§ 103
1. Aber die Standhaftigkeit strebt auch ihrerseits mit Gewalt auf das Gott-Ähnlichwerden hin, indem sie durch die Ausdauer Freiheit von Leidenschaften erreicht, wenn noch jemand die Erzählung von dem Geschick des Ananias (Hananja) und seiner Freunde in frischer Erinnerung hat, von denen einer auch der Prophet Daniel war, ein Mann, erfüllt von Glauben an Gott.
2. In Babylon wohnte Daniel, wie Lot in Sodom und Abraham, der wenig später „Freund Gottes“ wurde, im Land der Chaldäer.
3. Diesen Daniel ließ der König der Babylonier in eine Grube voll wilder Tiere hinabführen; aber der König aller Menschen, der treue Herr, führte ihn unversehrt wieder herauf. 4. Diese Ausdauer wird der Gnostiker gewinnen, soweit er ein Gnostiker ist; in Versuchung wird er Gott preisen wie der edle Hiob.
§ 104
1. Wie Jonas wird er beten, wenn er von einem Meerungeheuer verschlungen wird, und sein Glaube wird ihn den Einwohnern von Ninive weissagen lassen. Und wenn er mit Löwen zusammengesperrt wird, so wird er die wilden Tiere zähmen; und wenn er ins Feuer geworfen wird, so wird er mit Tau erquickt werden, und das Feuer wird ihn nicht verzehren; er wird zeugen bei Nacht und zeugen am Tage; in seiner Rede, seinem Leben, seinem Wandel wird er zeugen.
2. Da er des Herrn Hausgenosse ist, wird er dem Geiste nach sein „Vertrauter“ und Herdgeselle bleiben, rein am Fleisch und reinen Herzens, 226 geheiligt in seinen Worten.
3. „Die Welt ist für diesen“, so heißt es, „gekreuzigt und er für die Welt.“ Dieser nimmt das Kreuz des Heilands auf sich und folgt dem Herrn nach, „indem er in seinen Fußtapfen wie in denen eines Gottes geht“, ein Heiliger unter Heiligen geworden.
§ 105
1. Auf jegliche Tugend bedacht, erzieht also das Gesetz Gottes den Menschen zuvörderst zur Enthaltsamkeit, indem es diese zum Grundstein der Tugend macht, und schult uns vor zur Erwerbung der Enthaltsamkeit, indem es mit den Bestimmungen über den Genuß der Tiere beginnt und uns die zu essen verbietet, die von Natur fett sind, wie die Gattung der Schweine, die sehr fleischig ist. Denn die Verwendung von solchem Fleisch wird denen gewährt, die Lust zum Schwelgen haben.
2. Es wird wenigstens erzählt, einer der Philosophen habe das Wort (xxx) hys (Schwein) sprachlich mit (xxx) thys gleichgesetzt, weil das Schwein nur zum Opfern ((xxx) thysis) und Schlachten geeignet sei. Denn diesen Tieren sei das Leben zu nichts anderem gegeben als dazu, daß das Fleisch von Kraft und Saft strotze.
3. Ebenso verbot das Gesetz, um unsere Begierden einzuschränken, den Genuß jener Fische, die weder Flossen noch Schuppen haben; denn diese zeichnen sich durch wohlschmeckendes und fettes Fleisch vor den anderen aus.
§ 106
1. Infolgedessen verbietet, wie ich meine, auch der Stifter der Mysterien nicht nur den Genuß gewisser Tiere, sondern nimmt auch einzelne Teile der Tiere, die geopfert werden dürfen, vom Genuß aus, und zwar aus Gründen, die nur die Eingeweihten kennen.
2. Wenn wir nun 227 den Bauch und die Teile unter ihm beherrschen sollen, so ist klar, daß wir von Anfang an vom Herrn durch das Gesetz das Gebot erhalten haben, unsere Begierde zu ertöten. Dies geschieht aber in vollem Maß wohl nur dadurch, daß wir das Reizmittel der Begierde, ich meine die Lust, rückhaltlos verurteilen.
3. Diese ist aber, wie man sagt, zu definieren als eine glatte und sanfte, mit einer gewissen Empfindung verbundene Bewegung.
