Ihre Verschiedenheit in Fußbildung, Halslänge, Gesang, Atmung usw.
§ 73
Erwägen wir jetzt den Sinn der Worte: „Es sollen hervorbringen die Wasser die kriechenden Tiere mit lebendiger Seele und die Vögel, daß sie fliegen über der Erde und an der Veste des Himmels“. Der Sinn von „über der Erde“ ist bestimmt: weil sie die Nahrung von der Erde beziehen. Wie ist aber „an der Veste des Himmels“ zu verstehen, da doch die Adler am höchsten unter den Vögeln fliegen und gleichwohl auch sie nicht „an der Veste des Himmels dahinfliegen“? Doch was wir lateinisch ‘caelum’[Himmel] nennen, heißt griechisch ‘ouranos’, ouranus aber kommt von ‘horasthai’ d.h. von „sichtbar sein“; weil nun die 223 Luft durchsichtig und zum Sehen besonders klar ist, meinte die Schrift [oben] die in der Luft fliegenden Arten von lebenden Wesen. Auch die Wendung „an der Veste des Himmels“ darf nicht befremden; denn nicht im eigentlichen Sinn steht hier ‘Veste`, sondern im uneigentlichen, insofern im Vergleich zu jenner Äthersubstanz die Luft, die wir mit den Augen sehen können, gewissermaßen kompakt und dichter ist und darum für ’Himmelsveste’ steht.
§ 74
Wir haben bis jetzt die Arten der Vögel, deren Natur und Vorzüglichkeit besprochen: freilich nur wenige Arten von den vielen; denn alle zu beschreiben, würde wegen ihrer Ähnlichkeit und Gleichartigkeit nur Zeitvergeudung sein. Indes wollen wir noch die Verschiedenheit ins Auge fassen, welche die Vögel unter sich aufweisen. So finden wir die Füße der Krähe gleichsam in auseinanderstehenden Krallen gespaltet und geteilt, wiederum anders des Raben und seiner Jungen. Füße von Natur gestaltet, die der fleischfressenden Vögel wie raubbereit gekrümmt und eingebogen; die Schwimmvögel hingegen haben breite Füße und die Zehen an den Füßen durch eine Art Haut miteinander verbunden. Auch darin offenbart sich eine wunderbare Zweckmäßigkeit der Natur, daß erstere Vögel die Füße als bequemen Behelf zum Auffliegen oder zum Nahrungsfang gebrauchen, letztere als passendes Hilfsmittel zum Schwimmen: sie können sich damit leichter über dem Wasser halten und mit ihren durch Anspannung der Haut sich weitenden Fußflächen wie mit Rudern gegen die Wasserflut stemmen.
§ 75
Der Grund, warum der Schwan einen schlanken Hals trägt, liegt ebenfalls auf der Hand. Da er einen etwas schwerfälligen Körper hat und nicht so leicht in die Tiefe tauchen kann, braucht er nur den Hals nach der Beute ausstrecken, der flinker denn der übrige Körper die Nahrung, die er findet, wegrafft und aus der Tiefe heraufholt. Dazu kommt, daß durch den langgestreckten Hals hindurch sein Sang eine distinguiertere, darum lieblichere und wohltönendere Klangfarbe 224 annimmt und, weil durch die längere Modulation reiner, weithin seinen Schall trägt.
§ 76
Wie süßer Sang entringt sich nicht auch der Zikade kleiner Kehle! Mitten in der Sonnenhitze „durchschmettern ihre Weisen das Gestrauch“; denn zur heißen Mittagszeit zirpen sie am schönsten: je reinere Luft sie zu dieser Zeit einatmen, um so heller ertönen ihre Weisen.
Selbst der Bienen Summen entbehrt nicht des Lieblichen. Sie besitzen nämlich im surrenden Gesumme ihrer Stimme jenen annehmlichen, lieblichen Laut, den wir, spät genug, erstmals, wie es scheint, durch der Trompete gebrochenen Ton nachahmten, deren Dröhnen wie nichts anderes den Mut zu Kraft entflammt. Und unausgesetzt tönt ihr liebliches Singen, da sie keine Lunge und keine regelmäßige Atmungsfunktion besitzen, sondern den Lufthauch einschlürfen sollen. Eben darum gehen sie auch, wenn man sie mit Öl begießt, rasch ein, weil ihnen die Poren verstopft und damit die Möglichkeit jenes Einschlürfens benommen wird; gießt man ihnen aber sogleich Essig auf, leben sie sofort wieder auf, indem der Essig mit seiner ätzenden Flüssigkeit rasch die Poren, welche das dickflüssige Öl verstopft, öffnen soll.