§ 72
1. Da erheben sich wieder die Ankläger mit der Behauptung, Freude und Schmerz seien Erregungen der Seele. Die Freude bestimmen sie nämlich als eine vernünftige Erhebung und das Frohlocken als Freude an Schönem, das Mitleid dagegen als Schmerz über einen, der, ohne es verdient zu haben, Schlimmes erleidet; solche Gefühle seien aber Veränderungen und Erregungen der Seele.
2. Wir hören aber, wie es scheint, nie auf, die Heilige Schrift auf fleischliche Weise zu verstehen und, indem wir von unseren eigenen Gemütserregungen ausgehen, den Willen des leidenschaftslosen Gottes ähnlich wie unsere eigenen Regungen aufzufassen.
3. Wenn wir jedoch annehmen, daß es sich ebenso bei dem Allmächtigen verhalte, wie wir es zu hören vermögen, so begehen wir damit einen gottlosen Irrtum.
4. Denn das wirkliche Wesen der Gottheit konnte nicht in Worte gefaßt werden; vielmehr so, wie es für uns, die wir die Fesseln des Fleisches tragen, zu vernehmen möglich war, so haben die Propheten zu uns geredet, indem sich der Herr in der Absicht, uns zu retten, zu der Schwachheit der Menschen herabließ.
§ 73
1. Da es nun Gottes Wille ist, daß gerettet werde, wer den Geboten gehorsam ist und sich in Buße von seinen Sünden abkehrt, und da wir uns über unsere Rettung freuen, so machte der durch die Propheten redende Herr unsere Veranlassung, uns zu freuen, sich selbst zu eigen, 204 gerade so, wie er im Evangelium freundlich sagt: „Ich hungerte und ihr gabt mit zu essen, ich dürstete und ihr gabt mir zu trinken; denn was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“
2. Wie er demnach genährt wird, ohne selbst Nahrung zu sich zu nehmen, dadurch, daß der, den er genährt haben will, genährt worden ist, so freute er sich, ohne eine Veränderung zu erleiden, weil der, der Buße getan hatte, so wie er es wünschte, zur Freude gekommen war.
3. Da aber Gott, weil er gut ist, in reichem Maße Barmherzigkeit übt, indem er durch das Gesetz die Gebote gab, uns durch die Propheten ermahnte und noch unmittelbarer durch die Erscheinung seines Sohnes die rettete und sich ihrer erbarmte, die, wie gesagt ist, Erbarmen erfahren haben, und da ferner in der Regel sich der Mächtigere des Schwächeren erbarmt und kein Mensch in seiner Eigenschaft als Mensch mächtiger als ein anderer Mensch ist, dagegen Gott in jeder Beziehung mächtiger als der Mensch ist, so wird, soferne wirklich der Mächtigere sich des Schwächeren erbarmt, Gott allein es sein, der sich unser erbarmt.
4. Denn ein Mensch wird aus Gerechtigkeitssinn freigebig und teilt von dem, was er von Gott erhalten hat, anderen mit sowohl auf Grund seines angeborenen Wohlwollens und seines natürlichen Verhältnisses zu ihnen als auch infolge der Gebote, denen er gehorcht.
§ 74
1. Gott dagegen hat zu uns keinerlei natürliches Verhältnis, wie die Stifter der Irrlehren es wollen (weder wenn er die Welt aus Nichtseiendem schuf, noch wenn er sie aus Stoff formte, da ja jenes als überhaupt nicht Seiendes, dieser aber in jeder Beziehung von Gott verschieden ist); es müßte denn jemand zu behaupten wagen, daß wir ein Teil Gottes und gleichen Wesens mit ihm seien.
2. Ich kann aber nicht verstehen, wie jemand, der Gott wirklich kennt, dies zu hören ertragen könnte, wenn er einen Blick auf unser Leben wirft und dabei sieht, in wie viel Schlimmes wir verstrickt sind.
3. Denn bei dieser Annahme würde Gott - man darf es gar nicht aussprechen - in einem Teil seines Wesens sündigen, vorausgesetzt, daß die Teile Teile des Ganzen sind und auch die Eigenschaft 205 haben, zusammen das Ganze zu bilden; falls sie aber diese Eigenschaft nicht haben, sind sie auch keine Teile des Ganzen.
4. Aber Gott, der von Natur „reich ist an Erbarmen“, sorgt um seiner Güte willen für uns, obwohl wir weder Teile von ihm noch von Natur seine Kinder sind.
§ 75
1. Und der stärkste Beweis für die Güte Gottes besteht in der Tat darin, daß er sich, obwohl wir in einem solchen Verhältnis zu ihm sind und von Natur aus ihm durchaus fremd gegenüberstehen, dennoch für uns sorgt.
2. Denn von Natur angeboren ist zwar den Lebewesen die zärtliche Liebe zu ihren Kindern und den Gleichgesinnten die aus dem Verkehr erwachsende Freundschaft, Gottes Erbarmen aber ist reich gegen uns, die wir in keinerlei Hinsicht zu ihm gehören, ich meine, unserem Wesen oder unserer Natur oder dem unserem Wesen eigentümlichen Vermögen nach, sondern nur dadurch, daß wir ein Werk seines Willens sind; und so ruft er jeden, der sich aus freiem Willen vorgesetzt hat, durch Übung und Belehrung die Erkenntnis der Wahrheit zu erlangen, zur Sohnschaft, zur höchsten Entwicklungsstufe, die es gibt.
3. „Die Gesetzesübertretungen fangen den Menschen, und jeder wird durch die Stricke seiner eigenen Sünden gefesselt“, und Gott ist schuldlos, und in der Tat „selig ist der Mann, der sich aus Vorsicht vor allem scheut.“