4. Ihr Sklave war Menelaos, der, wie erzählt wird, nach der Einnahme Ilions sich anschickte, die Helene, die an so vielem Unheil schuld gewesen war, zu töten, aber nicht die Kraft hatte, seinen Vorsatz auszuführen, überwältigt von ihrer Schönheit, die ihn an die genossene Lust erinnerte.
§ 107
1. Deshalb lassen die Tragödiendichter ihm spöttisch folgende vorwurfsvollen Worte zurufen: „Doch als die Brust du schautest, warfst das Schwert zu weg, Und ließt dich küssen, streichelnd die Verräterin“. Und an einer anderen Stelle: „Doch wurden gegen Schönheit wohl die Schwerter stumpf?“
2. Ich muß aber den Antisthenes loben, der sagte: „Die Aphrodite würde ich sogar mit einem Pfeil niederschießen, wenn ich sie erwischte, da sie viele und wackere Frauen unter uns verführt hat.“
3. Und das Liebesverlangen nennt er ein Übel der Natur; ihm unterliegen die Unseligen und nennen die Krankheit eine Göttin. Hierdurch soll gezeigt sein, daß die Toren aus Unwissenheit der Lust erliegen, die man nicht an sich herankommen lassen sollte, auch wenn sie eine Göttin heißt, das bedeutet, auch wenn sie von Gott zum Zweck der Kindererzeugung gegeben ist.
4. Und Xenophon nennt die Lust geradezu ein Laster mit 228 den Worten: „O du Unglückselige, was ist denn das für ein Gut, das du kennst, was das für ein Glück, nach dem du strebst? Wartest du ja doch nicht einmal das Verlangen nach dem Genuß ab, sondern issest, bevor es dich hungert, trinkst, bevor es dich dürstet; und damit du mit Genuß essen kannst, hast du Köche nötig.
5. Und damit du mit Genuß trinken kannst, verschaffst du dir kostbare Weine und läufst im Sommer nach Schnee herum, und um angenehm zu schlafen, mußt du nicht nur weiche Betten, sondern auch noch ein kunstvoll bewegliches Untergestell für sie haben.“
§ 108
1. Deshalb ist, wie Ariston sagte, „gegenüber dem ganzen Vierklang Lust, Leid, Furcht, Begierde, viel Übung und Kampf nötig. Denn diese, diese dringen bis ins Innerste Und bringen schlimmen Aufruhr in der Menschen Herz.“
2. „Denn auch bei denen, die sich unantastbar dünken, macht die Lust die Herzen biegsam wie Wachs“ nach Plato; denn „jede Lust und jedes Leid nagelt die Seele an den Körper an“, wenigstens bei dem, der nicht Grenzen und Pallisaden zwischen sich und den Leidenschaften aufrichtet.
3. „Wer seine Seele verliert“, sagt der Herr, „wird sie erretten“, sei es, daß er sie freudigen Mutes für den Heiland dahingibt, wie er selbst es für uns getan hat, oder indem er sie von der Gemeinschaft mit dem gewohnten Leben loslöst.
4. Denn wenn du deine Seele von der Ergötzung und der Lust in diesem Dasein loslösen und entfernen und abtrennen willst (dies bedeutet nämlich das Kreuz) wirst du sie behalten, da sie dann in der erwarteten Hoffnung „gefunden“ und zur Ruhe gekommen ist.
§ 109
1. „Dies dürfte aber eine Vorübung auf den Tod sein“, wenn wir uns mit den Wünschen begnügen, deren Maß durch die Natur begrenzt ist und die kein natürliches 229 Verlangen über die richtigen Grenzen hinaus, sei es nach dem Übermaß oder nach dem Naturwidrigen hin, steigern, wo das sündhafte entsteht.
2. „Wir müssen also die volle Waffenrüstung Gottes anlegen, auf daß wir gegen die Ränke des Teufels standhalten können“; denn „die Waffen, mit denen wir zu Felde ziehen, sind nicht fleischlicher Art, sondern durch Gott stark zur Zerstörung von Bollwerken, so daß wir mit ihnen spitzfindige Schlüsse und allen Hochmut, der sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, niederwerfen und jeden Anschlag als Gefangenen in den Gehorsam gegen Christus überführen können“, sagt der göttliche Apostel.
