§ 41
1. Jedenfalls führt eine solche Furcht zur Reue und zur Hoffnung empor. Hoffnung ist aber die hoffnungsfrohe Erwartung von Gutem, solange das Gute noch nicht vorhanden ist. Aber auch die Neigung, sich der Reue zuzuwenden, gehört mit der Hoffnung zusammen, von der wir gelernt haben, daß sie zur Liebe hinführt.
2. Die Liebe 181 ((xxx) agapä) aber ist die Übereinstimmung im Reden und im Leben und im ganzen Wesen, oder kurz gesagt Lebensgemeinschaft oder Beständigkeit in der Freundschaft und in der Zärtlichkeit, verbunden mit dem richtigen Sinn im Umgang mit Genossen. Der Genosse ist aber ein zweites Ich. Darum nennen wir auch die durch den gleichen Logos Wiedergeborenen „Brüder“.
3. Nahe verwandt mit der Liebe ist auch die Gastfreundschaft, die eine liebenswürdige Gewandtheit im Umgang mit Fremden ist. Fremde aber sind die, denen die weltlichen Dinge fremd sind.
4. Denn unter weltlichen Menschen verstehen wir die, die ihre Hoffnung auf die Erde und auf die fleischlichen Begierden setzen. „Paßt euch“, sagt der Apostel, „nicht dieser Welt an, sondern gestaltet euch durch die Erneuerung eures Sinnes um, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene.“
5. Die Gastfreundschaft beschäftigt sich also mit dem, was für die Fremden nützlich ist; Fremde sind aber Leute, die aus der Fremde als Gäste zu uns kommen; solche Gäste sind aber die Freunde, und Freunde sind die Brüder. „Lieber Bruder“, sagt Homeros.
6. Die Menschenliebe aber, aus der auch die natürliche Zärtlichkeit hervorgeht und die in einem liebevollen Umgang mit Menschen besteht, und die Zärtlichkeit, die eine besondere Gewandtheit in der Erweisung von Liebe gegen Freunde und Verwandte ist, sind Begleiterinnen der Liebe.
§ 42
1. Wenn aber der wirkliche Mensch in uns der Geistesmensch ist, so ist Bruderliebe die Menschenliebe gegen diejenigen, die des gleichen Geistes teilhaftig sind. Das Liebhaben ist wiederum das Bewahren des Wohlwollens oder der herzlichen Gewogenheit; herzliche Gewogenheit ist aber ein völliges Wohlgefallen; und das Lieben ist ein Gefallenfinden am ganzen Wesen, wodurch 182 man sich zum anderen hinführen und von ihm anziehen läßt.
2. Man wird aber zum völligen Einssein geführt durch die Gleichheit des Denkens, die ein Wissen um gemeinsame Güter ist; denn auch die Gesinnungsgemeinschaft ist Übereinstimmung in den Ansichten.
3. Und „unsere Liebe“, so sagt der Apostel, „soll ungeheuchelt sein, und wir selbst wollen das Böse verabscheuen, indem wir am Guten festhalten und an der Bruderliebe “ und das folgende bis „wenn es möglich ist, so viel an euch liegt, mit allen Menschen Frieden haltend.“ Später sagt er: „Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde durch das Gute das Böse!“
4. Und den Juden muß der gleiche Apostel, wie er zugesteht, das Zeugnis geben, „daß sie Eifer um Gott haben, aber nicht mit dem richtigen Verständnis. Denn da sie Gottes Gerechtigkeit nicht kennen und ihre eigene Gerechtigkeit aufrichten (zur Geltung bringen) wollen, haben sie sich der Gerechtigkeit Gottes nicht untergeordnet.“
5. Denn sie kannten den Willen des Gesetzes nicht und erfüllten ihn nicht, sondern meinten, das, was sie selbst annahmen, das sei auch der Wille des Gesetzes. Und sie glaubten dem Gesetz nicht als einem dessen Wesen in Weissagung bestand, sondern nur dem bloßen Wortlaut; und sie folgten ihm aus Furcht, aber nicht aus innerer Überzeugung und aus Glauben. „Denn Ziel des Gesetzes ist Christus“, der durch das Gesetz Vorhergesagte „zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt.“
§ 43
1. Deshalb ist zu diesen (den Juden) von Moses gesagt worden: „Ich will euch eifersüchtig machen auf ein Volk, das kein Volk ist; auf ein unverständiges Volk will ich euch zornig machen“, nämlich auf ein Volk, das sich zum Gehorsam bereit hat finden lassen.
