Wahl der Königin; natürliche Vorzüge prädestinieren sie dazu. Wie kein Volk respektiert das Bienenvolk seine Königin. Der Bienenstock ein Heerlager. Die Biene das Ideal der Arbeitsamkeit. Der Honig Genuß und Heilmittel. Die außergewöhnliche Fruchtbarkeit der Biene.
§ 66
218 Jetzt wohlan will ich mich über jene Vögel verbreiten, die sozusagen ein Staatswesen zu führen und diese Lebenszeit unter Gesetzen zuzubringen scheinen. Von ihnen nämlich stammt die Einrichtung im Staate, daß es für alle gemeinsame Gesetze gibt und dieselben in gemeinsamer Unterwürfigkeit beobachtet werden; daß alle ein Band bindet, daß nicht für den einen Rechtens ist, was der andere für unerlaubt nehmen soll, daß vielmehr, was erlaubt ist, allen erlaubt, was unerlaubt ist, allen unerlaubt ist; daß ferner alle gemeinsam den Vätern, durch deren Einsicht der Staat regiert wird, Hochachtung entgegenbringen, gemeinsam in einer Stadt zusammenwohnen, durch gemeinsame Umgangsformen sich gebunden fühlen, daß alle nur ein verpflichtendes Gesetz, ein Sinn beherrscht.
§ 67
Das ist etwas Großes. Doch wie unvergleichlich Erhabeneres [haben wir] bei den Bienen! Sie besitzen allein unter jeglicher Art von lebenden Wesen eine allen gemeinsame Brut, bewohnen alle nur eine Behausung, leben innerhalb der Schwelle einer Heimstätte. Gemeinsam teilen sich alle in die Arbeit, gemeinsam teilen sie den Tisch, gemeinsam alle das 219 Wirken, . gemeinsam Erwerb und Verdienst, gemeinsam das Schwärmen wozu mehr? gemeinsam alle den Ursprung. Auch die Unversehrtheit des jungfräulichen Leibes und der Zeugung ist allen gemeinsam; denn sie begatten sich gegenseitig nicht, frönen nicht weichlicher Lust, erleiden nicht Geburtswehen und setzen mit einem Mal einen zahllosen Schwarm junger Bienen ins Dasein, eine Brut, die sie „mit dem Munde aus Blüten und Blumen sogen“.
§ 68
Sie selbst bestellen sich die Königin, sie selbst schaffen das Volk und bleiben, wenn auch der Königin untertan, doch frei; denn sie halten ebenso fest am Vorrecht ihrer Entscheidung [in der Königinwahl] wie an treuergebener Gesinnung, indem sie dieselbe als ihre Erkorene lieben und ein so gewaltiger Schwarm ehren. Nicht aber das Los bestimmt die Königin. Denn beim Los entscheidet der Zufall, nicht das Urteil, und häufig gibt das blinde Los, das fällt, jedem Letzten den Vorzug vor dem Besseren. Auch nicht der allgemeine Zuruf der unverständigen Menge bestimmt sie; denn diese wägt nicht die Tugendverdienste und erwägt nicht die Interessen des öffentlichen Wohles, sondern treibt in der Unverlässigkeit beweglichen Wankelmutes. Auch nicht kraft der Erbfolgeoder Geburtsrechtes hat sie den Königsthron inne; denn das dem öffentlichen Leben entrückte [Königskind] wird ja unmöglich die nötige Umsicht und Einsicht haben. Nimm dazu die Verhätschelungen und Genüsse, die im zarten Alter gewohnt, selbst den gewecktesten Geist zu entnerven pflegen; sodann den Unterricht der Eunuchen, die zumeist den Sinn des Königs mehr auf den eigenen Vorteil als auf das öffentliche Wohl hinlenken. Den Bienen indes wächst eine Königin heran, die schon durch natürliche Vorzüge deutlich als solche gekennzeichnet wird: so durch hervorragende Körpergröße und schönheit, ferner durch den 220 Hauptvorzug an einem König, die Charaktermilde. Denn trägt sie auch einen Stachel, gebraucht sie ihn doch nicht zur Bestrafung. Es gibt nämlich Naturgesetze, die nicht auf Papier geschrieben, sondern dem sittlichen Bewußtsein eingegraben sind: darnach sollten die, welche die höchste Macht innehaben, in der Bestrafung besonders milde verfahren. Doch selbst jene Bienen, die den Anordnungen der Königin nicht folgen, überantworten sich selbst dem rächenden Strafgerichte: sie sterben vom eigenen Stachel getroffen. Das Perservolk soll heute noch an diesem Brauch festhalten, wonach Schuldige zur Sühne ihrer Tat selbst das Todesurteil an sich vollstrecken. Keine Völker nun, nicht die Perser trotz ihrer äußerst strengen Gesetze für die Untertanen, nicht die Inder, nicht die sarmatischen Stämme bringen ihrem König so große Ehrfurcht und Ergebenheit entgegen wie die Bienen: keine wagt das Haus zu verlassen, keine auf Weide zu ziehen, bevor nicht die Königin auszieht und die Führerrolle im Fluge übernimmt.