3. Ein Mann ist in der Tat nötig, der, ohne in Staunen zu geraten oder sich verwirren zu lassen, die Dinge zu nehmen weiß, von denen die Leidenschaften herkommen, wie Reichtum und Armut, Ehre und Schande, Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod, Leid und Freude.
4. Denn damit wir die unwesentlichen Dinge auch als unwesentlich behandeln, dazu ist viel Überlegenheit nötig, da wir durch große Schwachheit und durch frühere Verkehrtheit zuvor geschädigt waren und schlechte Führung und Erziehung zusammen mit Unwissenheit zuvor zu ertragen hatten.
§ 110
1. Die einfache Sprache unserer Philosophie nennt alle Leidenschaften Eindrücke der weichen und nachgiebigen Seele und gleichsam Siegelabdrücke der „geistlichen“ Mächte, mit denen wir zu ringen haben.
2. Denn die unheilstiftenden Mächte haben es sich, meine ich, zur Aufgabe gesetzt, jedesmal zu versuchen, ein Stück ihres eigenen Wesens aufzuprägen, um so diejenigen, die nichts von ihnen wissen wollen, niederzukämpfen und in ihre Gewalt zu bringen.
3. Die Folge ist dann natürlich, daß die einen niedergerungen werden, alle aber, die mit größerer Gewandtheit und Kraft den Kampf beginnen, ihn bis zum Ende durchkämpfen und bis zum Siegeskranz gelangen; die zuvor genannten Kräfte aber lassen dann endlich in dem langen und blutigen Kämpfe nach und bewundern die Siegesträger.
4. Denn von allem, was sich bewegt 230 oder bewegt wird, bewegt sich das eine aus eigenem Anrieb und nach eigener Vorstellung, wie die Lebewesen, das andere durch Versetzung (dadurch, daß es von einem Ort zum anderen gebracht wird) wie die leblosen Dinge. Manche sagen aber, daß sich auch von den leblosen Dingen die Pflanzen beim Wachsen in einer einem Ortswechsel ähnlichen Weise bewegen, wenn man ihnen nämlich zugibt, daß die Pflanzen etwas Lebloses sind.
§ 111
1. Für die Steine ist es bezeichnend, daß sie festen Bestand haben, für Gewächse, daß sie wachsen; dagegen haben an eigenem Trieb und an Vorstellungsgabe sowie an den beiden eben genannten Eigenschaften auch die unvernünftigen Tiere Anteil.
2. Die vernünftige Fähigkeit dagegen, die der menschlichen eigen ist, soll nicht, wie es die unvernünftigen Tiere tun, den Trieben nachgeben, sondern die Vorstellungen unterscheiden und darf sich nicht von ihnen mitfortreißen lassen.
3. Jene Mächte nun, von denen wir sprachen, halten den leicht zu beeinflussenden Seelen Schönheit und Ruhm und Ehebruch und Lüste und dergleichen verlockende Vorstellungen vor, ähnlich wie Leute, die Vieh fortführen wollen, ihm grüne Zweige vorhalten. So täuschen sie diejenigen, die die wahre Lust nicht von der falschen und die vergängliche und schimpfliche Schönheit nicht von der heiligen Schönheit unterscheiden können, und führen sie als ihre Sklaven mit sich fort.
4. Jeder Trug aber, der längere Zeit hindurch auf die Seele einwirkt, prägt ihr die Vorstellung davon ein, und ohne es zu wissen, trägt die Seele das Bild der Leidenschaft in sich herum; Ursache dafür ist die Verlockung und unsere Zustimmung dazu.
§ 112
1. Die Anhänger des Basileides aber pflegen die Leidenschaften Anhängsel zu nennen; diese seien ihrem Wesen nach eine Art Geister, die sich der vernünftigen Seele infolge einer ursprünglichen Erschütterung und Verwirrung angehängt hätten; außerdem verbänden sich mit diesen wieder andere falsche und fremdartige Gestalten von Geistern, wie Gestalten von Wölfen, Affen, Löwen, Böcken; ferner behaupten sie, daß die Eigenschaften dieser 231 Tiere als Bilder die Seele umgaukeln und die Begierden der Seele der Natur dieser Tiere völlig ähnlich machen.
