§ 25
1. „Herr, wer glaubte unserer Predigt?“ sagt Jesaias. „Denn der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber durch das Wort Gottes“, sagt der Apostel.
2. „Wie sollen sie ihn nun anrufen, ohne zum Glauben an ihn gekommen zu sein? Wie sollen sie an ihn glauben ohne von ihm gehört zu haben? Wie sollen sie aber hören, ohne daß einer predigt? Wie sollen die aber predigen, wenn sie nicht dazu gesandt sind? Wie geschrieben steht: Wie willkommen sind die Füße derer, die frohe Botschaft vom Guten bringen!“
3. Siehst du, wie er den Glauben über das Hören und die Predigt der Apostel hinweg auf das Wort des Herrn und den Sohn Gottes zurückführt? Begreifen wir noch nicht, daß das Wort des Herrn als Beweis gelten muß?
4. Wie nun das Ballspiel nicht nur von dem abhängt, der den Ball kunstgerecht wirft, sondern dieser auch noch jemand braucht, der den Ball geschickt auffängt, damit die Übung nach den Regeln des Ballspiels ausgeführt wird, so gilt es auch, daß die Lehre nur dann den verdienten Glauben findet, wenn der Glaube der Hörenden, der sozusagen eine natürliche Fähigkeit ist, beim Lernen mithilft.
§ 26
1. Auch die Fruchtbarkeit des Ackerlandes tritt fördernd zur Aussaat des Samens hinzu. Die beste Unterweisung nützt ja nichts, wenn die Lernenden nicht zum 169 Aufnehmen bereit sind, und ebensowenig die Weissagung, wenn bei den Hörern der Wille zum Glauben fehlt.
2. Auch das dürre Reisig kann ja leichter angezündet werden, weil es so beschaffen ist, daß es von der Kraft des Feuers leicht erfaßt werden kann; und der bekannte (Magnet) Stein zieht das Eisen wegen des verwandten Stoffes an, ebenso wie die Suchinonträne kleine Fasern anzieht und der Bernstein die Spreu sich bewegen läßt. In diesen Fällen gehorcht das, was angezogen wird, deswegen, weil es durch eine geheimnisvolle Ausströmung (Pneuma) angezogen wird; dabei ist es nicht selten die Ursache, aber doch Mitursache.
3. Während es nun zwei Arten von Bosheit gibt, von denen die eine mit Täuschung und im Verborgenen, die andere mit offener Gewalt ihr schlimmes Werk verübt, so ergeht der Ruf des göttlichen Wortes laut an alle zusammen, obwohl es sogar ganz genau die kennt, die nicht gehorchen werden, hat es trotzdem, weil bei uns die Entscheidung liegt, ob wir gehorchen wollen oder nicht, recht daran getan, alle zu berufen, damit niemand sich mit Unkenntnis entschuldigen könne, und fordert von jedermann, was seinem Können entspricht.
4. Denn bei den einen ist Wollen und Können zugleich vorhanden, da sie die Fähigkeit dazu durch Übung gesteigert und sich selbst geläutert haben; die andern aber haben, wenn sie auch noch nicht können, doch schon den guten Willen. Nun ist das Wollen Sache der Seele, das Tun aber ist nicht möglich ohne den Körper.
5. Indessen wird das Handeln nicht nur nach dem Endergebnis bemessen, sondern auch nach der Absicht jedes einzelnen beurteilt, ob er sich leicht entschloß, ob er seine Fehler bereute, ob er einsah, worin er zum Falle kam, und seinen Sinn änderte, d.h. nachher zur Besinnung 170 kam; denn die Reue ist eine späte (erst hintennach kommende) Erkenntnis, dagegen Erkenntnis gleich von vorne herein ist die völlige Sündlosigkeit.
§ 27
1. Also ist auch die Buße eine gute Tat des Glaubens; denn wenn man nicht glaubt, daß Sünde ist, worin man zuvor verstrickt war, so wird man sich auch nicht bessern. Und wenn man nicht glaubt, daß für den Sünder Strafe bestimmt ist, Heil dagegen für den, der nach den Geboten lebt, so wird man sich auch dann nicht ändern. Ferner entsteht aber auch die Hoffnung aus Glauben.
