Einteilung der Vogelarten: Raubvögel, Zugvögel, zahme Vögel, Singvögel. Sonstige Unterschiedlichkeiten.
§ 45
Passend folgte auf die Beschreibung der Fische die Besprechung derjenigen Vögel, die gewöhnlich im Wasser sich aufhalten; denn auch sie erfreuen sich gleicherweise der Gepflogenheit und Funktion des Schwimmens. Darum scheint auch die erste Verwandtschaft zwischen diesen Vögeln und den Fischen darin zu 203 liegen, daß beiden Gattungen gemeinsam das Schwimmen eignet. Noch eine zweite Verwandtschaft der Vögel und Fische besteht insofern, als die Flugbewegung eine Art Schwimmbewegung ist. Wie nämlich der Fisch schwimmend das Wasser durchschneidet, so teilt der Vogel raschen Flugs die Luft. Und beiden Gattungen dient gleicherweise Schwanz und Flügel [Flossen] als Ruder. So schwingen sich die Fische mit den Flossen nach vorne zur Höhe und dringen vor bis zum äußersten Rand, steuern desgleichen mit der Schwanzflosse, wohin sie wollen, oder nehmen wie im Anlauf den Weg über ihren Bereich hinaus. Und auch die Vögel schwimmen mit ihren Fittichen wie im Wasser in der Luft und breiten sie wie Flossen aus, schwingen sich ebenso zur Höhe auf oder tauchen zur Tiefe nieder. Weil sonach in mancher Beziehung Lebensbrauch und art sich gleichen, nahmen beide Gattungen auf Gottes Befehl ihre Entstehung aus dem Wasser.Es sprach nämlich Gott: „Es sollen hervorbringen die Wasser die kriechenden Tiere mit lebendiger Seele nach ihrer Art und die Vögel, daß sie an der Veste des Himmels dahinfliegen nach ihrer Art“. Nicht mit Unrecht also ist, da beide Gattungen aus dem Wasser hervorgebracht wurden, auch beiden das Schwimmen eigentümlich.
§ 46
Während freilich die schlüpfrige Hausschlange und alle übrigen Schlangen davon hat ja die Schlange ihren Namen, daß sie nicht gehen, sondern nur sich schlängeln kann , auch die Wasserschlangen ebenso wie die Fische keine Füße haben, entbehrt keine Vogelart der Funktion derselben; denn alle beziehen ihre Nahrung von der Erde und bedienen sich darum der Füße als Stelzen, indem sie solches Dienstes zur Nahrungssuche benötigen. So sind auch die einen Vögel mit Krallen bewaffnet zum Rauben, wie Habicht und Adler, die auf räuberische Jagd ausgehen, andere gebrauchen und benützen sie zweckdienlich zum Gehen oder zur Beschaffung der Nahrung.
§ 47
204 Die Bezeichnung ’Vögel` ist nur eine, doch die Arten sind verschieden. Und wer könnte diese mit dem Gedächtnis oder dem Verstande beherrschen? So gibt es Vögel, die sich von Fleisch nähren. Sie haben darum, weil sie von Raub leben, scharfe Krallen, krummen spitzen Schnabel und schnellen Flug, um die Beute, nach der sie fahnden, leicht erhaschen und rasch mit dem Schnabel oder den Krallen zerfleischen zu können. Es gibt auch Vögel, die sich vom Samen, den sie finden, andere, die sich von verschiedenartiger Speise, auf die sie zufällig stoßen, nähren. Sie gesellen sich desgleichen verschiedentlich zusammen; nur jene, die auf Raub ausgehen, entraten dieser Annehmlichkeit; denn in ihrer Beutegier und bei ihrem hinterlistigen Auflauern suchen sie nicht einmal unter sich selbst Führung und verschmähen darum einen gegenseitigen Zusammenschluß die Habsucht will ja nicht mit vielen Gemeinschaft machen . Dazu könnte ein Zusammenrotten vieler leicht sich selbst verraten. Diese Lebensweise nun führen Adler und Habichte, dagegen lieben Tauben, Kraniche, Stare und Krähen in hohem Grade die Geselligkeit.
§ 48
Sodann unterscheidet man enchorische Vogelarten, die stets im Lande bleiben, und Zugvögel, die in fremde Gegenden ziehen und nach Ablauf des Winters wiederkehren. Wieder andere gibt es, die im Winter zurückkommen und im Sommer von uns fortwandern. Die einen suchen zur Winterszeit ein wärmeres Klima auf, andere hinwiederum bringen zumeist den Sommer in solchen Gegenden zu, die ihnen, wie sie wissen, mehr Annehmlichkeit bieten. So kehren die Drosseln Ende des Herbstes wieder, wenn der Winter naht und der Sommer vorüber ist. Und wir bereiten ihnen dabei mit ungastlicher Grausamkeit Nachstellungen und trachten sie auf verschiedene Art bald durch ein falsches Ruheplätzchen zu überlisten, bald durch Lockrufe zu täuschen, bald mit Schlingen einzufangen. Der heimkehrende Storch hißt die Flagge des Lenzes. Die 205 Kraniche wandern gern und häufig, weil sie den Hochflug lieben.
§ 49
Die einen Vögel lassen sich auf die Hand nieder, gewöhnen sich an den Tisch und lassen sich streicheln und kosen, andere sind scheu. Die einen freuen sich der gemeinsamen Wohnstätten mit den Menschen, andere lieben ein einsames Leben in den Wüsten; mag die Beschaffung des Lebensunterhaltes schwierig sein, die Liebe zur Freiheit entschädigt sie dafür. Die einen schreien nur mit der Stimme, andere erfreuen durch melodische und süße Weisen. Manche bringen von Natur, andere durch Trill mannigfach unterschiedliche Laute hervor, die man für Menschenstimmen halten möchte, wiewohl sie nur Vogellaute sind. Wie süß ist der Nachtigallen, wie schrill des Papageis Stimme! Sodann gibt es Vögel teils einfältig wie die Tauben, teils heimtückisch wie die Kiebitze. Der Hahn zeigt mehr stolzes, der Pfau mehr zierliches Wesen. Auch im Leben und Handeln treten bei den Vögeln Unterschiedlichkeiten hervor: die einen sind eifrig für das allgemeine Beste bedacht und tragen gleichsam mit vereinten Kräften Sorge für das Gemeinwohl und leben gewissermaßen unter einem Herrscher; von den anderen möchte jeder nur für sich sorgen, jede Herrschaft ablehnen und im Falle der Gefangennahme der unwürdigen Knechtschaft loswerden.