2. Denn sie ahmen das Tun derer nach, deren Eigenschaften sie an sich tragen, und sie werden in ihren Trieben und Vorstellungen nicht nur den unvernünftigen Tieren verwandt, sondern bilden auch die Bewegungen und Schönheiten von Pflanzen nach, weil sie auch Eigenschaften von Pflanzen an sich haftend haben, (113,1) ferner auch die Eigenschaften von Festbestehendem, wie die Härte des Diamanten.
§ 113
2. [sic; s.o.] Aber gegen diese Lehre werden wir später sprechen, wenn wir über die Seele handeln; jetzt wollen wir im Vorübergehen nur das eine bemerken, daß der Mensch, wie ihn Basileides auffaßt, gewissermaßen das Bild des hölzernen Pferdes zeigt, von dem die Dichter erzählen, da er in einem einzigen Körper ein ganzes Heer von so vielen verschiedenen Geistern in sich eingeschlossen trägt.
3. Jedenfalls klagt Isidoros selbst, der Sohn des Basileides, in seiner Schrift “Über die angewachsene Seele” auf Grund genauer Kenntnis dieser Lehre gewissermaßen sich selbst an, wenn er wörtlich so schreibt:
4. "Denn wenn du jemand zu der Überzeugung bringst, daß die Seele nicht etwas Einheitliches ist, sondern daß durch die Gewalt der Anhängsel die Leidenschaften der Schlechteren entstehen, so werden diese schlechten Menschen keinen üblen Vorwand haben, zu sagen: ‘Mir ist Gewalt geschehen, ich wurde hingerissen, wider meinen Willen habe ich es getan, ohne zu wollen habe ich gehandelt’, während sie doch selbst mit der Begierde nach dem Schlechten begonnen und gegen die Kräfte der Anhängsel nicht angekämpft haben.
§ 114
1. Wir müssen aber durch den vernünftigen Teil zur Herrschaft gelangen und uns als Sieger über den niedrigeren Schöpfungsteil erweisen".
2. Also nimmt auch dieser wirklich zwei verschiedene Seelen in uns an, ebenso wie die Pythagoreer, deren Anschauungen wir später 232 betrachten wollen.
3. Aber auch Valentinus schreibt in einem Brief an einige Freunde über die Anhängsel wörtlich so: "Einer aber allein ist gut, dessen freimütiges Reden in der Offenbarung durch den Sohn besteht, und wohl durch ihn allein kann das Herz rein werden, indem jeder böse Geist aus dem Herzen hinausgestoßen wird.
4. Denn die vielen Geister, die in ihm wohnen, lassen es nicht rein sein, vielmehr vollführt jeder einzelne von ihnen seine eigenen Werke, indem sie durch ihre ungeziemenden Begierden der Seele alle mögliche Schmach antun.
5. Und so scheint es mir dem Herzen ähnlich zu gehen wie einem Wirtshaus; denn dieses bekommt Löcher und Risse und wird oft sogar voll Schmutz, wenn Leute zuchtlos darin hausen und in keiner Weise auf den Ort Rücksicht nehmen, weil er eben anderen gehört.
6. Ebenso ist auch das Herz, solange ihm keine Fürsorge zuteil wird, unrein, da es die Behausung vieler Dämonen ist; wenn aber der allein gute Vater das Herz heimgesucht hat, so ist es geheiligt und erstrahlt von Licht, und dementsprechend wird der selig gepriesen, der ein solches Herz hat; denn er wird Gott schauen."
§ 115
1. Was nun der Grund dafür ist, daß eine solche Seele nicht gleich von Anfang an die Fürsorge erfährt, das sollen sie uns sagen. Denn entweder ist sie dessen nicht würdig (und wie ist es dann möglich, daß die Vorsehung gleichsam ihr Verhalten bereut und dann zu ihr kommt?) oder sie ist, wie er (Valentinus) selbst will, von Natur für die Rettung bestimmt; dann ist es aber notwendig, daß sie von Anfang an wegen ihres Verwandtseins die Fürsorge erfährt und den unreinen Geistern keinen Zugang gestattet, es sei denn, daß sie überwältigt wird und sich als zu schwach erweist.
