§ 36
1. Hier behaupten nun die Anhänger des Basileides bei der Auslegung dieses Schriftwortes, der Archon selbst sei, als er die Rede des herabgesandten Geistes vernahm, über das, was er hörte und sah, erschrocken, da ihm wider Erwarten die frohe Botschaft verkündigt worden war, und sein Erschrecken sei Furcht genannt worden, die der Anfang der Weisheit wurde, einer Weisheit, die fähig war, die Geschlechter (die Kinder des Lichts und die Kinder der Welt) zu scheiden und auszusondern und zu vollenden und wiederherzustellen; denn der über alles Waltende läßt nicht nur die Welt, sondern auch die Erwählten hervorgehen, nachdem er sie ausgesondert hat.
2. Aber auch Valentinus scheint an Derartiges zu denken, wenn er in einem Briefe wörtlich schreibt: „Und die Engel befiel gleichsam ein Schrecken über jenes Gebilde, da es gewaltigere Worte sprach, als seiner Gestaltung nach zu erwarten war, um dessen willen, der unsichtbar in ihn einen Samen des höheren Wesens gelegt hatte und (in ihm) freimütig redete.
3. So wurden auch bei den Geschlechtern der Menschen in der Welt die Menschenwerke für die, die sie selbst hergestellt hatten, zu Gegenständen der Furcht, wie z.B. Statuen und Bilder und all das, was Menschenhände verfertigen, damit es den Namen Gottes trage.
4. Denn Adam , der erschaffen worden war, damit er den Namen ‘Mensch’ trage, erregte die Furcht vor einem schon vorher vorhandenen ‘Menschen’, gerade als ob er in ihm vorhanden sei, und sie (die Engel) erschraken und ließen das Werk rasch verschwinden.“
§ 37
1. Da es aber, wie später gezeigt werden wird, nur einen einzigen Urgrund gibt, so ist klar, daß die Erfindungen dieser Leute nur leeres Gezwitscher und Getriller sind.
2. Da es ferner Gott nützlich schien, daß die Menschen 178 vom Gesetz und von den Propheten aus durch den Herrn eine vorläufige Erziehung erhalten, so wird „der Weisheit Anfang die Furcht des Herrn“ genannt, die vom Herrn durch Moses für die Ungehorsamen und Verstockten gegeben worden ist. Denn wen das Wort nicht meistern kann, den zähmt die Furcht.
3. Dies sah auch von Ewigkeit her der erziehende Logos voraus und richtete für die beiden verschiedenen Wesensarten ein geeignetes Werkzeug her, mit dem er sie in passender Weise zur Frömmigkeit läutern konnte.
4. Es ist also das Erschrecken eine Furcht infolge einer ungewohnten Erscheinung oder über eine unerwartete Erscheinung, daher auch über eine Botschaft, eine Furcht, als ob etwas geschehen oder vorhanden wäre, oder ein übermäßig großes Erstaunen.
5. Jene Leute denken also nicht daran, daß sie den höchsten und von ihnen hochgepriesenen Gott durch das Erschrecken einer Gemütsbewegung (einem Affekt) erliegen und vor dem Erschrecken in Unwissenheit befangen sein lassen.
6. Wenn aber Unwissenheit dem Erschrecken vorherging und dann das Erschrecken und die Furcht Anfang der Weisheit Gottes geworden ist, so muß wohl Unwissenheit der Weisheit Gottes und der ganzen Weltschöpfung, ja auch der Wiederherstellung der Auserwählten selbst ursächlich vorausgehen.
§ 38
1. Gehört nun die Unwissenheit zu den guten oder zu den schlechten Dingen? Wenn sie nun zu den guten gehört, warum hört sie infolge des Erschreckens auf? Und überflüssig ist dann für sie der Diener und die Predigt und die Taufe. Gehört die Unwissenheit dagegen zu den schlechten, wie kann das Schlechte Ursache des Schönsten sein?
2. Denn wenn die Unwissenheit nicht zuvor vorhanden gewesen wäre, wäre der Diener nicht herabgestiegen; und den Archon hätte nicht Schrecken ergriffen, wie sie selbst sagen, noch hätte er infolge der Furcht den Anfang der Weisheit erhalten, die ihn befähigte, die Geschlechter der Auserwählten und der Weltleute zu scheiden.
