§ 62
197 1. Die absichtliche Tat ist etwas, was man entweder infolge eines Strebens oder eines Vorsatzes oder einer Absicht tut. Andererseits sind Verfehlungen, Unglück, Frevel nahe miteinander verwandt.
2. Und eine Verfehlung ist es z.B., wenn man üppig und zuchtlos lebt, ein Unglück, wenn man seinen Freund, weil man ihn nicht erkennt, anstatt eines Feindes trifft, ein Frevel eine Grabschändung oder ein Tempelraub.
3. Die Verfehlung entsteht daraus, daß man nicht zu beurteilen weiß, was man tun soll, oder daraus, daß man zu schwach ist, es auszuführen. So fällt z.B. jemand in eine Grube, entweder, weil er nichts von ihr wußte, oder weil er körperlich zu schwach war, um über sie hinwegzukommen.
4. Aber in unserer Macht steht sowohl, daß man sich unserer Lehre anschließt, als auch, daß man gegen die Gebote gehorsam ist.
§ 63
1. Wenn wir uns zu diesem Verhalten nicht entschließen können, weil wir uns der Leidenschaft und der Begierde hingaben, so werden wir sündigen, ja vielmehr an unserer eigenen Seele freveln.
2. Denn jener Laios sagt in der Tragödie: „Zwar weiß ich alles wohl, was mahnend du mir sagst; Doch stärker als die Einsicht ist der inn’re Trieb“, d. h. der Umstand, daß er sich der Leidenschaft hingegeben hat.
3. Und in ähnlicher Weise ruft auch Medeia ihrerseits auf der Bühne aus: „Zwar weiß ich wohl, wie Schlimmes ich vollführen will, Doch stärker als die Einsicht ist die Leidenschaft.“
4. Aber auch Aias schweigt nicht, sondern ruft, als er im Begriff ist, sich zu töten, die Worte aus: „Führwahr es gibt kein Leid, das schmerzlicher versehrt Des freien Mannes Seele, als die Schande tut. So nun ergeht es mir. Aus tiefem Abgrund steigt 198 Des Unglücks Makel auf und treibt mich immer um, Und reizt zum Zorn mit bittern Stacheln schlimmer Wut.“
§ 64
1. Diese also hat der Zorn, unzählige andere aber die Begierde zu Helden der Tragödie gemacht, die Phaidra, die Antheia, die Eriphyle, „Welche als Preis für den Gatten sich geben ließ köstlichen Goldschmuck.“
2. Ferner sagt eine andere Dichtungsgattung von jener berühmten Figur der Komödie Thrasonides: „Zum Sklaven hat ein feiles Dirnchen mich gemacht.“
3. Unglück ist nun eine unbeabsichtigte Verfehlung, die Verfehlung ist aber ein unbeabsichtigtes Unrecht, ein vorsätzliches Unrecht dagegen ist Schlechtigkeit. Die Verfehlung ist also etwas, was ohne meinen Willen geschieht.
4. Deshalb sagt auch der Apostel: „Die Verfehlung wird nicht über euch herrschen; denn ihr seid nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade“, wobei er zu denen spricht, die bereits zum Glauben gekommen sind; „denn durch seine Striemen wurden wir geheilt.“
5. Unglück ist aber die unbeabsichtigte Handlung eines andern gegen mich; das Unrecht aber erweist sich allein als ein vorsätzliches Handeln, sei es von mir, sei es von einem anderen.
§ 65
1. Auf diese verschiedenen Arten von Verfehlungen spielt der Psalmdichter an, wenn er diejenigen selig nennt, deren Sünde Gott abgewaschen, von deren Verfehlungen er die einen zugedeckt, die anderen nicht angerechnet und die übrigen erlassen hat.
2. „Denn es steht geschrieben: ‘Selig sind die, deren Gesetzesübertretungen 199 vergeben und deren Sünden zugedeckt wurden; selig ist der Mann, dem der Herr die Sünde nicht anrechnet und in dessen Munde kein Trug ist.’ Diese Seligpreisung galt denen, die von Gott durch unseren Herrn Jesus Christus auserwählt worden sind.“
3.„Denn Liebe deckt der Sünden Menge zu“, und es wäscht sie der ab, „der die Buße des Sünders liebet sieht als seinen Tod.“
§ 66
1. Nicht angerechnet werden aber alle Sünden, die nicht mit Vorsatz begangen werden; „denn wer begehrte, der hat die Ehe schon gebrochen“, heißt es. Es vergibt aber die Sünden der „erleuchtende“ Logos.
