§ 127
1. Epikuros aber, der die gottgleiche Glückseligkeit darein setzte, daß man nicht hungert, nicht Durst leidet, und nicht friert, fügte in gottloser Weise noch das Wort hinzu, im Besitz dieser Güter wolle er, wenn nötig, „es sogar mit dem Vater Zeus aufnehmen“, gerade als ob er einen Grundsatz für den glücklichen Sieg kotfressender Schweine, nicht vernunftbegabter und nach Weisheit strebender Männer 241 aufzustellen gehabt hätte. Wir wissen ja, daß zu denen, die in ihrer Lehre von der Lust ausgehen, die Kyrenaiker und Epikuros gehören.
2. Denn diese erklären ausdrücklich, das höchste Ziel sei ein angenehmes Leben, und das einzige vollkommene Gut sei die Lust. Epikuros sagt aber, auch die Abwesenheit des Schmerzes sei Lust; erstrebenswert sei aber das, was zuerst von sich aus zu sich heranziehe, wobei es offenbar durchaus in Bewegung begriffen sei.
3. Deinomachos aber und Kalliphon sagten, höchstes Ziel sei, alles, soweit es auf einen selbst ankomme, zu dem einen Zweck zu tun, daß man auf Lust treffe und Lust erlange; und der Peripatetiker Hieronymos sagte, das höchste Ziel sei ein unbelästigtes Leben und vollkommenes (seinem Zweck in sich selbst tragendes) Gut sei allein die Glückseligkeit. In ähnlicher Weise bezeichnet auch Diodoros, der aus derselben Schule stammt, als höchstes Ziel ein unbelästigtes und schönes Leben.
§ 128
1. Epikuros also und die Kyrenaiker sagen, das erste, was uns zu eigen ist, sei die Lust; denn um der Lust willen, sagen sie, sei die Tugend hinzugekommen und habe die Lust erzeugt.
2. Und nach der Lehre der Anhänger des Kalliphon kam zwar die Tugend um der Lust willen hinzu, aber einige Zeit später habe sie ihre eigene Schönheit erblickt und habe bewirkt, daß sie mit ihrer Urheberin, d.i. der Lust, gleichgeachtet werde.
3. Aristoteles aber und seine Schule lehren, daß höchstes Ziel das tugendhafte Leben sei; aber weder die Glückseligkeit noch das höchste Ziel besitze jeder, der die Tugend habe; denn wenn der Weise gefoltert werde und unerwünschten Schicksalsfällen ausgeliefert sei und deswegen gern aus dem Leben entfliehen wolle, so sei er weder selig noch glücklich.
4. Denn die Tugend habe auch einige Zeit nötig; denn sie wird nicht an einem Tage erworben, wie sie ja auch nur bei einem Erwachsenen (im Alter Vollkommenen) in Erscheinung tritt, da ja, wie sie sagen, kein Kind je glückselig ist. Vollkommene Zeit ist aber wohl nur das ganze menschliche 242 Leben.
5. Die Glückseligkeit werde also vollständig durch die Dreiheit der Güter. Daher ist nach ihrer Anschauung weder der Arme glücklich zu nennen noch der Ruhmlose, aber auch nicht der Kranke und auch keiner, der ein Sklave ist.
§ 129
1. Andererseits hält der Stoiker Zenon für das höchste Ziel ein tugendhaftes Leben, Kleanthes aber ein Leben in Übereinstimmung mit der Natur, und Diogenes glaubte, das höchste Ziel liege in dem vernünftigen Handeln, von dem er annahm, daß es auf der Wahl des Naturgemäßen beruhe.
2. Sein Schüler Antipatros nimmt an, daß das höchste Ziel darin liege, daß man ununterbrochen und ohne den rechten Weg zu verlassen das Naturgemäße wähle und das Naturwidrige verwerfe.
3. Archedemos wieder erklärte das höchste Ziel folgendermaßen: man müsse so leben, daß man von dem Naturgemäßen das Wichtigste und Hauptsächlichste auswähle, was nicht übertroffen werden könne.
4. Außerdem erklärte noch Panaitios als höchstes Ziel das Leben nach dem uns von der Natur gegebenen Antrieben, und nach allen schließlich Poseidonios das Leben unter Betrachtung der Wahrheit und der Ordnung des Weltalls und mit dem Bemühen, sie nach Kräften selbst mitherzustellen, indem man sich in nichts von dem unvernünftigen Teil der Seele leiten läßt.
