ihr besonderer Vorzug. Die unbeschreibliche Fülle des Lebens in den Wassern. Die Wassertiere im gewissen Sinn ‘Reptilien’.
§ 1
165 Schon prangte das ganze Festland im Gewande mannigfaltigen Grünes, schon erstrahlte desgleichen der Himmel im Glanze der Sonne und des Mondes, der beiden Augen seines Antlitzes, sowie der Sternenpracht: Noch erübrigte das dritte Element, nämlich das Meer, daß auch ihm der Segen des Lebens durch Gottes Geschenk würde. Vom Lufthauch genährt, regten sich alle Keime auf dem Festlande, die Erde löste jegliche Samen auf und weckte sie zum Leben und sproßte dank ihrer Belebung am üppigsten gerade damals, da zum ersten Mal das Wort Gottes sie aufblühen hieß: Nur das Wasser stand noch leer und schien der Spende aus Gottes schaffender Hand entraten zu müssen. Noch verfügte indes der Schöpfer über eine Ausstattung, die er ihm verliehen, durch die er die Gabenfülle des Festlandes aufwägen wollte. Auch dem Wasser wahrte er das Anrecht auf einen besonderen und einzigartigen Vorzug in der Ausstattung, die ihm verliehen wurde. Wohl erzeugt zuerst das Festland Leben, doch nur in Wesen ohne atmende Seele: Das Wasser aber bringt auf Gottes Geheiß Erzeugnisse hervor, ausgezeichnet mit der Kraft und Würde einer lebendigen Seele und ausgestattet mit dem Instikte zum Schutze des Lebens und zur Vermeidung des Todes.
§ 2
166 Es sprach also Gott: „Es sollen hervorbringen die Wasser die kriechenden Tiere mit lebendiger Seele nach ihrer Art und die Vögel, daß sie hinfliegen an der Veste des Himmels“. Der Befehl erging und mit einem Mal öffnete sich der Schoß des Wassers zu den Erzeugungen, die anbefohlen waren: Es gebaren die Flüsse, es zeugten die Seen, selbst das Meer begann kreißend die verschiedenen Arten der kriechenden Tiere hervorzubringen und, was immer es geformt hatte, nach seiner Art zeugend ins Dasein zu setzen. Kein Tümpel so klein, kein Sumpf so morastig, daß sie leer geblieben wären, daß sie nicht alle vielmehr die ihnen verliehene Zeugungskraft genutzt hätten. Da hüpften Fische aus dem Flusse auf, Delphine spielten, den Reigen eröffnend in den Fluten, Purpurschnecken hingen an den Felsenriffen, Austern in den Tiefen, Echinen wuchsen heran weh mir! : vor dem Menschen schon fängt der Sinnenreiz, der Vater unserer Völlerei, vor dem Menschen schon fangen die Leckerbissen an! Des Menschen Verführung regt sich früher denn das Menschengeschöpf. Doch nicht die Natur trifft irgendwelche Schuld. Nur Nahrung bot sie, nicht sündhaften Mißbrauch gebot sie. Allen mitsammen reichte sie dieselbe dar, daß du dir nicht das eine und andere als dein Eigen anmaßest. Für dich bringt das Festland seine Früchte hervor, für dich erzeugen die Wasser Skarus und Azipenser und ihre sonstigen Erzeugnisse alle. Und damit nicht zufrieden, kostetest du von verbotener Speise! Dir zum Unheil bietet alles sich in Fülle, um die Sündenlast deiner Gier zu häufen.
§ 3
Doch wir vermögen nicht einmal die vielen Arten und Namen der Wesen aufzuzählen, die alle im Augenblick des göttlichen Schöpfungsbefehles ins Leben gerufen wurden. Gleichzeitig nahm der Leib seine Gestalt an und trat das animalische Prinzip in Wirksamkeit 167 und mit ihm eine Art vitale Lebenskraft. Bedeckt war das Festland von sprossendem Grün, das Meer wurde erfüllt von lebenden Wesen. Dort erblüht üppiges vegetatives, hier regt sich animalisches Leben. Sogar am Festlande verlangt sich das Wasser seinen Anteil: Es beschnuppern die Fische im Wasser das Land und holen sich Beute daraus;desgleichen machen Schnaken und Frösche sich vernehmlich am Rande ihrer heimischen Sümpfe: auch sie haben des Herrn Befehl vernommen, da er sprach: „Es sollen hervorbringen die Wasser die kriechenden Tiere mit lebendiger Seele“.
§ 4
Reptilien [Kriechtiere] nennt man, wie wir wissen, die verschiedenen Arten von Schlangen, weil sie über der Erde dahinkriechen. Doch in viel höherem Grade hat jedes Schwimmtier das Aussehen und die Natur eines Reptils. Denn wenn sie auch beim Untertauchen in die Tiefe das Wasser durchschneiden, schlängeln sie sich doch beim Schwimmen an der Oberfläche mit dem ganzen Körper dahin und ziehen letzteren gleichsam über dem Rücken des Wassers nach sich. Darum ruft auch David aus: „Das ist das Meer, das große und weite; darin Kriechtiere ohne Zahl“. Noch mehr. Viele derselben haben Füße und gebrauchen sie zum Gehen, indem sie Amphibien sind, die teils im Wasser, teils auf dem Lande leben, wie die Robben, die Krokodile, die Flußpferde, Nilpferde genannt, weil sie im Nilstrom zur Welt kommen: dennoch wandeln sie nicht, wenn sie sich an der Oberfläche des Wassers aufhalten, sondern schwimmen, und bedienen sich des Fußes nicht zum Gehen, sondern wie eines Ruders zum Gleiten. Auch das Schiff gleitet ja, vom Ruderschlag bewegt, dahin, und sein Kiel durchfurcht die Wasser.