des Menschen Hab und Genußsucht kennt keine Grenzen. Der Wanderzug einiger Fischarten nach dem Pontus und deren Rückkehr gemäß dem göttlichen Naturgesetz. Die wunderbare Kraft sowie die große Gefährlichkeit einiger Fischgattungen.
§ 26
Oder können wir uns desgleichen ohne Naturinstinkt bei den Fischen jene schöne, ständige Einrichtung denken, wonach jede Fischgattung ihre bestimmten Standorte hat, welche kein Individuum seiner Gattung verlassen, kein anderes betreten darf? Welcher Geometer steckte ihnen die Quartiere ab, deren Schranken zu keiner Zeit durchbrochen werden dürfen? Indes von einem ‘Erdmesser’haben wir gehört, von einem ’Meermesser’ haben wir niemals gehört. Und dennoch kennen die Fische das ihnen zugemessene Gebiet, nicht durch Stadtmauern und tore abgegrenzt, nicht durch Häuserbauten, nicht durch Feldraine abgesteckt: ein Gebiet nach Bedarf, so daß sich jede Fischgattung mit voviel Platz zu gegnügen hat, als sie bequem braucht, nicht als maßlose Habgier sich anmaßen möchte. Es ist das gleichsam ein Naturgesetz: soviel Erwerb, als zum Leben genügt, und ein Vermögensstand, der sich nach den Lebensbedürfnissen bemißt. Diese Fischgattung nun findet in jener Meeresbucht, jene in einer anderen ihre Nahrung und Fortpflanzung. So findet man denn die 188 verschiedenen Fischgattungen nicht vermischt vor, sondern die Gattung, die hier zahlreich vorhanden, fehlt hinwiwederum anderswo. Diese Meeresbucht hegt Kopffüßer, jene Seewölfe, jene Klippenfische, eine andere Heuschreckenkrebse [Squilliden]. Eine Freizügigkeit gibt es nicht, ohne daß jedoch die Möglichkeit hierzu etwa durch Bergvorsprünge abgeschnitten oder die Abwanderung durch einmündende Flüsse verhindert würde, vielmehr wohnt jedem Fische von Natur die Gepflogenheit inne, sich sozusagen an die heimischen Grenzen zu halten, und ein Hinausgehen über den bewohnten Bereich gilt für gefährlich.
§ 27
Wir entgegen huldigen ganz anderer Auffassung. Wir vertauschen das Vaterhaus mit der Fremde, sind seiner Bewohner satt, haschen nach der Gunst der Ausländer, rücken die unvordenklichen Grenzmarken, die unsere Väter absteckten, hinaus, „fügen Acker an Acker, Haus an Haus“. Das Festland reichte dem Menschen nicht mehr aus, auch die Meere werden überbaut, umgekehrt das Festland nach eines jeden Belieben eingeschnitten und das Meer dahin abgeleitet, um Inseln zu bilden, den Besitz auf das Meer auszudehnen. Man maßt sich über weite Meeresstrecken ein förmliches Eigentumsrechts an und rühmt sich,es seien einem die Fische rechtlich wie hausgeborenes Gesinde leibeigen unterworfen. Diese Meeresbucht, prahlt man, gehört mir, jene dem Nachbar. Es teilen sich die Vermöglichen in den Besitz der Elemente. Ihnen gehören die Austern, die in den Gewässern gezüchtet werden, ihnen der Fisch, der im Behälter aufbewahrt wird. Ihrer Völlerei genügte das Meer nicht einmal, besäßen sie dazu nicht aufgespeicherte Vorräte an Austern. Daher benennen sie dieselben nach Jahrgängen. Und sie bauen Fischteiche, [fürchtend] es möchte das Meer den vollen Bedarf für 189 das Mahl eines Prassers nicht liefern. Und der Nachbar! Wie klingt ihnen sein Name im Ohr! Wie schielt ihr Auge nach seinem Besitz! Wie sinnen sie Tag und Nacht, um nur etwas vom Nächsten zu ergattern! „Wollt ihr denn allein auf der Erde wohnen?“ ruft der Prophet aus. Der Herr weiß dies und bewahrt es auf zur Bestrafung.
