Die furchtbaren Walungeheuer daselbst. Die Schätze des Meeres: Marmorwänden gleiche Salzlager, Korallen und Perlen. Goldvließ und Purpur. Die Vorzüge der Schiffahrt. Jonas im Bauche des Fisches Christi Vorbild.
§ 32
Wir wollen nun den Schritt nach dem Atlantischen Meere lenken. Welche Walungeheuer von unermeßlicher Größe daselbst! Man möchte sie, wenn sie dann und wann an der Oberfläche des Wassers schwimmen, für wandelnde Inseln halten, für gewaltige hohe Berge, die mit ihrer Spitze gen Himmel ragen. Nicht an Küsten und Gestaden, sondern in der Tiefe des Atlantischen Meeres sollen sie zu sichten sein [so furchtbar], daß Schiffer auf ihren Anblick von dem Wagnis abstehen, nach jenen Stellen hinauszusegeln, und ohne 194 die äußerste Todesgefahr sich nicht in die verborgenen Fernen des Elementes hinauszusteuern getrauen.
§ 33
Doch auch wir wollen jetzt aus der Tiefe des Meeres heraufsteigen, unser Wort soll eine Weile auftauchen und sich zur Höhe richten. Betrachten wir, was vielen ein gewohnter Anblick voll Anmut ist, wie nämlich Wasser in feste Salzmasse sich wandelt, so daß es oft mit Eisen behauen wird gar nichts Ungewöhnliches bei den britischen Salzlagern, die wie harter Marmor im schneeweißen Schimmer des Gesteins glänzen: eine gesunde Würze für die leibliche Speise und für den Trank überaus schmackhaft. [Betrachten wir desgleichen, wie die nicht unschöne Koralle im Meere, eine Pflanze ist, an die Luft versetzt aber zu festem Gestein kristallisiert; woher ferner die kostbare Perle stammt, welche die Natur in die Muscheln einbettete; wie das Meerwasser sie in der so weichen Fleischmasse verhärtete. Schätze, wie sie kaum bei Königen zu finden sind, liegen wie wertlose Dinge offen an den Gestaden und lassen sich an rauhen Felsen und Riffen auflesen. Auch goldenes Vließ erzeugt das Meer, und Wolle nach Art des genannten [Gold]Metalles bringen die Küsten hervor, und noch keiner der Meister, die mit verschiedenen Farbstoffen die Fälle färben, vermochten seine Farbe nachzuahmen. So wenig versteht menschlicher Fleiß, die über den Naturbereich des Meeres ausgegossene Schönheit vollendet wiederzugeben! Wir wissen, welche Sorgfalt die Herstellung der Vließe, auch der minder kostbaren, verlangt: und ob es die feinsten sind, sie haben keine angeborene Farbe. Dort haben wir Naturfarbe, der noch keine Kunstfarbe gleichtat. Auch in unserem Fall handelt es sich um eines Fisches Vließ. Aber auch die Purpurschnecken, die den Schmuck der Könige liefern, sind Seetiere.
§ 34
Und welcher Wiesenflor oder welche Gartenzier könnte wetteifern mit der Farbenpracht des blauen 195 Meeres? Goldig mögen auf den Wiesen die Blumen prangen: des Goldes Gefunkel im Meer strahlt die [purpurfarbene] Wolle wieder; jene welken rasch ab; diese hält sich lange Zeit. In den Gärten schimmern von weitem die Lilien, auf den Schiffen die Segel. Dort atmet Duft, hier Windeshauch. Welcher Nutzen liegt im Blatt! Wieviel Proviant liegt aufgespeichert in den Schiffen! Die Lilien fächeln der Nase Duft, die Segel dem Menschen Heil. Dazu hüpfende Fischlein, spielende Delphine. Dazu rauschende Wogen mit dumpfem Getöse. Dazu Schiffe, die zu den Gestaden eilen oder von den Gestaden kommen. Wenn ferner die Viergespanne aus den Schranken starten, mit welcher Begeisterung und Liebe folgen die Zuschauer dem Wettkampfe! Und doch läuft das Roß vergeblich, nicht vergeblich die Schiffe; jenes vergeblich, weil leer, diese nutzbringend, weil vollbeladen mit Getreide. Was gäbe es prächtigeres als die Schiffe? Nicht mit Schlägen werden sie vorwärts getrieben, sondern durch der Winde Wehen. Da gibt es keinen Partner, sondern lauter Gönner; da gibt es keinen Besiegten, wer immer ankommt, sondern nur Kränze für alle Schiffer, die glücklich landen; da winkt die Palme als Preis der glücklichen Fahrt, der Sieg als Lohn der Heimkehr. Denn welch großer Unterschied zwischen dem rechten und dem verfehlten Kurs! Ersterer wird ständig eingehalten, letzterer verlassen. Nimm dazu die von Rudern starrenden Ufer. Das Wehen vom Himmel gibt ihnen das Zeichen zur Abfahrt. Während nun die Wettfahrer eitlen Beifall ernten, lösen die Schiffer nach glücklicher Fahrt ihre Gelübde ein.
§ 35
Wie werde ich würdig über Jonas sprechen, den der Walfisch zum Leben aufnahm, dem Prophetenberuf zurückgab? Das Wasser brachte den zur Einsicht, den das Festland beirrt hatte, im Bauche des Fisches lobsang dem Herrn, der auf dem Festlande traurig verstummte. Damit es nicht an einem Hinweis auf die Erlösung beider 196 Elemente fehle, ging der Errettung [Ninives] auf dem Festlande die [des Jonas] im Meere voraus; denn das Zeichen des Jonas wurde das Zeichen des Menschensohnes. Wie jener im Bauche des Fisches lag, so Jesus im Herzen der Erde. Hier wie dort gab es Heil. Doch das Meer bot das größere Vorbild der Liebe; denn die Fische nahmen den auf, welchen die Menschen verwarfen, und erhielten am Leben, welchen die Menschen kreuzigten. Auch Petrus schwankte wohl auf dem Meere, aber er fällt nicht, und ein Bekenner in den Fluten, wird er doch ein Verleugner auf dem Festlande. Dort wird er als Frommgläubiger von [des Herrn] Hand erfaßt, hier trifft ihn als Gottvergessenen sein strafender Blick.
Doch laßt uns jetzt den Herrn bitten, daß unsere Rede wie Jonas ans Festland gesetzt werde, um nicht länger in der Salzflut zu treiben. Gut auch, daß eine Kürbispflanze aufgesprossen, deren Schatten uns von unserem bösen Tun weg aufnehmen mag. Doch gemahnt auch ihr Verdorren bei aufsteigender Sonne zur Ruhe, daß nicht der Geist uns zu vertrocknen beginne und selbst die Worte versagen. Soviel ist gewiß mehr als den Niniviten ward uns im [Tauf] Wasser Vergebung unserer Sünden zuteil.