§ 12
1. Wir aber, die wir durch die Heiligen Schriften von dem Herrn die Lehre überkommen haben, daß den Menschen die Möglichkeit selbständiger Wahl zwischen Annehmen und Ablehnen gegeben ist, wollen uns auf den Glauben als untrüglichen Maßstab unseres Urteils verlassen, da wir den Geist dadurch als „willig“ bewiesen haben, daß wir das Leben wählten und zum Glauben an Gott durch das Wort des Herrn kamen. Und wer dem Wort des Herrn glaubte, der weiß, daß sein Inhalt wahr ist; denn Wahrheit ist das Wort (der Logos) Wer aber dem, der es verkündigt, den Glauben verweigert, hat ihn Gott verweigert.
2. „Durch den Glauben verstehen wir, daß die Welt durch Gottes Wort hergestellt worden ist, auf daß nicht das Sichtbare aus sinnlich Wahrnehmbarem entstanden sei“, sagt der Apostel. „Durch den Glauben brachte Abel ein wertvolleres Opfer als Kain dar, und durch ihn erhielt er auch das Zeugnis, gerecht zu sein, indem Gott ihm Zeugnis über seine Opfergaben ablegte, und durch ihn redet er auch noch nach seinem Tode“, und die folgenden Verse bis „als einen augenblicklichen Vorteil von der Sünde zu haben.“ Diese Männer aber machte auch schon vor dem Gesetz der Glaube gerecht und setzte sie zu Erben der göttlichen Verheißung ein.
§ 13
1. Warum soll ich also noch die Zeugnisse des Glaubens aus unserer Geschichte zusammensuchen und vorlegen? „Denn die Zeit wird mir fehlen, wenn ich von Gideon und Barak, Simson und Jephtha, David und Samuel und den Propheten erzählen wollte“, und was darauf folgt.
2. Da es nun vier Dinge gibt, worin sich die 159 Wahrheit zeigen kann, die sinnliche Wahrnehmung, das Denken, das Wissen, das Vermuten, so ist von Natur das erste das Denken, für uns und mit Beziehung auf uns ist es die sinnliche Wahrnehmung; aus der sinnlichen Wahrnehmung und dem Denken entsteht das Wesen des Wissens; gemeinsames Ergebnis aber des Denkens und der sinnlichen Wahrnehmung ist die von selbst einleuchtende Wahrheit.
3. Aber die sinnliche Wahrnehmung ist eine Vorstufe zum Wissen; der Glaube dagegen, der durch die sinnlich wahrnehmbaren Dinge seinen Weg nimmt, läßt das Vermuten hinter sich und schreitet rasch vorwärts zu dem Untrüglichen und bleibt schließlich bei der Wahrheit stehen.
4. Wenn aber jemand behauptet, daß das Wissen fähig sei, mit Vernunftgründen zu beweisen, so soll er sich sagen lassen, daß auch die Grundsätze (die Prinzipien) unbeweisbar sind; denn sie sind weder der Kunst noch dem Verstand erkennbar. Denn dieser hat es nur mit dem zu tun, was sich auch anders verhalten könnte, jene aber ist nur fähig, etwas zu machen, nicht auch fähig, etwas wissenschaftlich zu betrachten.
§ 14
1. Es ist also allein durch den Glauben möglich, zu dem Uranfang aller Dinge zu gelangen. Denn jedes Wissen ist lehrbar; alles Lehrbare aber beruht auf vorher Bekanntem.
2. Der Uranfang aller Dinge war aber den Griechen nicht vorher bekannt, weder dem Thales, der im Wasser den ersten Urstoff sah, noch den übrigen Naturphilosophen der Reihe nach. Denn wenn auch Anaxagoras als erster den Geist an die Spitze aller Dinge stellte, so hielt auch er nicht an dem alles bewirkenden Prinzip fest, indem er das Bild von gewissen, des Geistes baren Wirbeln vor die Augen malte, in Verbindung mit der Untätigkeit und Geistlosigkeit des Geistes.