§ 28
Wie fern liegt den Fischen räuberische Habgier. Jene aber haschen nach den verborgenen Schätzen der Natur und kennen über des Erdkreises Grenzen hinaus das Meer, das keine Inseln mehr unterbrechen, in das kein Land mehr eingebettet ist, über das hinaus keines mehr liegt. Dort nun, wo das endlos wogende Meer allem Spähen des Auges, aller Kühnheit gewinnsüchtigen Seefahrens die Grenze setzt, sollen die Wale hausen, jene unermeßlich großen Fischarten, deren Leiber nach dem Berichte von Augenzeugen Bergen gleichen. Dort verbringen sie ungestört ihr Leben, fernab von den Inseln, und nehmen, abgeschnitten von aller Berührung mit den Seestädten, jene Bezirke und Quartiere ein, die ihnen zugewiesen sind. Sie bleiben darin ohne angrenzendes Gebiet zu betreten und suchen nicht in unsteter Abwanderung die Standorte zu wechseln, hangen vielmehr sozusagen in Liebe dem heimatlichen Boden an und halten das Weilen darauf für süße Lust. Jene [Standorte] aber erkoren sie, um, ihr einsames Leben ungestört von Beobachtern hinbringen zu können.
§ 29
Gleichwohl gibt es einige Fischarten, die ihre Standorte wechseln, nicht aus Unbeständigkeit, sondern weil das Brutgeschäft es erheischt. Um nämlich zur rechten und festgesetzten Zeit hierfür Vorsorge zu treffen, sammeln sie sich wie auf eine gemeinsame Verabredung hin aus den zahlreichen Standorten und den verschiedenen Meeresbuchten, warten in Scharen geeint das Wehen des Nords ab und ziehen dann einem Naturgesetz folgend nach jenem Meere in den Mitternachtsgegenden. Man möchte sie, wenn man sie 190 hinaufziehen sieht, für eine Golfströmung halten, so stürmen sie voran und durchschneiden die Flut im gewaltigen Vorwärtsdrängen durch die Propontis zum Schwarzen Meere wallend. Wer bringt den Fischen Kunde von diesen Gegenden, bestimmt ihnen die Zeitpunkte? Wer gibt ihnen die Reiseroute, die Zugordnung, Ziel und Zeit der Rückkehr an? Die Menschen freilich haben ihren Herrscher, dessen Befehles man gewärtig ist, dessen Kommmando ergeht, dessen Edikte den Untertanen in den Provinzen bekannt gegeben werden, um sich einzufinden; den Kriegstribunen wird schriftlich Anweisung zugeschlossen und Termin gestellt: und doch vermögen so manche zu den festgesetzten Terminen nicht zu erscheinen. Welcher Beherrscher gab nun den Fischen Befehl? Welcher Lehrer gibt jene Anleitung? Welche Meßbehörde zeichnet die Route vor? Welche Führer weisen den Weg, daß jeder eintrifft, keiner fehlt? Doch ich erkenne, wer jener Herrscher ist, der kraft göttlicher Anordnung allen Wesen seinen Willen in den Sinn legt, der schweigend stummen Tieren ihre natürlichen Verhaltungsmaßregeln erteilt, der nicht bloß das Große durchdringt, sondern auch jenem Kleinsten sich mitteilt. Der Fisch gehorcht dem göttlichen Gesetze, und die Menschen lehnen sich dagegen auf. Der Fisch fügt sich jederzeit den himmlischen Anordnungen, und die Menschen schlagen Gottes Gebote in den Wind. Oder dünkt dir etwa der Fisch verächtlich, weil er stumm ist und keine Vernunft hat? Doch sieh zu, daß du dir nicht noch viel verächtlicher vorkommen mußt, wenn du als unvernünftiger denn ein unvernünftiges Tier betroffen wirst! Was wäre indes vernünftiger als jener Wanderzug der Fische, dessen Zweckmäßigkeit sie zwar nicht mit Worten dartun, aber durch ihr Tun ausdrücken? Sie ziehen nämlich deshalb zur Sommerszeit zum Schwarzen Meere, weil dieses Becken mehr Flußwasser besitzt als jedes andere. Denn es verweilt bei ihm die Sonne nicht solange in der Flut als bei den übrigen. So kommt es, daß sie nicht alles Süß und Trinkwasser absorbiert! Wer aber wüßte nicht, daß auch die 191 Seetiere gern an Süßwasser sich laben? Ziehen sie nun infolge dessen den Flüssen nach und deren Bett hinauf, werden sie häufig als fremde Fischarten gefangen. Schon dieser Grund macht ihnen den Pontus, bezw. das ständige Wehen des Nords daselbst, der die Hitze dämpft, annehmlicher; insbesondere aber halten sie ihn mehr als die übrigen [Meere] gheeignet zur Erzeugung und Aufzucht ihrer Brit darin. Weil aber die zarte Brut das rauhe Klima in der Fremde schwerlich ertragen könnte, während dort sanfte, milde Luft sie kost, daher treten sie nach Vollendung des Brutgeschäftes, alle gleichzeitig im gleichen Zuge, wie sie gekommen, den Heimweg an.
