§ 76
1. Wie nun das Wissen ein auf das Wissen gerichtetes Verhalten ist, dessen Folge das Wissen ist, und mit dem ein Erfassen verbunden ist, das von Vernunftgründen nicht umgestoßen werden kann, so ist andererseits die Unwissenheit eine veränderliche Vorstellung, die durch Vernunftgründe umgestoßen werden kann; und die Entscheidung darüber, ob wir unsere Meinung ändern oder 206 uns in ihr durch Vernunftgründe befestigen, steht bei uns.
2. Mit dem Wissen verwandt ist Erfahrung. Kenntnis, Klugheit, Einsicht und Erkenntnis.
3. Und die Kenntnis ist ein Wissen um das Allgemeine auf Grund des einzelnen; die Erfahrung dagegen ist ein zusammenfassendes Wissen, so zwar, daß sie sich auch darum kümmert, wie jedes einzelne beschaffen ist; Einsicht ist ein Wissen um Geistiges; und Klugheit ist ein Wissen um Vergleichbares oder ein nicht umzustoßendes Vergleichen oder die Fähigkeit, die Dinge zu vergleichen, hinsichtlich deren Einsicht und Wissen vorhanden ist, und zwar jedes einzelne für sich und alle Dinge zusammen, die zu einem einzigen Begriff gehören; Erkenntnis dagegen ist das Wissen um das Seiende selbst oder ein Wissen, das mit dem übereinstimmt, was geschieht; Wahrheit ist ein Wissen um das Wahre; der Zustand der Wahrheit ist ein Wissen um wahre Dinge.
§ 77
1. Das Wissen entsteht durch Vernunftgründe und ist durch andere Vernunftgründe nicht umzustoßen. (Hier behandelt er die Erkenntnis.)
2. Was wir aber nicht tun, das tun wir entweder deshalb nicht, weil wir es nicht tun können, oder deshalb, weil wir es nicht tun wollen, oder weil beides der Fall ist.
3. So fliegen wir nicht, weil wir es weder können noch wollen. Wir schwimmen aber z.B. jetzt gerade nicht, weil wir es zwar könnten, aber nicht wollen. Dagegen sind wir nicht so wie der Herr, weil wir es zwar wollten, aber nicht können.
4. „Denn kein Schüler ist dem Lehrer überlegen; wir müssen zufrieden sein, wenn wir so werden wie der Lehrer“, nicht dem Wesen nach (denn es ist unmöglich, daß das, was nur durch eine Verfügung etwas ist, dem Wesen nach dem gleich ist, das dies von Natur ist), sondern dadurch, daß wir unsterblich geworden sind und die höchste Schau des Seienden kennegelernt haben und Söhne genannt worden sind und den Vater schauen allein 207 auf Grund dessen, was ihm nahe verwandt ist.
5. An der Spitze von allem steht also das Wollen; denn die Kräfte des Verstandes sind ihrer Natur nach dazu bestimmt, Dienerinnen des Wollens zu sein. „Wolle!“, so heißt es, „und du wirst können.“ Bei dem Gnostiker aber ist das Wollen und das Urteilen und die Übung ein und dasselbe.
6. Denn wenn die Vorsätze die nämlichen sind, sind auch die Anschauungen und die Urteile die nämlichen, so daß bei ihm die Reden und das Leben und die Sinnesart seiner Stellung (eben als Gnostiker) entsprechen. „Ein gerades Herz sucht Erkenntnisse“ und richtet sich nach ihnen. „Gott hat mich Weisheit gelehrt, und Erkenntnis des Heiligen habe ich gewonnen“.