2. Denn wenn Valentinus zugibt, daß sie sich bekehrt und dann das Bessere wählt, dann wird er, ohne es zu merken, das sagen, was die von uns vertretene Wahrheit lehrt, daß nämlich die Rettung aus gehorsamer Bekehrung, nicht aus der Naturanlage erwächst.
3. Denn wie sich die von der Erde und von Sümpfen aufsteigenden Dünste zu Nebeln und zu wolkenartigen Zusammenballungen verdichten, so erzeugen die Ausströmungen der fleischlichen Begierden in der Seele ein Übelbefinden, indem sie Trugbilder der Lust vor der Seele ausbreiten.
§ 116
1. Sie sind also dem Licht der Vernunft im Wege und verdunkeln es, da die Seele die aus den Begierden emporsteigenden Ausdünstungen an sich zieht und die Zusammenballungen der Leidenschaften durch die ununterbrochene Folge von Lüsten verdichtet.
2. Man kann aber keinen reinen Klumpen Goldes von der Erde aufheben, sondern das, was man aufhebt, wird durch Auskochen gereinigt und durchgeseiht; dann, wenn es rein geworden ist, heißt es Gold, gereinigte Erde. Denn „Bittet, denn es wird euch gegeben werden“ wird zu denen gesagt, die aus eigener Kraft das Schönste wählen können.
3. Wie aber nach unserer Auffassung die Wirkungen des Teufels und die unreinen Geister in die Seele des Sünders einströmen, darüber sind nicht viele Worte nötig, wenn wir als Zeugen den apostolischen Mann Barnabas anführen (er war einer von den Siebzig und ein Mitarbeiter des Paulus, der wörtlich ungefähr so sagt:
4.„ Bevor wir zum Glauben kamen, war die Wohnung unseres Herzens dem Verderben ausgesetzt und hinfällig, wahrlich ein mit Menschenhänden erbauter Tempel; denn er war voll von Götzendienst und war eine Stätte der Dämonen, deswegen, weil wir alles taten, was Gott zuwider war.“
§ 117
1. Er sagt also, daß die Sünder die den Dämonen entsprechenden Handlungen vollführen; dagegen sagt er nicht, daß die Geister selbst in der Seele des Ungläubigen wohnen.
2. Deswegen fügt er auch hinzu; „Habt acht, daß 234 der Tempel des Herrn in Herrlichkeit erbaut werde! Auf welche Weise? Vernehmt es! Laßt uns die Vergebung der Sünden empfangen und auf den Namen Gottes hoffen und so neue Menschen werden, noch einmal neu erschaffen!“
3. Denn nicht die Dämonen werden von uns weggetrieben, sondern die Sünden, sagt er, werden vergeben, die wir ähnlich wie jene vollführten, bevor wir zum Glauben kamen.
4. Mit Recht brachte er daher im Folgenden den Gegensatz dazu: „Deshalb wohnt in unserem Innern in Wahrheit Gott in uns. Auf welche Weise? Sein Wort des Glaubens, seine Berufung zur Verheißung, die Weisheit seiner Forderungen, die Gebote seiner Lehre.“
5. Ich erinnere mich, einer Sekte begegnet zu sein, deren Vorsteher behauptete, er kämpfe gegen die Lust dadurch, daß er sich der Lust hingebe. So lief dieser treffliche Gnostiker (er sagte nämlich wirklich, er sei auch ein Gnostiker) dadurch zur Lust über, daß er angeblich einen Kampf mit ihr führen wollte.
6. Er behauptete nämlich, es sei nicht einmal eine große Leistung, sich der Lust zu enthalten, wenn man sie nicht gekostet habe; dagegen sei es etwas Großes, sich von der Lust nicht überwältigen zu lassen, wenn man mit ihr bekannt geworden sei; darum übe er sich in ihr (d.h. in ihrer Bekämpfung) durch sie selbst.