2. „Und zu jenem Zeitpunkt, sagt der Herr, wird man das Unrecht Israels suchen, und es wird nicht vorhanden sein, und die Sünden Judas, und man wird sie nicht finden.“ „Denn, wer ist wie ich? Und wer wird sich gegen mein Angesicht erheben?“
3. Du siehst, daß der eine Gott als gut verkündigt wird, der die Macht hat, jedem das, was ihm gebührt, zuteil werden zu lassen- und die Sünden zu vergeben.
4. Aber auch Johannes lehrt in seinem größeren Brief offenbar die verschiedenen Arten von Sünde mit den Worten: „Wenn jemand seinen Bruder sündigen sieht, eine Sünde nicht zum Tode, so soll er für ihn bitten, und er wird ihm zum Leben verhelfen, nämlich denen, die keine Sünde zum Tode begehen“, so sagt er.
5. „Denn es gibt eine Sünde zum Tode; von ihr sage ich nicht, daß jemand für sie eine Fürbitte einlegen soll. Jede Ungerechtigkeit ist Sünde; doch gibt es auch eine Sünde, die nicht zum Tode ist.“
§ 67
1. Aber auch David und vor David Moses zeigen durch folgende Worte ihre Kenntnis der drei Lehren: „Selig ist der Mann, der wandelt im Rate der Gottlosen“, wie die Fische in der Finsternis in die Tiefe hinabgehen; denn die Fische, die keine Schuppen haben, deren Genuß Moses verbietet, wohnen in der Tiefe des Meeres. 2.„Und tritt nicht auf den Weg der Sünder“, wie diejenigen, die zum Schein den Herrn fürchten, aber sündigen 200 und dadurch dem Schwein ähnlich werden; denn dieses schreit, wenn es hungrig ist, wenn es aber gesättigt ist, kennt es seinen Herrn nicht mehr.
3. „Und setzt sich nicht auf den Stuhl der Unheilstifter“, wie die auf Raub gierigen Vögel. Moses aber befahl: „Ihr sollt kein Schwein essen und keinen Adler und keinen Habicht und keinen Raben und keinen Fisch, der keine Schuppen an sich hat!“ Das sagt Barnabas.
4. Ich hörte aber einen in solchen Erklärungen bewanderten Mann sagen, „der Rat der Gottlosen“ bedeute die Heiden, während er unter dem „Weg der Sünder“ die jüdische Anschauung und unter dem „Stuhl der Unheilstifter“ die Irrlehren verstand.
§ 68
1. Ein anderer dagegen sagte richtiger, die erste Seligpreisung gelte von denen, die den bösen Gedanken. die von Gott abwichen, nicht folgten; die zweite von denen, die nicht „auf dem geräumigen und breiten Wege“ blieben, mögen es die sein, die unter dem Gesetze aufgewachsen waren, oder auch die, welche sich aus dem Heidentum bekehrt hatten; „Sitz der Unheilstifter“ sind aber wohl die Schauspielhäuser und die Gerichtssäle oder, was noch wahrscheinlicher ist, der Anschluß an die bösen und verderbenbringenden Mächte und die Teilnahme an ihren Werken.
2. „Aber an dem Gesetz des Herrn hat er sein Wohlgefallen.“ Petrus nannte in seiner „Predigt“ den Herrn „Gesetz und Wort,“
3. Der Gesetzgeber scheint aber auch noch auf andere Weise die Enthaltung von den drei Arten von Sünde zu lehren, von den Sünden mit Worten durch den Hinweis auf die stummen Fische; denn in der Tat ist gar manchmal Schweigen besser als Reden. „Es gibt auch des Schweigens nie Gefahr bringende Ehre.“ Von den Sünden mit Taten aber durch die Nennung der fleischfressenden Raubvögel; von den Sünden in Gedanken durch Erwähnung des Schweins; denn „das Schwein freut 201 sich am Morast“ und am Mist; und man soll nicht einmal „ein beflecktes Gewissen“ haben.