§ 30
Wir wollen nun diesen Grund noch genauer erwägen. Das Schwarze Meer ist dem heftigen Brausen des Nords und der übrigen Winde ausgesetzt. Wenn nun daselbst ein schwerer Orkan wütet, erheben sich stürmische Wogen, daß der Sand vom tiefen Grunde aufgewirbelt wird. Das zeigt auch die sandige Flut an. Da diese unter den Windstößen immer höher sich türmt, sodann auch immer schwerer wird, glauben nicht bloß die Schiffer, sondern zweifelsohne selbst die Tiere, im Meer sich nicht mehr halten zu können. Dazu kommt, daß einerseits zwahlreiche und mächtige Ströme in den Pontus sich ergießen, andererseits insbesondere der Pontus selbst zur Winterszeit eine allzu große und wegen der einmündenden Flüsse eisige Kälte aufweist. Deshalb pflegen die Fische, die genauen Kenner der Gewässer, wohl im Sommer daselbst das milde, kühlere Klima zu genießen, ziehen sich aber, wenn die Annehmlichkeit zu Ende geht, vor dem rauhen Winter zurück und eilen, die grimmige Kälte des Nordens fliehend, nach den übrigen Meeren, wo linde Winde sanfter wehen oder der Sonne milder Strahl Frühlingslüfte zu wecken pflegt. So kennt also der Fisch „die Zeit des Gebährens“, was schon Salomos Weisheit für ein großes Geheimnis klärte, kennt die Zeit der Hinund Rückkehr, kennt die Zeit des Verrichtens [Laichens] und des unsteten 192 Hin und Her, und weiß es, daß er sich nicht täuschen kann, weil er nicht Vernunfterwägung und wissenschaftlicher Begründung folgt,spondern dem natürlichen Instinkte, dem wahren Lehrer der Elternliebe. So haben überhaupt alle lebenden Wesen ihre bestimmte Brutzeit, nur der Mensch gebraucht sie unterschied und wahllos. Alle anderen Arten ziehen eine milde Zeit vor, nur die Frauen setzen der Milde vergessend ihre Kinder ins Dasein. Die Geschlechtslust, die keine Zeit und Entsagung im Zeugen kennt, hält eben auch keine Zeit im Gebären ein. Der Fisch durchwandert so große Meeresstrecken, um seiner Brut einigen Vorteil zu verschaffen, auch wir durchqueren weite Meeresflächen: doch wie unvergleichlich ehrenhafter ist, was aus Kindesliebe denn aus Geldgier unternommen wird! So muß denn jenen dier Durchquerung [des Meeres] als Pietät, uns als Gewinnsucht ausgelegt werden. Jene führen Kindersegen heim, teurer denn alle Handelsprodukte, wir bringen in schnöder Gewinnsucht Handelsware zurück, die nicht entfernt im Verhältnis steht zur Gefahr. So trachten jene nach der Heimat zurück, wir verlassen sie. Jenen mehrt sich, da sie das Meer durchschwimmen, das Geschlecht, uns verringert es sich, da wir es durchschiffen.
§ 31
Wer möchte nun leugnen, daß den Fischen von Gott solcher Instinkt und solche Kraft eingesenkt ward? Sieht er doch, wie die einen mit sicherem Instinkt den so regelmäßigen Wanderzug nach dem Norden zu Laichzwecken antreten, andere mit winzigem Körper ein so großes Maß von Kraft fassen, daß sie die größten, mit vollen Segeln eilenden Schiffe mitten im Wasser aufhalten. So soll ja das kleine Fischlein Echeneis mit so erstaunlicher Leichtigkeit einen Schiffskoloß zum Stehen bringen, daß man ihn wie angewachsen im Meere stocken und nicht mehr sich fortbewegen sieht; denn das Fischlein hält ihn für geraume Zeit unbeweglich fest. Oder glaubst du, es könne auch diesem die so erstaunliche Kraft ohne des Schöpfers Gabe eignen? Was 193 sollte ich die Schwertfische nennen oder die Sägefische oder die Seehunde oder die Wale oder die Hammerfische, was auch des Rochen Stachel, und zwar des toten? Wie nämlich nur der frischerlegte Rachen der Viper für den, der darauf tritt, noch schädlicher als Gift wirkt und dessen Wundgift unheilbar schleichen soll, so sagt man auch vom Rochen, er sei mit seinem Stachel tot gefährlicher denn lebend. Auch das Häschen, ein furchtsames Landtier, ein gefürchtetes Seetier, bringt schnelles Verderben, das sich nicht leicht abwenden läßt. Es wollte nämlich dein Schöpfer, daß du auch auf dem Meere nicht völlig sicher seiest vor nachstellenden Feinden, auf daß du wegen der nur wenigen Unheil drohenden Gefahren, gleichsam auf dem Wachtposten stehend. stets mit den Waffen des Glaubens und dem Schilde der Frömmigkeit gegürtet, von deinem Herrn des Heiles Schutz erhoffest.