§ 32
1. Die aber die Furcht anklagen, greifen das Gesetz an, wenn aber das Gesetz, dann offenbar auch den, der das Gesetz gegeben hat, Gott. Denn notwendigerweise ist bei jedem Gegenstand dreierlei vorhanden: der Anordnende, die Anordnung, das, dem die Anordnung gilt.
2. Wenn sie nun, wie wir einmal annehmen wollen, das Gesetz beseitigten, so ist doch wohl die notwendige Folge, daß jeder, der sich von seiner Begierde treiben läßt, der Lust frönt und sich nichts um das richtige Verhalten kümmert, das Göttliche verachtet, zugleich gottlos ist und ohne Scheu Unrecht tut, da er von der Wahrheit abtrünnig geworden ist.
3. Allerdings, sagen sie, aber die Furcht ist ein unvernünftiges Ausweichen und eine Gemütsbewegung. Was sagst du? Und wie sollte diese deine Begriffsbestimmung aufrechterhalten werden können, da mir doch das Gebot durch den Logos gegeben ist; das Gebot gibt Verbote und läßt die Furcht drohend über dem Haupt der Menschen schweben zum Zweck der Erziehung derer, die auf diese Weise gewarnt werden können.
4. Also ist die Furcht nicht unvernünftig; jedenfalls rührt sie vom Logos her (sie ist (xxx) logikos). Wie sollte das auch anders sein, da sie doch gebietet: „Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis geben!“ Wenn sie aber mit den Bezeichnungen ganz genau verfahren wollen, so mögen die Philosophen die mit dem Gesetz verbundene Furcht Vorsicht ((xxx) eulabeia) nennen, was ein vernünftiges Ausweichen ist.
§ 33
175 1. Wortfechter nannte solche Leute nicht unpassend Kritolaos von Phaselis. Fein und ganz vortrefflich erscheint nunmehr unseren Gegnern das Gebot, wenn man es entsprechend der veränderten Bezeichnung aufaßt.
2. Die Vorsicht erweist sich als vernünftig, da sie ein Ausweichen vor dem Schädlichen ist; aus ihr erwächst die Reue über die früher begangenen Verfehlungen. „Denn Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn, und Einsicht ist gut für alle, die sich um sie bemühen.“ Er meint die Bemühung um die Weisheit, was eben die Gottesfurcht ist, die den Weg zur Weisheit bahnt.
3. Wenn aber das Gesetz Furcht bewirkt, so ist Anfang der Weisheit Kenntnis des Gesetzes, und ohne das Gesetz gibt es keinen, der weise wäre. Unweise sind also, die das Gesetz ablehnen, woraus folgt, daß man sie als gottlos ansehen muß.
4. Zucht aber ist der Weisheit Anfang. „Weisheit aber und Zucht werden die Gottlosen verachten“, sagt die Schrift.
§ 34
1. Nun wollen wir betrachten, worin das zu Fürchtende besteht, das das Gesetz verkündet. Wenn es sich dabei um die Dinge handelt, die zwischen Tugend und Laster in der Mitte liegen, wie Armut, Krankheit, Verachtung, Unehre und Ähnliches, so drohen damit doch auch die staatlichen Gesetze und werden deswegen gepriesen; und wenn die Anhänger der Peripatetischen Philosophie drei Arten von Gütern aufführen und das Gegenteil für Übel halten, so stimmt diese Anschauung damit überein.
2. Das uns gegebene Gesetz aber gebietet uns, die wirklichen Übel zu meiden, Ehebruch, Wollust, Knabenliebe, Unwissenheit, Ungerechtigkeit, die Krankheit der Seele, den Tod, nicht den, der die Seele vom Körper scheidet, sondern den, der die Seele von der Wahrheit trennt; denn schrecklich und wirklich zu fürchten sind diese Übel und die von ihnen ausgehenden Wirkungen.
3. „Nicht mit Unrecht werden den Vögeln Netze gespannt“, sagen die göttlichen Sprüche, „denn sie selbst tragen 176 Blutschuld und sammeln sich selbst Übel.“
4. Wie kann da das Gesetz noch von einigen Irrlehrern als nicht gut erklärt werden, die sich dafür auf das Wort des Apostels berufen: „Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“? Ihnen entgegnen wir: das Gesetz hat die Sünde nicht bewirkt, sondern nur gezeigt; denn indem es gebot, was man tun soll, zeigte es auf, was man nicht tun darf.
5.Nur etwas Gutes ist aber imstande, das Heilbringende zu lehren und das Verderbliche aufzuweisen, und zu dem Gebrauch des einen zu raten und die Vermeidung des anderen zu befehlen.
§ 35
1. So sagte denn der Apostel, den sie nicht verstehen, daß die Kenntnis der Sünde durch das Gesetz offenbar gemacht worden sei, nicht, daß die Sünde durch das Gesetz ihr Dasein gewonnen habe.
2. Wie sollte aber das erziehende Gesetz nicht gut sein, das uns als “Erzieher auf Christus” gegeben wurde, damit wir uns bekehren, indem wir uns durch die Furcht erziehen und auf die durch Christus gegebene Vollendung hinlenken lassen?
3. “Ich will nicht”, so heißt es, “den Tod des Sünders, sondern vielmehr seine Sinnesänderung.” Diese Sinnesänderung wird aber durch das Gebot herbeigeführt, das von dem abhält, was man nicht tun soll, und befiehlt, Gutes zu tun.
4. Als “Tod”, meine ich, bezeichnet er die Unwissenheit; und “Wer dem Herrn nahe ist, der ist voll von Geißelhieben.” Damit ist offenbar gemeint, daß jeder, der sich der Erkenntnis nähert, wegen seiner Sehnsucht nach der Wahrheit Gefahren, Schrecknisse, Schmerzen, Drangsale zu schmecken bekommt. “Denn ein Sohn, der gezüchtigt worden ist, wird weise, und aus dem Brande wird ein verständiger Sohn gerettet, und ein verständiger Sohn wird Gebote annehmen.”
5. Und der Apostel Barnabas führt zuerst den Satz an: Wehe denen, die bei sich selbst klug und in ihren eigenen Augen verständig sind!“ Dann fährt er fort:”Laßt uns Geistesmenschen werden, ein vollkommener Tempel für Gott! Soweit es uns möglich ist, wollen wir uns der Gottesfurcht befleißigen und darnach ringen seine 177 Gebote zu halten, auf daß wir uns seiner Rechte freuen.“ Daher sagt das Wort Gottes:”Der Weisheit Anfang ist die Furcht Gottes."