an dessen Brust er beim Abendmahl ruhte, als er fragte, wer es sei, der ihn verraten würde, und sprach zu ihm: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot und siehe, ich lebe in alle Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle“. Darauf sah er in einer zweiten Vision denselben Herrn. „Ich sah nämlich“, sagt er, „in der Mitte des Thrones und der vier Lebewesen und in der Mitte der vier Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet, das sieben Hörner und sieben Augen hatte, welches sind die sieben Geister Gottes, ausgesandt über die ganze Erde“. Und wiederum sagt er von demselben Lamme: „Und siehe, ein weißes Pferd, und der auf ihm saß, wurde genannt der Treue und Wahre, und mit Gerechtigkeit richtet und kämpft er; and seine Augen sind wie die Flamme des Feuers, und auf seinem Haupte sind viele Diademe, und er trug einen Namen geschrieben, den niemand weiß als er selbst, und umgeben ist er mit einem Gewande, besprengt mit Blut, und sein Name wird genannt das Wort Gottes. Und die Heere des Himmels folgten auf weißen Pferden, bekleidet mit weißem, reinen Linnen, und von seinem Munde geht aus ein scharfes Schwert, um damit die Heiden zu schlagen. Und er selbst wird sie weiden mit eisernem Stabe, und er tritt den Weinkelter der Wut, des Zornes des allmächtigen Gottes. Und er trägt auf seinem Kleide und auf seiner Hüfte geschrieben den Namen: König der Könige und Herr der Herren“. So hat immer das Wort Gottes gleichsam die Umrisse der zukünftigen Dinge, und indem es den Menschen gleichsam die Bilder der göttlichen Anordnungen zeigte, lehrte es uns die Pflichten gegen Gott.
§ 12
Doch nicht bloß Visionen, die gesehen wurden, und Worte, die gesprochen wurden, sondern auch in 394Handlungen wurde er von den Propheten gesehen, damit er durch die Propheten das Künftige im voraus verkünde und zeige. Deswegen bekam auch der Prophet Oseas das Weib der Hurerei, hierdurch prophezeiend, „daß durch Hurerei die Erde sich hinweghuren werde von Gott“, d. h., die Menschen, die auf der Erde sind, und daß aus solchen Menschen es Gott gefallen werde, die Kirche zu entnehmen, um sie durch die Gemeinschaft mit dem Sohne zu heiligen, wie sie auch geheiligt wurde durch die Gemeinschaft mit dem Propheten. Deshalb sagt auch Paulus, daß „das ungläubige Weib geheiligt sei in dem gläubigen Manne“. Weiter nannte der Prophet seine Kinder: Die nicht Barmherzigkeit erlangt haben, und Nichtvolk, damit wie Paulus sagt, „das Nichtvolk zum Volke und die Nichtbegnadigte zur Begnadigten werde, und an dem Orte, wo es hieß Nichtvolk, da werden sie genannt werden Söhne des lebendigen Gottes“. Das, was der Prophet in einem vorbildlichen Akt getan hat, das machte also Christus, wie der Apostel nachweist, in Wirklichkeit in seiner Kirche. So nahm auch Moses eine Äthiopierin zum Weibe, die er erst zur Israelitin machte, indem er dadurch anzeigte, daß der wilde Ölbaum in die Olive eingepflanzt wird, um teilzunehmen an seinem Safte. So sollte Christus, als er im Fleische erschienen war, von dem jüdischen Volke gesucht werden, um den Tod zu erleiden, in Ägypten aber, d. h. bei den Heiden, befreit werden, um ihre Kinder dort zu heiligen, und er stiftete dort deshalb seine Kirche — Ägypten war nämlich wie Äthiopien anfangs heidnisch —. Also wurde durch die Verbindung des Moses die Verbindung Christi angezeigt, und die äthiopische Gattin bedeutete die Kirche unter den Heiden. Wer sie verkleinert, lästert oder verspottet, wird unrein sein und als Aussätziger aus dem Lager der Gerechten entfernt werden. So beschuldigte sich auch die Hure Rahab, eine Heidin und arge Sünderin zu 395sein, verbarg aber dennoch die drei Kundschafter, die das ganze Land auskundschaften sollten, bei sich. Sie bedeuten den Vater samt dem Sohne und dem Heiligen Geiste. Und als die ganze Stadt, in der sie wohnte, unter dem Schall der sieben Trompeten in Trümmer fiel, wurde die Hure Rahab mit ihrem gesamten Hause durch den Glauben an das rote Zeichen unter den letzten gerettet. Deshalb sagte der Herr denen, die seine Ankunft nicht annahmen und das rote Zeichen vereitelten, welches das Pascha, die Erlösung und den Auszug des Volkes aus Ägypten bedeutete, den Pharisäern nämlich: „Die öffentlichen Sünder und Huren werden euch im Himmelreiche vorangehen“.