2. Und durch Jesaias sagt Gott: „Ich ließ mich von denen finden, die mich nicht suchten; ich offenbarte mich denen, die nicht nach mir fragten“, nämlich vor der Erscheinung des Herrn; nach dieser passen aber jetzt auch auf Israel jene Worte der Weissagung: „Ich streckte meine Arme den ganzen Tag aus nach einem ungehorsamen und widersprechenden Volk.“
3. Siehst du, wie als die Ursache der 183 Berufung aus den Heiden von dem Propheten ausdrücklich der Ungehorsam und das Widersprechen des Volkes angegeben ist? Dann zeigt sich aber die Güte Gottes auch diesen gegenüber.
4. Der Apostel sagt nämlich: „Aber durch ihre Verfehlung ist das Heil den Heiden zugefallen, damit sie eifersüchtig würden“ und sich zur Buße entschlössen.
5. Der „Hirte“ (des Hermas) aber bezieht das Wort einfach auf die Verstorbenen und weiß von manchen Gerechten unter den Heiden und unter den Juden nicht nur vor der Erscheinung des Herrn, sondern auch vor dem Gesetz entsprechend ihrem Gott wohlgefälligen Verhalten, wie Abel, wie Noah, wie mancher andere Gerechte.
§ 44
1. Er sagt wenigstens, daß die Apostel und Lehrer, die den Namen des Sohnes Gottes gepredigt hatten und in seiner Kraft und im Glauben an ihn entschlafen waren, den vor ihnen Entschlafenen gepredigt hätten.
2. Dann fügt er hinzu: „Und sie gaben ihnen das Siegel der Predigt; sie stiegen also mit ihnen in das Wasser hinab und stiegen wieder herauf. Aber sie selbst stiegen lebend hinab und stiegen wieder lebend herauf; jene aber, die vor ihnen entschlafen waren, stiegen tot hinab und stiegen lebend herauf.
3. Durch jene Männer wurden sie also lebendig gemacht und lernten den Namen des Sohnes Gottes kennen. Deshalb stiegen sie auch mit ihnen wieder herauf und fügten sich in den Bau des Turmes ein und wurden, obwohl sie unbehauene Steine waren, doch beim Bau mitverwendet; denn sie waren in Gerechtigkeit entschlafen und in großer Reinheit; nur dieses Siegel hatten sie noch nicht erhalten“.
4. „Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur die Forderungen des Gesetzes erfüllen, so sind sie, da sie das Gesetz nicht haben, sich selbst ein Gesetz“ nach den Worten des Apostels.
§ 45
1. Daß nun die Tugenden in enger Wechselbeziehung untereinander stehen, das braucht wohl nicht weiter erörtert zu werden, da ja bereits gezeigt wurde, daß sich 184 der Glaube auf Buße und Hoffnung, die Vorsicht aber auf Glauben gründet und daß die in ihnen sich bewährende Geduld und Übung zusammen mit dem Wissenserwerb in der Liebe ihr Ziel findet und diese wieder durch die Erkenntnis zu Vollkommenheit gelangt.
2. Aber jenes muß man notwendigerweise kurz erwähnen, daß man sich allein die Gottheit als von Natur aus weise vorstellen darf; deswegen ist auch die Weisheit, die die Wahrheit lehrte, eine Kraft Gottes; und hier ist wohl auch die Vollendung der Erkenntnis gewonnen worden.
3. Es schätzt und liebt die Wahrheit der Philosph, der zuerst ihr wahrer Diener ist, aber wegen seiner Liebe zu ihr alsbald als ihr Freund angesehen wird.
4. Der Anfang der Philosophie ist aber das Staunen über die Dinge wie Platon im Theaitetos sagt und ebenso Matthias, wenn er in seinen Überlieferungen ermahnt: „Staune über das Gegenwärtige!“ indem er dies als die erste Stufe zu der über das Irdische hinausgehenden Erkenntnis vorausssetzt.
5. Ähnlich steht auch in dem Hebräerevangelium geschrieben: „Wer staunte, wird König werden; und wer König wurde, wird zur Ruhe kommen.“
6. Es ist also unmöglich, daß der Unwissende. solange er unwissend bleibt, nach Weisheit strebt; als einer, der noch keinen Begriff von der Weisheit gewonnen hat, da die Philosophie das Streben nach dem wahrhaft Seienden und nach den auf dieses hinzielenden Wissenschaften ist.
7. Und wenn auch manche ihre Tatkraft gut ausgebildet haben, so müssen sie sich doch auch noch darum bemühen, zu verstehen, wie man sie zu verwenden und wie man zu handeln hat. So wird man auch Gott ähnlich, ich meine Gott dem Heiland, indem man dem Gott des Weltalls durch den hohenpriesterlichen Logos Ehre erweist, durch den das wahrhaft Schöne und Gerechte geschaut 185 wird; denn Frömmigkeit ist ein Handeln, das Gottes Willen folgt und ihm entspricht.