§ 56
Wir haben [oben] ein Beispiel der Kindesliebe junger Vögel gegen ihre ehrwürdigen Alten: laßt uns jetzt von einem großartigen Erweis mütterlicher Sorge gegen die Jungen vernehmen. Die Schwalbe [meine ich], winzig klein an Körper, doch hervorragend groß an zärtlicher Liebe, die aller Dinge bar Nester baut, 211 kostbarer denn Gold, weil sie weise baurt;. denn „das Nest der Weisheit ist wertvoller denn Gold“. Was gäbe es denn Weiseres? Sie sichert sich einerseits ungehinderte Flugfreiheit, vertraut andererseits ihre Jungen und ihr Obdach der Hut menschlicher Behausungen an, woselbst niemand der Brut nachstellen könne. Auch das ist ein schöner Zug, daß sie vom ersten Anfang an ihre Jungen an menschlichen Umgang und Verkehr gewöhnt und so gegen den Überfall feindlicher Vögel sicherer stellt. Allbekannt ist sodann die Zierlichkeit, mit der sie sich ohne jeden Berater ihr Haus als kunstverständige Meisterin baut. Sie liest nämlich mit ihrem Schnabel Hälmchen auf und bestreicht sie mit Schlamm, um sie zusammenkleben zu können. Weil sie aber den Schlamm nicht mit den Füßen herbeizuschleppen vermag, taucht sie die Spitzen ihrer Fittiche in Wasser, damit leicht Staub daran kleben bliebe und zu Schlamm sich verdichte.So nun sammelt sie sich ein Hälmchen und Spänchen um das andere und macht es festkleben. Auf diese Weise führt sie den hanzen Nestbau zu Ende. Da tummeln sich ihre Jungen nun innerhalb ihrer Behausung wie auf einem Estrich ohne anzustoßen, ohne daß eines den Fuß in bauliche Fugen einklemmte oder Kälte die zarte Brut befiele.
§ 57
Doch darin teilen sich viele Vögel fast wie in eine gemeinsame Obliegenheit: einzigartig hingegen bleibt jener erstere Zug, in welchem sich eine ausnehmend besorgte Mutterliebe, eine ausgezeichnete kluge Einsicht und Erkenntnis, sodann auch eine gewisse Erfahrung in der Heilkunst begegnen; denn wenn etwa die Augen der Jungen am Erblinden sind oder an stechenden Schmerzen leiden, besitzt sie ein gewisses Heilverfahren, das es ermöglicht, deren Augenlicht den zeitweilig gestörten Gebrauche zurückzugeben.
Klage denn niemand über seine Not, daß er sein Haus mit leerem Beutel verlassen mußte! Ärmer noch ist die Schwalbe. Keinen Heller an Besitz, ist sie nur überreich an Mühe, baut und macht keinen Aufwand, 212 bringt den Bau unter Dach und nimmt dem Nachbar nichts weg, fügt niemand im Zwang der Not und Armut einen Schaden zu und verzagt nicht angesichts der noch gänzlich hilflosen Jungen. Uns hingegen regt die Armut auf, quält der Dürftigkeit Not, verleitet und treibt Mangel vielfach zu Schandtat und Verbrechen; aus Gewinnsucht richten wir unser Sinnen, lenken wir unser Trachten auf List und Trug, lassen in schweren Leiden die Hoffnung sinken, verlieren gebrochenen Herzens die Fassung, kauern ratund tatlos am Boden, da man doch gerade dann am meisten auf Gottes Erbarmen hoffen soll, wenn Menschenhilfe versagt.