Besser Armut mit Gottesfurcht, denn Reichtum ohne Gottesfurcht.
§ 21
Weil wir gerade auf die Hinterlist zu sprechen kamen, mit der ein jeder seinen Bruder zu täuschen und hintergehen trachtet, um auf neuen Trug zu sinnen, ihn, den er mit Gewalt nicht fassen kann, mit List 183 zu umgarnen und gleichsam mit einem Trick zu betören, will ich das bekannte Verstellungsvermögen des Tintenfisches nicht unerwähnt lassen. Errreicht nämlich derselbe am seichten Gestade eine Felsenbank, so klammert er sich daran fest, nimmt durch ein rätselhaftes Anpassungsvermögen [Mimikry] dessen Farbe und am Rücken felsenähnlich Gestalt an. Ohne die geringste Ahnung des Truges gleiten nun die Fischlein, indem sie sich vor den ihnen gewohnten Stellen nicht in acht nehmen und Felsengestein vermuten, heran, da schließt der Polyp sie in das Fangnetz seiner Verstellungskunst und sperrt sie gewissermaßen in den Behälter seines Leibes ein. So kommt von selbst die Beute heran und läßt sich durch ähnliche Vorspiegelungen in die Falle locken, wie sie jene belieben, die häufig in der Gesinnung die Farbe wechseln und verschiedene verfängliche Machinationen anwenden, um Geist und Sinn eines jeden zu ködern: in Mitte von Enthaltsamen voll des Lobes auf die Enthaltsamkeit, in Gesellschaft von Unenthaltsamen weit entfernt vom Streben nach Keuschheit und versunken in Schlamm der Unenthaltsamkeit. Wer sie folglich mit unachtsamer Leichtfertigkeit hört oder sieht, traut ihnen und kommt umso rascher zu Fall. Er weiß dem, was sein Verderben ist, nicht aus dem Weg zu gehen und sich davor zu hüten, während doch die Ruchlosigkeit doppelt gefährlich und verderblich ist, wenn sie sich in die Maske der Leutseligkeit hüllt. Auf der Hut darum vor jenen, welche die Fangnetze und Fangarme ihres Truges weit und breit ausstrecken und alle möglichen Farben annehmen! Denn Polypen sind sie. Über tausend Schlingen und Schliche verfügt ihr verschlagener Sinn, um wo möglich alles, was sich in die Klippen ihres Truges verirrt, zu umgarnen.
§ 22
In welche Schlinge ferner weiht uns nicht der Krebs ein, wenn es gilt, einen Fang zu machen! Auch er nämlich liebt die Auster und sieht sich gern um den Leckerbissen ihres Fleisches um. Doch er achtet ebenso 184 vorsichtig auf die Gefahr, als er gierig nach der Speise fahndet. Die Jagd danach ist nämlich ebenso schwierig wie gefährlich: schwierig, weil der Bissen mit starken Schalen im Inneren [der Muschel] verschlossen liegt; denn die Natur, die Dolmetscherin des [schöpferischen] Herrschergebotes, umgab wie mit Mauern schützend die weiche Fleischmassen und hegt und pflegt sie zwischen den Schalen wie in einem konkaven Schoß und bettet sie darin wie in ein Becken ein; darum bleiben alle Bemühungen des Krebses umsonst, da er die verschlosene Muschel bei aller Anstrengung nicht zu öffnen vermag. Und gefährlich ist’s: sie könnte seine Schere einklemmen. Da besinnt er sich auf Kniffigkeiten und betreibt mit neuer List seine Nachstellungen. Weil alle Arten [von Wesen] an Wohlbehagen sich ergrötzen, lauert er, ob nicht die Auster an einsamen, ganz windstillen Stellen den Sonnenstrahlen gegenüber ihre Doppelklappe auftue und den Schalenverschluß öffne, um, an der freien Luft leibliches Behagen zu genießen. Durch ein Steinchen sodann, das er unvermerkt dazwischen hineinschiebt, verhindert er die Schließung der Muschel; durch die Öffnung, die er vor sich hat, streckt er nun ungefährdet die Scheren hinein und läßt sich den Weichkörper darin schmecken.
§ 23
So gibt es nun Leute, die nach Art des Krebses auf fremde Übervorteilung es absehen, der eigenen Ohnmacht durch gewisse Finten nachhelfen, dem Bruder des Truges Schlingen legen und von fremder Not sich mästen. Du aber sei mit dem Deinigen zufrieden, und fremder Nachteil sättige dich nicht! Ein würziges Mahl ist der Unschuld Einfalt. Im Besitz ihrer eigenen Güter kennt sie kein Fahnden nach fremden und entbrennt nicht vom Feuer der Habsucht, bei der aller Gewinst nur Verlust für die Tugend, Zündstoff für die Begehrlichkeit bedeutet. Darum selig „wenn sie sich ihrer Güter bewußt ist“ die Armut im Bunde mit Ehrlichkeit und vorzüglicher den alle Schätze! Denn besser ist die Gabe kleiner Habe mit Gottesfurcht als große 185 Schätze ohne Furcht. Wieviel bedarf es denn zum Unterhalt eines Menschen? Oder wenn du auch für andere etwas zu erübrigen suchst: auch das braucht nicht viel sein; denn besser mundet Gemüse von gastlicher Hand mit Herzlichkeit gereicht, als fette Kälber in Zwietracht zubereitet. Nutzen wir denn unsere Fähigkeiten zu Gnadenerwerb und zur Fristung des Lebens, nicht zur Übervorteilung fremder Unschuld! Wir dürfen uns die Vorbilder des Meeres wohl zur Förderung unserer eigenen Wohlfahrt, nicht aber zur Gefährdung anderer zunutzen machen.