§ 69
1. Mit Recht sagt daher der Prophet: „Nicht so“, sagt er, „sind die Gottlosen, sondern wie Spreu, die der Wind von der Oberfläche der Erde hinwegtreibt; deshalb werden Gottlose im Gericht nicht aufstehen“ (die bereits Verurteilten; denn „wer nicht glaubt, über den ist das Urteil schon gesprochen“) „und auch nicht die Sünder im Rat der Gerechten“ (die bereits dazu verurteilt sind, daß sie sich nicht mit denen vereinigen dürfen, die ein untadeliges Leben geführt haben); „denn der Herr kennt den Weg der Gerechten, und der Weg der Gottlosen wird zunichte werden.“
2. An einer anderen Stelle zeigt der Herr deutlich, daß die Fehltritte und Vergehen von unserer eigenen Entscheidung abhängen, indem er uns die den Krankheiten entsprechenden Arten der Heilung vor Augen führt. Da er nämlich wünschte, daß wir durch die Hirten auf den rechten Weg gebracht würden, machte er einigen von ihnen, wie ich meine, durch die Worte des Ezechiel Vorwürfe, weil sie seine Befehle nicht erfüllten:
3. „Das Schwachgewordene habt ihr nicht gestärkt“ und die folgenden Worte bis „und keiner war da, der sie (meine Schafe) gesucht und auf den richtigen Weg zurückgebracht hätte.“ „Denn groß ist bei dem Vater die Freude über einen einzigen Sünder, der gerettet wurde“, sagt der Herr.
4. Deshalb ist Abraham um so mehr zu loben, weil „er wandelte, wie es ihm der Herr geboten hatte.“
§ 70
1. Aus diesen Worten entnahm einer der griechischen Weisen den Ausspruch: „Folge Gott!“ „Die Frommen aber“, sagt Jesaias, „ratschlagten Verstsändiges.“
2. Beratung ist aber die Überlegung darüber, wie wir uns unter den vorliegenden Verhältnissen richtig verhalten; 202 Wohlberatensein aber ist die Klugheit beim Fassen von Entschlüssen.
3. Wie nun? Führt nicht auch Gott, nachdem er Kain verziehen hatte, folgerichtig nicht viel später uns den Enoch, der Buße tat, vor Augen, um anzuzeigen, daß es im Wesen der Verzeihung liegt, Buße herbeizuführen? Die Verzeihung entsteht also nicht auf Grund der Vergebung, sondern auf Grund der Heilung. Das gleiche geschieht, als das Volk unter Aarons Führung das goldene Stierbild gemacht hatte.
4. Infolge davon tat einer der griechischen Weisen den Ausspruch: „Verzeihung ist besser als Rache.“ Ebenso stammt natürlich auch der Satz: „Bürgschaft und nahe dabei Unheil“ von dem Wort Salomons, das so lautet: „Mein Sohn, wenn du dich für deinen Freund verbürgst, so gibst du damit deine Hand in die Macht eines Feindes. Denn eine starke Schlinge sind für einen Mann die eigenen Lippen, und gefangen wird er durch die Worte seines eigenen Mundes.“ 5. In noch geheimnisvollerer Weise ist die Mahnung: „Erkenne dich selbst!“ von jenem Wort genommen: „Du sahst deinen Bruder, du sahst deinen Gott.“
§ 71
1. Deshalb „sollst du den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen lieben und deinen Nächsten wie dich selbst!“ In diesen Geboten ist, wie der Herr sagt, das ganze Gesetz und die Propheten beschlossen und zusammengefaßt.
2. Damit stimmen auch jene Worte überein: „Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude vollkommen werde. Dieses ist aber mein Gebot, daß ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.“
3. „Barmherzig und mitleidig ist der Herr“ und „Gütig ist der Herr gegen 203 alle.“ Noch deutlicher weist Moses auf die Mahnung: „Erkenne dich selbst!“ hin, wenn er oft sagt: „Achte auf dich selbst!“
4. „Durch Almosen und Glaubenserweisungen werden Sünden gesühnt; und durch Gottesfurcht hält sich jeder vom Bösen fern.“ „Die Furcht des Herrn ist Zucht und Weisheit.“