§ 131
245 2. [sic; s.o.] Der Philosoph Platon dagegen erklärt, das höchste Ziel sei zweierlei Art, das eine, an dem man Anteil haben könne; dies sei das erste und in den Ideen selbst vorhanden; dies nennt er auch das Gute; das andere, das an ihm Anteil habe und die Ähnlichkeit von ihm annehme; dies sei bei den Menschen zu finden, die sich um den Besitz der Tugend und der wahren Philosophie bemühen.
3. Deshalb sagt auch Kleanthes in dem zweiten Buch „Über die Lust“, Sokrates habe bei jeder Gelegenheit gelehrt, der nämliche Mensch sei gerecht und glücklich, und den verwünscht, der zuerst das Gerechte von dem Nützlichen unterschieden habe, weil er damit eine gottlose Tat begangen habe; denn in der Tat sind die gottlos, die das Nützliche von dem nach dem Gesetze Gerechten trennen.
4. Und Platon selbst sagt, mit Glück ((xxx) eudaimonia) sei gemeint, daß es einem hinsichtlich seines Dämons gut gehe ((xxx) to eu ton daimona echein), mit Dämon aber sei die beherrschende Kraft in unserer Seele gemeint; das Glück aber nennt er das vollkommenste und völligste Gut.
5. Manchmal nennt er es aber auch ein in sich übereinstimmendes und harmonisches Leben und manchmal die höchste Vollkommenheit in der Tugend; diese setzt er aber in das Wissen vom Guten und in das Gott Ähnlichwerden, indem er als Ähnlichwerden bezeichnet, „daß man gerecht und fromm und dazu verständig wird.“
6. Fassen nun nicht manche von den Unsern die Sache so auf, daß der Mensch das „nach seinem Bilde“ sofort bei seiner Entstehung bekommen habe, daß er dagegen das „nach seiner Ähnlichkeit“ erst später zur Zeit der Vollendung erhalte?
§ 132
1. Wenn nun Platon lehrt, daß sich dieses Ähnlichwerden bei dem Tugendhaften mit demütiger Gesinnung vollziehen werde, so gibt er damit eine Deutung jenes 246 Bibelwortes: “Wer sich selbst demütigt, wird erhöht werden.”
2. Er sagt jedenfalls in den Gesetzen: “Der Gott, der, wie auch ein alter Spruch sagt, Anfang und Mitte und Ende aller Dinge umfaßt, geht immer den geraden Weg, weil er der Natur gemäß eine Bahn wandelt; und ihn begleitet stets die Gerechtigkeit und vollzieht die Strafe an denen, die vom göttlichen Gesetz abweichen”.
3. Siehst du, wie auch er mit dem göttlichen Gesetz Furcht verbindet? Nun fügt er hinzu: “An diese Gerechtigkeit muß sich halten, wer glücklich werden will, und ihr demütig und in Sittsamkeit folgen.”
4. Nachdem er darauf die Folgerungen daran angeknüpft und durch die Furcht gewarnt hat, fährt er fort: "Welche Handlungsweise ist nun Gott wohlgefällig und eine Nachfolge Gottes? Nur eine einzige, und zwar die, die dem alten Sprichwort entspricht, daß gleich und gleich sich gern gesellt und miteinander befreundet ist, wenn es wenigstens das richtige Maß in sich trägt, während sich das, was das rechte Maß überschreitet, weder mit seinesgleichen noch mit dem Maßvollen befreunden kann. Wer also Gott wohlgefällig werden will, der muß notwendigerweise nach allen Kräften soweit als immer möglich auch selbst so beschaffen werden wie Gott.
§ 133
1. Und entsprechend dieser Sachlage ist der von uns Gott wohlgefällig, der sittsam ist; denn er ist Gott ähnlich; wer aber nicht sittsam ist, der ist ihm unähnlich und steht im Gegensatz zu ihm."
2. Wenn er diese Anschauung als alt bezeichnete, so wollte er damit andeuten, daß die Lehre aus dem Gesetze zu ihm gekommen sei.
3. Und im Theaitetos gibt er zunächst zu, es sei unvermeidlich, daß die Übel ihr Wesen bei der sterblichen Natur und auf dieser Erde haben, und dann fährt er fort: “Deshalb muß man auch versuchen, von hier unten so schnell wie möglich nach oben zu entfliehen; die Flucht besteht aber darin, daß man Gott, soweit es möglich ist, ähnlich wird; das Ähnlichwerden ist aber ein gerecht und fromm und dazu verständig werden.”
4. Und Speusippos, der Neffe Platons, sagt, die Glückseligkeit bestehe in einem vollkommenen Verhalten in dem Naturgemäßen oder in einem 247 dem Guten entsprechenden Verhalten; dies sei ein Zustand, nach dem zwar alle Menschen Verlangen trügen, aber nur den Guten gelinge es, das Ziel der ungestörten Ruhe zu erreichen. Die Tugenden aber sind es wohl, die die Glückseligkeit herbeiführen können.
5. Und Xenokrates von Chalkedon bestimmt die Glückseligkeit als den Besitz der jedem einzelnen zugehörenden Tugend und der Fähigkeit, ihr zu dienen.
6. Dann zeigt es sich, daß er die Seele als den Ort meint, in dem die Glückseligkeit entsteht, die Tugenden als das, wodurch sie entsteht, dagegen die wackeren Taten und die treffliche Haltung und Anlage und Bewegung und Stellung als das, was ihre Teile bildet, und schließlich die körperlichen Verhältnisse und die äußeren Umstände als das, was dabei unentbehrlich ist.