2. Die Anhänger des Basileides definieren ja den Glauben als die Zustimmung der Seele zu einer Sache, die die Sinne nicht berührt, weil sie nicht gegenwärtig ist. Hoffnung ist aber die Erwartung auf das Erlangen eines Gutes. Die Erwartung muß aber zuverlässig sein. Zuverlässig ist aber, wer unwandelbar an dem ihm Anvertrauten festhält. Anvertraut werden uns aber die Lehren von Gott und die göttlichen Lehren, die Gebote, zugleich mit der (Anweisung zur) Ausführung der Befehle.
3. Dies ist „der treue Knecht“, der von dem Herrn gelobt wird. Wenn der Apostel aber sagt: „Treu ist Gott“, so gibt er damit kund, wessen Offenbarung Glauben verdient. Die Offenbarung wird aber von seinem Wort gegeben, und treu ist Gott selbst.
4. Wenn nun der Glaube ein Vermuten ist, wie können dann die Philosophen ihre Aufstellungen für gewiß halten? Denn die Zustimmung, die aus freien Stücken erfolgt, bevor ein Beweis vorhanden ist, ist kein Vermuten, sondern die Zustimmung und Hingabe an etwas Starkes.
§ 28
1. Wer sollte aber mächtiger als Gott sein? Der Unglaube dagegen ist die schwache etwas ablehnende Vermutung, daß das Entgegengesetzte wahr ist, so wie das Mißtrauen (die Schwergläubigkeit) ein Verhalten ist, das nur schwer den Glauben annimmt. Und der Glaube ist ein Vermuten aus freien Stücken und ein verständiges Vorwegnehmen vor dem sicheren Erfassen. (Die Hoffnung aber 171 ist die sichere Erwartung von dem Erlangen eines Gutes) Und die Erwartung ist die Vorstellung von etwas Zukünftigem. Während aber die Erwartung der anderen die Vorstellung von etwas Unsicherem ist, so ist die Zuversicht das feste Erfassen irgendeiner Sache.
2. Deshalb glauben wir an das, worauf wir unsere Zuversicht setzen, an die Herrlichkeit Gottes und an sein Heil; wir setzen aber unsere Zuversicht auf den alleinigen Gott, von dem wir wissen, daß er sich von seinen herrlichen Verheißungen und von dem nicht abkehren wird, was er ihretwegen erschaffen und uns aus Wohlwollen geschenkt hat.
3. Wohlwollen ist die Gesinnung, die einem anderen Gutes wünscht um seiner selbst willen. Denn Gott ist bedürfnislos; auf uns aber richtet sich die Wohltat und die Güte des Herrn, die göttliches Wohlwollen ist, und zwar Wohlwollen mit dem Ziel, Gutes zu tun.
4. Wenn es aber „dem Abraham zur Gerechtigkeit angerechnet wurde, daß er glaubte“ und wir infolge der Predigt Same Abrahams sind, so müssen auch wir glauben; denn Israeliten sind wir, die wir nicht infolge von Zeichen, sondern infolge von der Predigt gehorsam sind.
5. Deswegen heißt es: „Freue dich, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst, brich in Jubel aus und frohlocke, die du keine Wehen hast; denn zahlreicher sind die Kinder der Alleinstehenden als derer, die den Mann hat.“ „Du lebtest zum Schutzwall für dein Volk; gepriesen wurden deine Kinder in den Zelten der Väter.“
6. Wenn aber die nämlichen Wohnungen von der Weissagung uns und den Patriarchen verheißen werden, so ist damit bewiesen, daß es nur eine einzigen Gott für beide Testamente gibt.
§ 29
172 1. Noch deutlicher wird hinzugefügt: „Du hast den Bund Israels geerbt“, Worte, die an die Erwählung aus den Heiden gerichtet sind, die einst unfruchtbar, d.h. ohne diesen Mann war, der der Logos ist, die früher vereinsamt, d.h. ohne den Bräutigam war.
2. „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben“, aus dem Glauben nach dem (Neuen) Testament und nach den Geboten, da diese zwar dem Namen und der Zeit nach zweierlei sind und entsprechend dem Zeitalter und der Entwicklungsstufe auf Grund des göttlichen Heilsplanes gegeben wurden, dagegen ihrer Wirkung nach eines sind, das eine das Alte, das andere das Neue Testament, und von dem einen Gott durch den Sohn geschenkt werden.