5. Einige der jüngeren Stoiker haben so gelehrt: höchstes Ziel sei das der Veranlagung des Menschen entsprechende Leben.
6. Was soll ich dir noch den Ariston anführen? Höchstes Ziel, sagt dieser, ist die Gleichgültigkeit; das Gleichgültige läßt er aber einfach gleichgültig sein.
7. Oder soll ich dir die Lehren des Herillos 243 vortragen? Das Leben auf Grund des Wissens setzt als höchstes Ziel Herillos an.
8. Ferner geben die jüngeren Akademiker, wie einige behaupten, als höchstes Ziel die sichere Zurückhaltung den Vorstellungen gegenüber an.
9. Wieder andere sagte der Peripatetiker Lykon, die wahre Freude der Seele sei das höchste Ziel, ähnlich wie Lykiskos die Freude am Schönen als Ziel nannte.
10. Kritolaos aber, gleichfalls ein Peripatetiker, nannte als höchstes Ziel die Vollkommenheit eines der Natur entsprechend glücklich verlaufenden Lebens, womit er die aus den drei Arten (von Gütern) sich vervollständigende dreiteilige Vollkommenheit meinte.
§ 130
1. Wir dürfen uns aber nicht mit diesen Angaben begnügen und hier Schluß machen, sondern müssen es als eine Ehrensache ansehen, soviel wie möglich auch die Lehren der Naturphilosophen über die vorliegende Frage vorzutragen.
2. Was nun den Anaxagoras von Klazomenai betrifft, so soll er die wissenschaftliche Betrachtung und die aus ihr entspringende innere Freiheit als Ziel des Lebens angegeben haben; Herakleitos von Ephesos soll dagegen die Zufriedenheit als solches genannt haben.3. Von Pythagoras erzählt Herakleides Pontikos. er habe gelehrt, das Wissen von der Vollkommenheit der Zahlenverhältnisse der Seele sei Glückseligkeit.
4. Aber auch die Abderiten lehren, daß es ein höchstes Ziel gebe, und zwar Demokritos in seiner Schrift „Über das höchste Ziel“ das Wohlgemutheit ((xxx) euthymia), das er auch als Wohlbefinden ((xxx) euesta) bezeichnete; und häufig fügt er noch hinzu: „Vergnügen und Mißvergnügen ist der Maßstab für das Zuträgliche und Unzuträgliche, der als höchstes Ziel für das Leben der Menschen, sowohl der Jungen als auch 244 der Erwachsenen, gilt.“
5. Hekataios aber nennt als Ziel die Selbstgenügsamkeit, und Apollodotos von Kyzikos das Vergnügen der Seele ((xxx) psychagogia), ähnlich wie Nausiphanes die durch nichts zu erschütternde Gemütsruhe ((xxx) akatapläxia); denn diese werde, sagte er, von Demokritos Unverblüfftheit ((xxx) athambiä) genannt.
6. Ferner bezeichnete außerdem Diotimos als höchstes Ziel die Vollendung (den höchst möglichen Grad) der Güter, die Wohlbefinden ((xxx) euesto) genannt werde.
7. Wiederum nannte Antisthenes als Ziel das Freisein von Dünkel ((xxx) atyphia); die sogenannten Annikereier dagegen von der Kyrenaischen Philosophenschule setzten nichts Bestimmtes als höchstes Ziel des ganzen Lebens fest, sagten vielmehr, daß das besondere Ziel jeder einzelnen Handlung die aus dieser Handlung erwachsende Lust sei.
8. Diese Kyrenaiker verwarfen die Begriffsbestimmung, die Epikuros von der Lust gab, daß sie nämlich die Abwesenheit des Schmerzenden sei, und nennen dies den Zustand eines Toten; denn wir empfänden Freude nicht nur über Lusterregungen, sondern auch über geselligen Verkehr und über Ehrungen.
9. Epikuros aber glaubt, keine Freude der Seele könne entstehen, ohne daß zuerst das Fleisch etwas empfinde.
§ 131
1. Und Metrodoros sagt in seiner Schrift „Über die Tatsache, daß das Glück seinen Ursprung mehr in uns selbst als in den äußeren Verhältnissen hat“: „Was ist das höchste Gut der Seele anderes als das gleichmäßige Wohlbefinden des Fleisches und die in dieser Hinsicht vorhandene zuversichtliche Hoffnung?“