§ 56
1. Wer also die Sündenvergebung empfangen hat, sollte nicht mehr sündigen; denn mit der ersten und einzigartigen Buße für die Sünden (dieses ist die Buße für die zuvor während des früheren Lebens im Heidentum, ich meine in dem Leben in der Unwissenheit, vorhandenen Sünden) ist für die Berufenen sofort die Buße als Aufgabe gesetzt, sie soll den Raum der Seele von den Verfehlungen reinigen, damit in ihr der Grund des Glaubens gelegt werden kann.
2. Da aber der Herr ein „Herzenskenner“ ist 193 und die Zukunft vorherweiß, sah er gleich von Anfang her voraus, wie leicht wandelbar der Mensch und wie falsch und tückisch der Teufel ist; er wußte, daß der Teufel den Menschen wegen der Sündenvergebung beneiden und deshalb den Knechten Gottes dadurch, daß er mit seinen Freveltaten etwas Verständiges zu tun schien, manchen Anlaß zu Verfehlungen geben werde, damit auch sie mit ihm verworfen würden.
§ 57
1. Daher gab Gott in seiner großen Barmherzigkeit denen, die auch, nachdem sie gläubig geworden waren, noch in eine Sünde verfielen, noch die Möglichkeit einer zweiten Buße, damit jemand, der nach der Berufung durch Gewalt oder durch List verführt werden sollte, noch eine Möglichkeit einer „Reue, die man nie bereuen kann“ erlange.
2. „Denn wenn wir mit Willen sündigen, nachdem wir die volle Erkenntnis der Wahrheit erlangt haben, so bleibt uns kein Opfer für Sünden mehr übrig, sondern wir haben ein schreckliches Gericht und brennendes Feuer zu erwarten, das die Widersacher verzehren soll.“
3. Das fortgesetzte und schnell aufeinanderfolgende Bereuen der Sünden unterscheidet sich von dem Verhalten derer, die überhaupt nicht zum Glauben gekommen sind, durch nichts als dadurch, daß man sich dabei des Sündigens bewußt ist. Und ich weiß nicht, was von beiden schlimmer ist, mit vollem Bewußtsein zu sündigen oder, nachdem man seine Fehler bereut hat, sich wieder zu verfehlen.
4. Denn in beiden Fällen wird die Sünde dadurch, daß sie als solche überführt wird, offenbar, das eine Mal, indem sie von dem Täter der Sünde sofort nach der Ausführung verurteilt wird, das andere Mal, indem er etwas beginnt, obwohl er im voraus weiß, daß das, was er tun will, etwas Schlechtes ist. Und der eine frönt vielleicht seiner Leidenschaft und seiner Lust, obwohl er recht wohl weiß, wem er frönt; der andere aber, der Reue über das empfindet, dem er nachgegeben hatte, und dann doch wieder zur Lust zurückkehrt, macht sich dem ähnlich, der von vorneherein mit Willen sündigt; denn wenn einer das wieder tut, was er bereut hatte, obwohl er das verurteilt hatte, was er tut, vollbringt er dies mit Willen.
§ 58
194 1. Wer sich also aus dem Heidentum und jenem früheren Leben dem Glauben zugewendet hat, der hat einmal Sündenvergebung erlangt. Wer aber auch darnach sündigt, und dann wieder Buße tat, der muß, auch wenn er Vergebung erlangt, sich doch fürchten, da ihm nicht noch einmal das Reinigungsbad zur Sündenvergebung zuteil wird.
2. Denn nicht nur die Götzen, die er zuvor als Götter verehrte, sondern auch die Taten seines früheren Lebens muß der verlassen, „der nicht aus Blut und nicht aus dem Willen des Fleisches“ sondern im Geiste wiedergeboren wird.
3. Das bedeutet aber, daß er sich nicht in die gleiche Verfehlung verstricken lassen darf, so daß er noch einmal Buße tun müßte. Denn oft Buße zu tun, ist andererseits eine Übung im Sündigen, und infolge von Mangel an Selbstzucht die Neigung immer wieder nach der anderen Seite umzuschlagen.
§ 59
1. Es ist also nur der Schein von Buße, nicht wirkliche Buße, wenn man oft um Verzeihung für die häufig von uns begangenen Verfehlungen bittet. „Die Gerechtigkeit macht die Wege untadelig und gerade“, ruft die Schrift mit lauter Stimme, und an einer anderen Stelle: „Die Gerechtigkeit des Unschuldigen wird seinen Weg gerade machen.“
2. Und in der Tat, wie David schreibt: „Wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten.“
3. Daher „werden, die in Tränen säen, mit dem Frohlocken“ derer „ernten“, die in ihrer Buße bekennen: „Denn selig sind alle, die den Herrn fürchten.“ Siehst du, wie die Seligpreisung denen im Evangelium ähnlich ist?
4. „Fürchte dich nicht“, so heißt es, „wenn ein Mensch reich wird und wenn sich die Pracht seines Hauses mehrt! Denn wenn er stirbt, wird er dies alles nicht mit sich nehmen, und seine Pracht wird nicht mit ihm hinabsteigen.“
5. „Ich werde aber durch dein Erbarmen in dein Haus kommen; ich werde in deiner Furcht vor deinem heiligen Tempel anbeten. O Herr, führe mich durch deine Gerechtigkeit!“
195 6. Trieb ((xxx) hormä) ist die Bewegung des Denkens zu etwas hin oder von etwas weg. Leidenschaft ((xxx) pathos) dagegen ist ein übermäßiger oder das vernünftige Maß überschreitender Trieb oder ein von der Vernunft sich losreißender oder ihr ungehorsamer Trieb. Die Leidenschaften sind also eine naturwidrige Bewegung der Seele entsprechend einem Ungehorsam gegen die Vernunft. Das Abweichen und Abgehen (von der Vernunft) und der Ungehorsam stehen in unserer Macht, ebenso wie auch der Gehorsam in unserer Nacht steht; deshalb werden auch die Taten des freien Entschlusses gerichtet. Jedenfalls wird man, wenn man so jede einzelne Leidenschaft genau untersucht, finden, daß sie unvernünftige Regungen sind.