3. Deshalb sagt auch das Schriftwort: „Ihr sollt auf der Erde niemand euren Lehrer nennen!“ Denn das Wissen ist ein Verhalten, das mit 160 Beweisen wirkt; der Glaube dagegen ist ein Gnadengeschenk, das aus Unbeweisbarem zum Allgemeinen das Einfache emporführt, das weder mit Stoff verbunden noch selbst Stoff noch vom Stoff abhängig ist.
§ 15
1. Die Ungläubigen aber „ziehen“, wie es scheint, „aus dem Himmel und aus dem Unsichtbaren alles auf die Erde herab, indem sie geradezu mit ihren Händen Felsen und Bäume umklammern“ wie Platon sagt. „Denn indem sie sich ausschließlich an Derartiges halten, versichern sie, daß nur das wirklich vorhanden sei, was ein Herankommen und Berühren gestatte, womit sie Körper und Sein für das nämliche erklären.“
2. „Diejenigen aber, die ihre Ansicht bekämpfen, holen ihre Gegengründe ganz vorsichtig von oben herab irgendwoher aus dem Unsichtbaren, indem sie zu erweisen suchen, daß geistige und unkörperliche Begriffe das wahre Sein sind.“
3. „Sieh denn, ich mache Neues“ sagt das Schriftwort, „was kein Auge sah und kein Ohr hörte und in keines Menschen Herz kam“, da mit neuem Auge, neuem Gehör, neuem Herzen die Jünger des Herrn auf geistige Weise all das reden, hören, tun, was durch den Glauben und durch das geistige Verstehen gesehen, gehört und erfaßt werden kann.
4. Denn es gibt eine echte Münze und eine andere, die gefälscht ist, die aber trotzdem die Nichtsachverständigen täuscht, dagegen nicht die Geldwechsler, die durch Schulung verstehen, das Gefälschte und das Echte voneinander zu sondern und zu unterscheiden. So sagt der Geldwechsler dem Laien nur das eine, daß die Münze unecht ist; inwiefern das aber der Fall ist, das erfährt nur der Schüler des Wechslers, der darin ausgebildet wird.
5. Aristoteles aber nennt die auf das Wissen folgende Bestätigung, daß etwas Bestimmtes wahr ist, Glaube. Demnach steht der Glaube höher als das Wissen und ist sein Prüfstein.
§ 16
1. Fälschlich gibt sich als Glaube die Vermutung aus, die nur eine schwache Annahme ist, ähnlich wie sich der 161 Schmeichler als Freund und der Wolf als Hund ausgibt. Da wir aber sehen, daß der Zimmermann nur dadurch, daß er etwas lernt, Meister in seinem Fach wird, und der Steuermann erst, wenn er in seinem Beruf ausgebildet ist, das Schiff wird steuern können, wobei er sich sagt, daß der Wille allein, gut und tüchtig zu werden, nicht genügt, so ist es in der Tat notwendig, daß man Gehorsam übt und lernt.
2. Wenn man aber dem Logos gehorcht, den wir als unseren Lehrer anerkannt haben, so bedeutet das, daß man eben jenem Glauben schenkt und sich ihm in keiner Weise widersetzt. Wie sollte es denn auch möglich sein, sich gegen Gott aufzulehnen? Gegenstand des Glaubens wird demnach die Erkenntnis und Gegenstand der Erkenntnis der Glaube durch eine Art göttlicher, notwendig erfolgender Wirkung und Gegenwirkung.
3. Indessen hält auch Epikuros, der vor allem die Lust höher einschätzte als die Wahrheit, den Glauben für eine im Denken gebildete Vorstellung; die Vorstellung ((xxx) proläpsis) definiert er aber als den auf etwas Augenscheinliches und auf das augenscheinlich richtige Bild von einer Sache aufgebauten Begriff; niemand könne aber weder untersuchen noch Fragen aufwerfen noch gar eine Meinung aufstellen, aber auch nicht etwas widerlegen ohne eine Vorstellung.
§ 17
1. Wie könnte jemand, der keine Vorstellung von dem hat, wonach er strebt, das lernen, was er erforschen will? Wenn er es aber gelernt hat, dann erst macht er die Vorstellung zu sicherem Wissen (zu einem festen Begriff)
2. Wenn aber der Lernende nicht lernen kann, ohne daß in ihm eine Vorstellung lebt, die fähig ist, das Gesagte aufzunehmen, so muß er selbst Ohren haben, die fähig sind, die Wahrheit zu hören. „Glücklich ist, der zu Leuten spricht, deren Ohren willig sind zu hören“, wie andererseits auch er selbst (der Hörende) glücklich ist deswegen, weil er hört.