7. Ferner Polemon, der Schüler des Xenokrates, hat, wie es scheint, die Ansicht, die Glückseligkeit bestehe darin, daß man alle Güter in sich selbst finde, oder doch die meisten und größten. Er stellt wenigstens den Satz auf, daß es ohne Tugend nie Glückseligkeit geben könne, daß dagegen die Tugend ohne die körperlichen Vorzüge und die äußeren Güter für sich allein für die Glückseligkeit ausreichend sei.
§ 134
1. Dabei wollen wir es bewenden lassen. Die Einwände gegen die vorgeführten Lehren werden zur rechten Zeit vorgebracht werden. Uns selbst ist aber bestimmt, zu dem Ende, das ohne Ende ist, zu gelangen, wenn wir den Geboten, d.h. Gott, gehorchen und durch die Erkenntnis des göttlichen Willens untadelig und verständig nach ihnen leben.
2. Und höchstes Ziel ist für uns, daß wir dem wahren Gotteswort so viel wie möglich ähnlich werden und durch den Sohn in die vollkommene Kindschaft aufgenommen werden, die immer den Vater durch den großen Hohenpriester preist, der uns des Namens „Brüder“ und „Miterben“ gewürdigt hat.
3. Und der Apostel faßt die Beschreibung des höchsten Zieles in dem Brief an die Römer kurz in die Worte zusammen: „Jetzt aber, da ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden seid, 248 habt ihr als eure Frucht die Heiligung und als letztes Ende das ewige Leben.“
4. Da er aber wußte, daß es zweierlei Hoffnung gibt, die eine, deren Erfüllung man noch erwartet, und die andere, deren Erfüllung man schon erhalten hat, lehrt er nunmehr als Ziel die Erfüllung der Hoffnung: „Denn die Geduld“, sagt er, „(bewirkt) Bewährung und die Bewährung Hoffnung; die Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben wurde.“ Wegen dieser Liebe erfolgt auch die Wiedereinsetzung in die Hoffnung, die er an einer anderen Stelle Ruhe nennt, die für uns aufbewahrt sei.
§ 135
1. Ähnliche Gedanken findet man auch bei Ezechiel in folgenden Versen: „Die Seele, die sündigt, wird sterben. Und der Mensch, der gerecht ist und Recht und Gerechtigkeit übt, nicht auf den Bergen ißt und seine Augen nicht zu den Götzenbildern des Hauses Israel erhebt und das Weib seines Nächsten nicht antastet und sich einem Weibe nicht während seiner monatlichen Reinigung nähert“ (denn er will nicht, daß der Same des Menschen in Frevelmut vergeudet werde) „und keinem Menschen“, sagt er, „Übles tut und das Pfand des Schuldners zurückgibt und keinen Raub begeht, sein Brot dem Hungernden gibt
2. und den Nackten bekleidet, sein Geld nicht auf Zinsen ausleiht und keinen Wucher nimmt und von der Ungerechtigkeit seine Hand abwendet und ein gerechtes Urteil fällt zwischen einem Mann und seinem Nächsten, in meinen Geboten wandelt und meine Rechtssatzungen wahrt, um nach der Wahrheit zu handeln, der ist gerecht und wird am Leben bleiben, sagt Gott, der Herr.“
3. Und Jesaias ermahnt den Gläubiggewordenen zu reiner Lebensführung und den Träger der Erkenntnis (den Gnostiker) zu aufmerksamer Betrachtung und sagt, um festzustellen, daß die Tugend des Menschen von der Gottes verschieden sei:
4. „Suchet den Herrn, und wenn ihr ihn findet, ruft ihn an! Und wenn er euch naht, dann verlasse der Gottlose seine Wege, und wer gegen das Gesetz gehandelt hat, verlasse seine Pfade und bekehre sich zu dem Herrn, dann wird er Erbarmen 249 finden“ bis zu den Worten „und eure Gedanken von meinem Denken.“
§ 136
1. „Wir erwarten“ nun nach dem Apostel „aus Glauben die Hoffnung auf die Gerechtigkeit. Denn in Christus vermag weder Beschneidung etwas noch Unbeschnittensein, sondern nur der Glaube, der durch Liebe tätig ist. “
2. „Wir wünschen aber, daß jeder einzelne von euch den gleichen Eifer zeige für die Gewißheit der Hoffnung“ bis zu den Worten „der nach der Ordnung Melchisedeks Hoherpriester geworden ist in Ewigkeit.“
3. Das gleiche wie Paulus sagt auch die tugendreiche Weisheit: „Wer auf mich hört, wird sein Zelt auf Hoffnung getrost aufschlagen“. Denn die Erfüllung der Hoffnung wird auch mit dem gleichen Wort selbst Hoffnung genannt.
4. Deshalb hat er dem Ausdruck „er wird sein Zelt aufschlagen“ sehr schön das Wort „getrost“ hinzugefügt, indem er zeigen wollte, daß ein solcher zur Ruhe gekommen ist, nachdem er das erhalten hat, worauf er gehofft hatte. Deshalb fährt er auch fort: „Und er wird Ruhe haben, frei von Furcht vor allem Übel.“
5. Und der Apostel sagt in dem ersten Brief an die Korinther geradezu ausdrücklich: „Werdet meine Nachahmer, wie ich Nachahmer Christi geworden bin!“ damit sich folgendes ergebe: Wenn ihr mich nachahmt und ich Christus, so werdet also ihr Nachahmer Christi, Christus ist aber Gottes Nachahmer.
6. Er nimmt also als Ziel des Glaubens an, „daß man Gott, soweit es möglich ist, ähnlich und gerecht und fromm und zugleich auch verständig werde“, als höchstes Ziel aber die auf Grund des Glaubens gewährte Erfüllung der Verheißung. Hieraus sind also die Quellen für die entsprungen, die die früher genannten Lehren über das höchste Ziel aufgestellt haben. Aber hiervon nun genug!