§ 69
Der Zug aber bewegt sich über duftende Gefilde, wo „Gärten Blütenduft atmen“, wo ein flüchtiges Bächlein durch grüne Matten eilt, wo der Ufer Anmut grüßt: dort beginnt das heitere Spiel der Jugend, dort sammelt man sich im Freien, dort vergißt man der Sorgen. Die Arbeit selbst ist Genuß. Aus süßen Blüten und Kräutern werden zuerst die Grundfesten des Lagers gelegt: was wäre denn der Wabenbau anders als eine Art Lager? So bildet er denn auch den Wehrwall gegen die Drohnen. Und welches Lager im Gevierte könnte so künstlich und zierlich gebaut sein wie der Wabenstock, in welchem die kleinen runden Zellen durch die gegenseitige Verbindung einander stützen? Welcher Meister lehrte die Bienen diesen Zellenbau mit seinen ununterschiedlich gleichmäßigen Wandungen 221 herstellen, das zarte Wachs im Inneren des Walles der Behausung anbringen, den Honig aufspeichern und die aus Blüten gewobenen Behälter wie mit Nektar voll füllen? Da kann man sehen, wie sie alle wetteifern im Dienste: die einen auf nimmer ruhender Nahrungssuche, andere in der sorglichen Bewachung des Lagers, wieder andere nach dem Ausschau nach dem Regen, der bevorsteht und in der Achtsamkeit auf die Wolken, die sich zusammenziehen, andere im Bau der Wachswaben aus Blütenstoff, andere im Sammeln des Blütentaues mit dem Munde, keine jedoch in hinterlistiger Aneignung fremder Arbeitsfrucht und räuberischem Erwerbe des Lebensunterhaltes. Daß nur sie keine räuberischen Nachstellungen gewärtigen müßten! Sie haben indes ihren Stachel und träufeln Gift in den Honig, wenn sie gereizt werden, und setzen vor brennendem Rachedurst beim Stiche das Leben ein. Inmitten der Lagerschanzen wird jener [Blüten] Tau ausgelassen, gerinnt, anfänglich flüssig, mit der Zeit allmählich zu Honig und beginnt aus geronnenem Wachs und Blütenduft dessen Süßigkeit auszuströmnen.
§ 70
Mit Recht rühmt die Schrift die Biene als fleißige Arbeiterin, indem sie spricht: „Geh zur Biene und sieh, wie arbeitsam sie ist, ein wie ehrbares Gewerbe sie desgleichen treibt! Ihre Arbeit nutzen Könige und gewöhnliche Leute zur Wohlfahrt; denn begehrenswert ist dieselbe allen und wohlbekannt“. Du hörst, was der Prophet spricht. Er schickt dich schlecherdings hin, daß du dem Beispiele der Biene folgest, ihre Arbeitsamkeit nachamest. Du siehst, wie arbeitsam, wie beliebt sie ist. Alles verlangt und begehrt nach ihrer Frucht. Da gibt es keinen Personenunterschied, sondern unterschiedslos mundet ihre Gabe gleich köstlich den Königen wie den gewöhnlichen Leuten. Und dieselbe ist nicht bloß Genußmittel, sondern auch Heilmittel. Dem 222 Gaumen mundet sie, und Wunden heilt sie, selbst innerem Wundweh träufelt sie Gesundung, Ist also die Biene auch schwach an Kraft, so doch stark an Weisheitsmacht und Tugendliebe.
§ 71
Ihre Königin endlich schirmen sie aufs äußerste und für sie in den Tod zu gehen, dünkt ihnen schön. Solange die Königin am Leben ist, wissen sie nichts von Gesinnungswechsel und Sinnesänderung; verlieren sie dieselbe, dann ist’s vorüber mit der Treue im Dienste und plündern sie selbst den eigenen Honig, weil die Vorsteherin im Dienste tot ist.
§ 72
Während nun andere Vögel zur Not einmal im Jahre Junge ausbrüten, bringen die Bienen zweimal solche hervor und übertreffen die übrigen um das Doppelte an Fruchtbarkeit.