3. Deutlich hören ist gleichbedeutend mit verstehen. Wenn nun der Glaube nichts anderes ist als eine im Denken gebildete Vorstellung hinsichtlich des Gesagten 162 und dies Gehorsam genannt ist und Verstehen und Überzeugtsein, dann wird auch niemand ohne Glauben lernen können, da er es auch nicht ohne Vorstellung (vorgefaßte Meinung) kann.
4. Demnach ist als überaus wahr das Wort des Propheten erwiesen: „Wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr auch nicht verstehen.“ Dieses Wort hat auch Herakleitos von Ephesos umschrieben, wenn er sagte: „Wenn er nichts Unverhofftes erhofft, wird er es nicht auffinden, da es unaufspürbar und unzugänglich ist.“
§ 18
1. Aber auch der Philosoph Platon sagt in den „Gesetzen“, daß „jeder, der selig und glücklich werden wolle, gleich von Anfang an der Wahrheit teilhaftig werden müsse, damit er so lange Zeit als möglich im Besitz der Wahrheit lebe; denn nur er ist zuverlässig; unzuverlässig aber ist der andere, dem die beabsichtigte Unwahrheit lieb ist; wem aber unbeabsichtigte Unwahrheit lieb ist, der ist unverständig; von diesem beiden ist aber weder das eine noch das andere erstrebenswert; denn ohne Freunde ist jeder, der unzuverlässig und töricht ist.“
2. Und im „Euthydemos“ nennt er dies wohl andeutungsweise eine „königliche“ Weisheit. Im „Staatsmann“ freilich sagt er wörtlich: „Daher ist das Wissen des wahren Königs etwas Königliches, und wer dieses besitzt, mag er nun ein Herrscher oder ein Privatmann sein, wird gerade mit Rücksicht auf diese Fähigkeit selbst mit Recht königlich genannt werden.“
3. So sind denn die an Christus Gläubigen wacker und heißen auch so, wie wahrhaft „Königliche“ (sind und heißen) die einem König Nahestehenden: denn wie „die Weisen durch ihre Weisheit weise sind und die Gesetzlichen durch das Gesetz gesetzlich“, so sind die Christen durch den König Christus Königliche Christi.
4. Dann fügt er etwas später deutlich hinzu: „Das Richtige ist gesetzmäßig, und das richtige Wort ist Gesetz, und zwar ist es dies von Natur und nicht auf Grund von Geschriebenem und anderem.“ Und der Eleatische Gastfreund 163 bezeichnete den königlichen und der Staatslenkung kundigen Mann als „beseeltes Gesetz“.
§ 19
1. Solcher Art ist der Mann, der das Gesetz erfüllt und den Willen des Vaters tut, geradezu wie auf einem hochaufgerichteten Holze gemalt und als ein Vorbild göttlicher Tugend für die zur Schau gestellt, die sehen können.
2. Die Griechen wissen von den Geheimbriefen der Ephoren in Lakedämon, die auf Grund gesetzlicher Bestimmung auf Holz geschrieben wurden; mein Gesetz aber ist, wie ich schon früher sagte, königlich und beseelt und ist das richtige Wort. „Das Gesetz ist aller König Der Sterblichen sowohl wie der Unsterblichen.“ wie der Böotier Pindaros singt.
3. Speusippos ferner scheint in dem ersten Buch an Kleophon Ähnliches wie Platon in folgenden Worten zu schreiben: „Denn wenn die Königsherrschaft etwas Treffliches ist und der Weise allein König und Herrscher, so ist das Gesetz, da es das richtige Wort ist, trefflich“, was auch wirklich der Fall ist.
4. Dem entspricht auch die Lehre der stoischen Philosophen, die Königtum, Priesterwürde, Weissagung, Gesetzgebung, Reichtum, wahre Schönheit, Adel, innere Freiheit ausschließlich dem Weisen zuerkennen. Daß freilich ein 164 solcher gar sehr schwer zu finden sei, das geben sie auch selbst zu.