Die nächtliche Wachsamkeit der Gänse: “Roms Götter schliefen, die Gänse wachten”.
§ 40
Nachdem wir eben von den Kriechtieren des Wassers gesprochen haben, fällt es schwer, mit unserer Rede uns sogleich zu den Vögeln des Himmels aufzuschwingen. Daher wollen wir vorerst von jenen Vögeln sprechen, die an den Gewässern des Meeres und der Flüsse sich aufhalten; mit ihnen vermögen wir aus den Fluten aufzutauchen. Mit dem Eisvogel nun wollen wir die Besprechung beginnen. Er ist ein 200 Seevogel, der gewöhnlich an den Küsten seine Jungen ausbrütet, so zwar, daß er fast mitten im Winter seine Eier in den Sand legt. Denn das ist die ihm beschiedene Brutzeit, wann das Meer am höchsten geht und dessen Flut besonders heftig an die Ufer schlägt. Die plötzlich eintretende Stille, die regelmäßig darauf folgt, läßt in um so hellerem Lichte den feinen Instinkt dieses Vogels erscheinen. Denn sobald das Meer seinen höchsten Wogengang erreicht hat, wird es, nachdem die Eier gelegt sind, mit einem Mal ruhig, aller Sturmwind legt sich, das Brausen in den Lüften läßt nach und „windstill ruhet das Meer“, solange der Eisvogel über seinen Eiern brütet. Sieben Tage aber beträgt die Brutzeit, nach deren Ablauf er die Küchlein ausschlüpfen läßt und das Brutgeschäft beendet. Damit verbindet er unmittelbar noch weitere sieben Tage zur Aufnährung seiner Jungen, bis sie mählich flügge werden. Man wundere sich nicht über die so kurze Frist der Aufzucht, nachdem doch auch das Brutgeschäft in so wenigen Tagen vollendet ist. So zuverlässig aber ist der glückliche Instinkt, den dieser winzig kleine Vogel von Gottes Huld empfangen, daß die Schiffer auf diese vierzehn Tage, die ruhige See erwarten lassen, genau achten. Sie nennen sie darum auch die alkyonischen [Eisvogel] Tage, an welchen sie keinen Ausbruch stürmischen Wetters besorgen.
§ 41
„Seid ihr nicht mehr wert als die Sperlinge?“ fragt der Herr. Wenn nun schon um eines winzigen Vogels willen das Meer sich hebt und plötzlich legt und zur rauhen Winterszeit inmitten des heftigen Tobens und Brausens der Stürme allen Elementen plötzlich Ruhe wiederkehrt, die den Wolkenflor am Himmel teilt und die Wogen glättet: wie hoch und kühn du erkennst es darfst du, o Mensch, Gottes Nachbild, die Hoffnung spannen, wenn sonst du dieses Vögelchens Glaubenszuversicht in frommem Streben nachahmst? Dieses läßt sich nicht angesichts der losbrechenden Stürme und der rasenden Winde mitten im Dräuen des Winters 201 beirren und abschrecken, sondern vielmehr ermuntern. So legt es denn seine Eier an die Küste, woselbst sie der von der zurückebbenden Flut noch feuchte Sand aufnimmt, und fürchtet nicht die sich türmenden Wogen, die sie tosen und sich heranwälzen sieht.
§ 42
Glaube nicht, daß er sich um die Eier anscheinend nicht kümmere. Sogleich, nachdem er die Eier gelegt, nistet er und brütet mit eigenem Leibe die Jungen aus und fürchtet nicht für das eigene Wohl, ob auch die Wogen ans Gestade schlagen, sondern setzt sich ruhig auf Gottes Huld bauend Wind und Wogen aus. Noch nicht genug. Er verbindet damit noch ebenso viele weitere Tage zur Aufnährung, ohne zu besorgen, es möchte während der so vielen Tage die Ruhe des tückischen Meeres gestört werden, und erprobt seinen längst gewohnten, in seiner Natur begründeten Vorzug [des Vorauswissens]. Er birgt die zarten Küchlein nicht in irgendwelchen Verstecken oder unter Dächern, und schließt sie nicht in Felsenlöchern ein, sondern vertraut sie dem nackten, kalten Boden an; er schützt sie nicht vor Kälte, sondern glaubt sie um so sicherer in Gottes Hut, je mehr er auf alles andere verzichtet. Wer von uns hüllte seine Kleinen nicht in Kleider, bärge sie nicht unter schützenden Dächern? Wer schlösse sie nicht hinter die schützenden Wände der Gemächer? Wer verrammelte nicht von allen Seiten sogleich die Fenster, daß auch nicht der leiseste Luftzug eindringen könne? Und während wir sie so ängstlich hüllen und hegen, streifen wir ihnen so recht das Gewand der himmlischen Milde ab; der Eisvogel hingegen kleidet sie, da er sie nackt aussetzt, in Gottes hüllenden Schutz.
§ 43
Auch euch, ihr Taucher dieser Name haftet ihnen von der ständigen Gepflogenheit des Tauchens an , will ich nicht übergehen. Wie merkt ihr doch bei euerem steten Tauchen die Anzeichen der Luft und fliegt eilig, den nahenden Sturm voraussehend, mitten aus 202 dem Meere auf und flüchtet euch mit Geschrei an den sicheren Strand! Wie flieht auch ihr, Wasserhühnchen sie lieben die Meerestiefen , den Aufruhr des Meeres, den ihr vorauswißt, und spielt [lieber] am sicheren Strande! Selbst der Reiher, der gewöhnlich an Sümpfen sich aufhält, verläßt die gewohnten Wohnsitze und fliegt aus Furcht vor Regenschauer über die Wolken hinaus, um vor deren Dräuen verschont zu bleiben. Betrachten wir also die verschiedenen Seevögel, wie sie, wenn Stürme sich zu erheben drohen, die geschützteren und während dieser Zeit für sie annehmlicheren Stellen aufsuchen und an einem einsamen Winkel des Festlandes ihre gewohnte Nahrung suchen!
§ 44
Wer aber bewunderte nicht das Nachtwachen der Gänse, die ihr Wachen auch durch ständiges Schnattern bekunden? Haben sie doch damit sogar das römische Kapitol vor dem gallischen Feind gerettet. Ihnen verdankst du Rom, so recht deine Herrschaft. Deine Götter schliefen, und die Gänse wachten. Darum opferst du an jenen Tagen der Gans und nicht dem Jupiter, denn euere Götter räumen den Gänsen den Platz, in deren Hut sie, wie sie wissen, gestanden, daß nicht auch sie in die Gefangenschaft der Feinde gerieten.