§ 118
1. Der Unselige merkte dabei aber nicht, wie er sich selbst durch seine der Lust ergebene Kunst betrog.
2. Dieser Anschauung des mit dem Besitz der Wahrheit prahlenden Sophisten war auch Aristippos von Kyrene zugetan. Als man ihm wegen seines fortwährenden Verkehrs mit der korinthischen Hetäre Vorwürfe machte, sagte er: „Ich bin ja Herr über die Lais und lasse mich von ihr nicht beherrschen.“
3. Solche Leute sind auch jene, die Anhänger des Nikolaos zu sein behaupten und als Ausspruch des Mannes mit Verdrehung des Sinnes das Wort anführen, „man müsse das Fleisch mißbrauchen.“
4. Aber jener treffliche Mann wollte damit kundtun, daß man die Lüste und Begierden unterdrücken und durch diese Selbstzucht die Triebe und Anfechtungen des Fleisches zum Verdorren bringen müsse.
5. Diese geben sich aber wie Böcke der Wollust hin und frönen der Lust und wollen so gleichsam dem Körper Gewalt antun; dabei wissen sie nicht, 235 daß ihr Körper zusammenschrumpft, da er von Natur vergänglich ist, ihre Seele aber im Schmutz der Laster begraben ist; sie folgen also dem Gebot der Lust selbst, nicht dem des apostolischen Mannes.
6. Wodurch unterscheiden sich also diese Leute von Sardanapallos, dessen Leben das Epigramm zeichnet? „Dies nur ist mein, was ich aß, was ich schwelgte und was ich in Wollust Süßes genoß; doch zurück mußt’ die anderen Güter ich lassen; Denn auch ich bin nur Staub, der ich Ninives König gewesen.“
7. Denn überhaupt ist das Gefühl der Lust nichts an und für sich Notwendiges; vielmehr ist es nur die Begleiterscheinung bei (der Befriedigung von) gewissen natürlichen Bedürfnissen, Hunger, Durst, Kälte, Ehe.
§ 119
1. Wenn es wenigstens ohne sie möglich wäre, zu trinken oder Nahrung aufzunehmen oder Kinder zu erzeugen, so könnte nicht gezeigt werden, daß noch ein Bedürfnis für sie vorhanden ist.
2. Denn die Lust ist weder eine Tätigkeit noch ein Zustand noch auch ein Teil von uns, sondern sie kam nur, um einen Dienst zu leisten, in unser Leben herein, so wie man vom Salz sagt, daß es nur dazu da sei, die Speisen leichter verdaulich zu machen.
3. Wenn sich die Lust aber empört und sich die Herrschaft über das ganze Haus angemaßt hat, dann erzeugt sie zuerst die Begierde, die ein unvernünftiges Streben 236 und Verlangen nach dem ist, was ihr erwünscht ist; diese veranlaßte auch den Epikuros, die Lust als höchstes Ziel des Philosophen anzusetzen.
4. Er erklärt wenigstens „das gleichmäßige Wohlbefinden des Fleisches und die in Beziehung darauf zuversichtliche Hoffnung“ für etwas Göttliches.
5. Denn was ist die Schwelgerei anderes als genußsüchtige Lüsternheit und unnütze Maßlosigkeit derer, die der Wollust ergeben sind?
6. Nachdrücklich schreibt Diogenes in einer Tragödie: „Die, deren Herz durch Lüste angefüllt ist Vom Trieb nach weichlicher und schmutz’ger Schwelgerei, Die auch die kleinste Mühe scheuen“, und die folgenden Worte, die freilich nicht schön lauten, aber so, wie es die Lüstlinge verdienen.
§ 120
1. Deshalb scheint mir das göttliche Gesetz die Furcht notgedrungen drohend über den Menschen schweben zu lassen, damit sich der Philosoph durch Gottesfurcht und Achtsamkeit die Sorglosigkeit erwerbe und bewahre und in allen Dingen ohne Fehl und ohne Sünde verharre.
2. Denn auf keine andere Weise wird uns Friede und Freiheit zuteil als durch den unaufhörlichen und unermüdlichen Kampf gegen die Anfechtungen unserer Leidenschaften.