3. Wenn aber die Furcht vor dem zuvor 179 vorhandenen Menschen die Engel dazu veranlaßte, ihrem eigenen Gebilde nachzustellen in der Meinung, daß in dem Geschöpf unsichtbar der Same des höheren Wesens eingepflanzt sei, so wurden sie entweder infolge einer irrigen Vermutung eifersüchtig, das ist aber nicht glaublich, daß die Engel zu einer völligen Unkenntnis eines Geschöpfes verurteilt gewesen sein sollten, dessen Erschaffung ihnen anvertraut worden war, so daß es gleichsam ihr Kind war.
4. Oder sie ließen sich zu ihrem Tun dadurch bewegen, daß sie von ihrer Vorauskenntnis befangen waren, aber sie hätten durch das, was sie taten, dem nicht nachgestellt, das sie vorher kannten; auch wären sie vor ihrem eigenen Werk nicht erschrocken, da sie infolge des Vorherwissens den von oben stammenden Samen gekannt hätten.
5. Oder - das ist die letzte Möglichkeit - sie hätten es gewagt im Vertrauen auf ihre Kenntnis; aber auch dies ist undenkbar, daß sie dem „Menschen“ nachstellten, obwohl sie das im Pleroma vorhandene Ausgezeichnete kannten, und ferner auch das Wort „nach seinem Bilde“, womit sie auch das Urbild und die mit der übrigen Kenntnis verbundene (Kenntnis von seiner) Unzerstörbarkeit erhalten hatten.
§ 39
1. Diesen Leuten selbst und manchen anderen, vor allem den Anhängern Marcions ruft die Schrift, ohne daß sie darauf hören, das Wort zu: „Wer auf mich hört, der wird getrost im Frieden ruhen und frei von Furcht vor allem Übel guten Mutes sein.“
2. Wie beschaffen soll nach ihrer Meinung das Gesetz sein? Schlecht werden sie freilich nicht sagen, aber gerecht, indem sie das Gute vom Gerechten unterscheiden.
3. Aber wenn der Herr das Schlechte zu fürchten befiehlt, so beseitigt er nicht das Schlechte mit etwas Schlechtem, sondern macht etwas durch das ihm Entgegengesetzte zunichte. Gutem ist aber Schlechtes entgegengesetzt, ebenso wie Gerechtes Ungerechtem.
4. Wenn nun das Schriftwort die Enthaltung von Schlechtem, die die Furcht des Herrn bewirkt, Freisein von Furcht genannt hat, so ist die Furcht etwas Gutes, und die durch das Gesetz verursachte Furcht nicht nur gerecht, sondern auch gut, da sie die Schlechtigkeit beseitigt. Indem aber das Gesetz durch Furcht 180 Furchtlosigkeit herbeiführt, bewirkt es nicht durch eine Gemütsbewegung Freiheit von Gemütsbewegungen, vielmehr durch Erziehung Mäßigung in den Gemütsbewegungen.
5. Wenn wir also hören: „Ehre den Herrn, und du wirst stark sein; außer ihm fürchte niemand!“ so fassen wir das so auf, daß es ein Gott-Ehren ist, wenn man sich davor fürchtet, zu sündigen, und den von Gott gegebenen Gesetzen gehorcht.
§ 40
1. Scheu ((xxx) deos) aber ist die Furcht vor Göttlichem. Aber wenn auch die Furcht eine Gemütsbewegung ist, wie manche meinen, weil sich fürchten eine Gemütsbewegung ist, so ist doch nicht jede Furcht eine Gemütsbewegung. So ist z.B. die Dämonenfurcht eine Gemütsbewegung, da sie die Furcht vor Dämonen ist, die von Leidenschaften aller Art erregt sind.
2. Andererseits ist die Furcht vor dem keiner Gemütsbewegung unterliegenden Gott selbst ohne Gemütsbewegung ((xxx) apathäs); denn man fürchtet sich nicht vor Gott, sondern davor, von Gott abzufallen; wer aber dies fürchtet, der fürchtet sich davor, in Böses zu fallen, und scheut das Böse; wer aber das Fallen fürchtet, wünscht selbst frei von Verderben und frei von Gemütsbewegungen zu sein.
3. „Ein Weiser fürchtet sich und weicht dem Bösen aus; der Unverständige aber begegnet ihm guten Mutes“, sagt die Schrift, und wiederum sagt sie: „In der Furcht des Herrn liegt Hoffnung auf Stärke.“