3. So sagt auch der Apostel in dem Brief an die Römer: „Denn Gerechtigkeit Gottes wird in ihm offenbart von Glauben zu Glauben“, womit er auf die einzigartige Erlösung hinweist, die von der Weissagung an bis zu dem Evangelium durch ein und denselben Herrn vollendet worden ist.
4.„Dieses Gebot“, sagte der Apostel, „lege ich dir, mein Sohn Timotheus, ans Herz, entsprechend den früheren an dich gerichteten Weissagungen, daß du in ihrer Kraft den guten Kampf kämpfest, indem du am Glauben festhältst und ein gutes Gewissen bewahrst, während manche dieses von sich wiesen und dadurch am Glauben Schiffbruch litten“, weil sie das von Gott stammende gute Gewissen durch Unglauben befleckten.
§ 30
1. Man darf also selbstverständlich den Glauben nicht mehr als etwas Geringes verleumden, als etwas leicht zu Beschaffendes und Gewöhnliches und dazu als etwas ganz Alltägliches; denn wenn die Sache von Menschen wäre, wie die Griechen annahmen, dann wäre sie wohl schon wieder verschwunden; der Glaube aber wächst, und es gibt keinen Ort, wo er nicht wäre.
2. Ich behaupte demnach, daß der Glaube, mag er nun seinen Grund in der Liebe haben oder auch, wie die Ankläger sagen, in der Furcht, etwas Göttliches ist, da er weder von einer anderen, weltlichen Zuneigung zerstört noch von einer etwa vorhandenen Furcht aufgelöst wird.
3. Denn die Liebe läßt durch die sie mit dem Glauben verbindende 173 Freundschaft die Gläubigen entstehen; der Glaube aber ist Grundlage der Liebe, indem er seinerseits dazu veranlaßt, Gutes zu tun, während ja auch die Furcht, durch die das Gesetz erzieht, nur infolge davon, daß man sich fürchten zu müssen glaubt, die Grundlage ihres Daseins als Furcht im Glauben hat.
4. Wenn sich nämlich das Sein durch das Wirken erweist, die Furcht (das Gefürchtete) aber etwas Zukünftiges ist und nur droht, aber noch nicht wirksam und gegenwärtig ist, so ist sie Gegenstand des Glaubens; und da man an ihr Sein nur glaubt, kann sie nicht selbst Erzeugerin des Glaubens sein, da sie ja erst von diesem selbst als des Glaubens wert erwiesen wurde.
§ 31
1. Göttliche Wirkung ist demnach der gewaltige Umschwung, wenn man aus dem Unglauben zum Glauben kommt und der Hoffnung und der Furcht (der Verheißung und der Drohung) glaubt. Und in der Tat zeigt sich uns der Glaube als die erste Hinneigung zum Heil, und nach ihm bringen Furcht und Hoffnung und Buße zusammen mit Enthaltsamkeit und Geduld den Fortschritt und führen uns zu Liebe und Erkenntnis.
2. Mit Recht sagt daher der Apostel Barnabas: „Von dem, was ich empfing, war ich bemüht, euch nach und nach einen Teil zu senden, damit ihr neben eurem Glauben auch vollkommene Erkenntnis haben möchtet. Nun sind Gehilfen unseres Glaubens Furcht und Geduld, und unsere Kampfgenossen sind Langmut und Selbstbeherrschung. Wenn also“ so sagt er, „diese in ihrem Verhältnis zum Herrn unbefleckt bleiben, so freuen sich mit ihnen Weisheit, Einsicht, Wissen, Erkenntnis.“
3. Da nun die genannten Tugenden Voraussetzungen (Elemente) der Erkenntnis sind, so muß eine noch wichtigere Voraussetzung der Glaube sein, da er für den Träger der Erkenntnis ebenso notwendig ist wie dem auf dieser Welt Lebenden das Atmen zum Leben. Wie 174 man aber ohne die vier Elemente nicht leben kann, so ist es auch ohne Glauben nicht möglich, daß Erkenntnis sich einstellt. Der Glaube ist also die Grundlage der Wahrheit.