3. Denn diese kraftstrotzenden und wie zu olympischen Wettkämpfen geübten Gegner sind mit schärferen Stacheln bewehrt als die Wespen und vor allem ist dies die Lust, die nicht nur bei Tag, sondern auch bei Nacht selbst in den Träumen verlockend uns mit Blendwerk zusetzt und uns verwundet. 4. Wie sollten also die Griechen noch im Recht sein, wenn sie das Gesetz angreifen, während sie doch auch selbst lehren, daß durch Furcht die Lust bezwungen werde?
5. So gebietet Sokrates, man solle sich vor solchen Speisen und Getränken hüten, die dazu verführen, daß man ißt, ohne hungrig zu sein, und trinkt ohne durstig zu sein, und vor den Blicken und Küssen der 237 schönen Knaben, die uns schlimmeres Gift als Skorpione und Spinnen einzuflößen imstande sind.
§ 121
1. Auch Antisthenes sagt, er wolle lieber wahnsinnig sein, als sich der Lust hingeben, und Krates von Theben sagt: „Diese beherrsche mit Macht, stolz auf die eigene Art! Nimmermehr lasse von Goldschmuck dich knechten und nicht von der Liebe Zehrender Macht und nicht von der Frevellust, die sie begleitet!“ Und schließlich fügt er noch hinzu: „Da sie von sklavischer Lust nicht geknechtet und nimmer besiegt sind, Lieben unsterbliche Herrschaft sie stets und lieben die Freiheit.“
2. Der nämliche schreibt in anderen Versen ganz offenherzig, gegen den unbezwingbaren Trieb nach Liebesgenuß sei das Heilmittel der Hunger, wenn dieser aber nichts wirke, die Schlinge.
3. Und dem Stoiker Zenon bezeugen die Lustspieldichter, daß er gute Lehren gab, auch wenn sie etwa so über ihn spotten: „Denn dieser treibt eine neue Art von Philosophie: Zu hungern lehrt er und gewinnt sich Schüler gar; Ein Brot, als Zukost Feigen, Wasser als Getränk.“
§ 122
1. Diese alle stehen in der Tat nicht an, den aus der Gottesfurcht erwachsenden Nutzen zuzugestehen. Die wahre und durchaus vernünftige Weisheit aber, die sich nicht auf leere Worte und Orakelsprüche verläßt, sondern auf unverwundbare Schutzwaffen und kräftige 238 Verteidigungsmittel, nämlich auf die göttlichen Gesetze, und die durch Übung und Selbstzucht nach Gottesfurcht strebt, gewinnt göttliche Kraft entsprechend dem ihr von dem Logos eingehauchten Teil ihres Wesens.
2. So heißt es auch von der Aegis des von dem Dichter besungenen Zeus, sie sei „Furchtbar, und ringsherum zieht sich am Rande überall Schrecken; Drauf ist der Streit, drauf Abwehr und drauf der blutige Ansturm; Drauf aber auch das gorgonische Haupt, des entsetzlichen Untiers, Furchtbar und gräßlich, ein Schreckbild des ägishaltenden Gottes.“
§ 123
1. Denen aber, die richtig durchschauen können, was wahrhaft Heil bringt, wird, wie ich meine, wohl nichts liebenswerter erscheinen als der Ernst des Gesetzes und als die Tochter des Gesetzes, die Gottesfurcht.
2. Wenn man aber von dem Gesetz sagt, daß es die Saiten zu hoch spanne, wie es auch der Herr gegen manche Leute tut, damit nicht einige, die ihm anhangen, einen unschönen und unmelodischen Klang ertönen lassen, so fasse ich das so auf, daß die Saiten nicht wirklich zu hoch gespannt sind, sondern nur für die, die das göttliche Joch nicht auf sich nehmen wollen, für die sind sie zu hoch gespannt; denn für die Kraftlosen und für Schwächlinge scheint das, was die richtige Mitte einhält, schon eine überstarke Anspannung, und für die Ungerechten das Gebührende eine Überspannung der Gerechtigkeit.
3. Denn alle Leute, die wegen ihrer eigenen Neigung zum Sündigen gern bereit sind, Nachsicht zu üben, halten die Wahrheit für Schroffheit und die Strenge für Grausamkeit und unbarmherzig den, der nicht mitsündigt und sich nicht mitverführen läßt.
§ 124
1. Richtig schreibt ja die Tragödie von Hades: „Zu welcher Art von Gott du kommst, das sag’ ich schnell: Der niemals Milde kennt und nichts von Gnade weiß, Der gar nichts andres kennt als nur das starre Recht.“
239 2. Denn wenn wir auch noch nicht imstande sind, das uns von dem Gesetz Gebotene zu tun, so können wir doch, wenn wir die herrlichen Vorbilder betrachten, die uns in ihm vor Augen gestellt sind, die Liebe zur Freiheit in uns nähren und steigern. Und auf diese Weise werden wir Nutzen daraus gewinnen, wenn wir unseren Kräften entsprechend das eine freudig begrüßen, das andere nachahmen, wieder anderes verabscheuen.
3. Denn auch die alten Gerechten, die nach dem Gesetze lebten, waren „Nicht von der Eiche, der altberühmten, und nicht von dem Felsen.“ Weil sie in echter Weise nach Weisheit streben wollten, hatten sie sich ohne Zögern Gott völlig geweiht und wurden zum Glauben (d.h. zu den Gläubigen) gerechnet.
§ 125
1. Trefflich sagte Zenon in bezug auf die Inder, er wolle lieber sehen, wie sich ein Inder langsam braten lasse, als alle Beweise über das Ertragen von Schmerzen hören.
2. Wir aber können jeden Tag mit unseren Augen reiche Quellen von Blutzeugen sehen, die verbrannt, gekreuzigt, enthauptet werden.
3. Diese alle erzog die von dem Gesetz ausgehende Furcht auf Christus hin und schulte sie, ihre Gottesfurcht auch mit ihrem Blute zu bewähren.
4. „Gott trat auf in der Versammlung der Götter, in ihrer Mitte wird er über Götter Gericht halten.“ Wer ist damit gemeint? Diejenigen, die Herren über die Lüste sind, die über ihre Leidenschaften siegen, die jedes einzelne, was sie tun, mit Verstand tun, die Gnostiker, die über die Welt Erhabenen.
5. Und zu wem sagt wieder der Herr: „Ich habe gesagt: Götter seid ihr und Söhne des Höchsten allesamt“? Zu denen, die, soweit es möglich ist, alles Menschliche von sich weisen.
6. Und der Apostel sagt: „Denn ihr lebt nicht mehr im Fleische, sondern im Geiste.“ Und wiederum sagt er: „Obwohl wir im Fleische sind, kämpfen wir nicht nach dem Fleische.“ Denn „Fleisch und 240 Blut können das Reich Gottes nicht erwerben, und das Vergängliche erbt nicht die Unvergänglichkeit.“ „Siehe aber, wie Menschen sterbt ihr“, hat der Geist gesagt, um uns zu beschämen.
§ 126
1. Wir müssen uns also darin üben, vor allem auf der Hut zu sein, was den Leidenschaften unterliegt, indem wir entsprechend der Lehre der wahren Philosophen die „zur Sinnlichkeit reizenden Speisen“ von uns weisen und ebenso die zügellose Ungebundenheit auf dem Lager und die Schwelgerei und die der Schwelgerei ergebenen Leidenschaften. Dies erscheint freilich den anderen als ein schwerer Kampf, uns aber nicht mehr; denn das größte Geschenk Gottes ist die Sittsamkeit.
2. „Denn er selbst hat gesagt: Ich will dich nicht verlassen noch versäumen“, da ich dich wegen deiner richtigen Wahl für würdig gehalten habe.
3. Wenn wir also in dieser Weise gottesfürchtig hinzuzugehen versuchen, so wird uns „das sanfte Joch des Herrn“ erwarten, indem ein einziger Wagenlenker jeden einzelnen von uns „aus Glauben zu Glauben“ je nach unseren Fortschritten zum Heile lenkt, damit uns die geziemende Frucht der Glückseligkeit zuteil werde.
4. Nach Hippokrates von Kos wird aber zu einer Übung der Gesundheit nicht nur des Leibes, sondern auch der Seele „Unermüdlichkeit in der Arbeit und Nichtübersättigung mit Nahrung“.