Ihr Gesellschaftsleben das Vorbild für den menschlichen Idealstaat in der Urzeit. Verfall des letzteren.
§ 50
Mit jenen Vögeln nun wollen wir beginnen, die für unsere Lebensweise vorbildlich geworden sind. Bei 206 ihnen nämlich ist sozusagen der Staatsund Kriegsdienst etwas Natürliches, bei uns Zwang und Dienstbarkeit. Wie halten nicht die Kraniche ohne Befehl, aus freiwilliger Gepflogenheit bei Nacht sorgsame Wache! Hier und dort sieht man Wachtposten stehen, andere ziehen, während die übrigen Kameraden ruhen, herum und spähen, ob nicht von irgendwelcher Seite Überfall versucht würde, und leisten mit unverdrossener Selbsthingabe jeglichen Schutz. Ist für einen die Wachtzeit abgelaufen, geht er nach Beendigung seines Dienstes schlafen, gibt aber zuvor noch ein lautes Signal, um den Schläfer, dem er seinen Posten abtritt, zu wecken. Und willig übernimmt dieser seine Funktion und verzichtet nicht, wie wir’s gewohnt, nur ungern und allzu träge auf den Schlaf, sondern läßt sich unverzüglich vom Lager aufrütteln, tritt seinen Posten an und vertritt mit der gleichen Sorgfalt und Dienstbeflissenheit das Amt, das er übernommen hat. Darum auch keine Desertion, weil natürliche Hingabe, darum sichere Wache, weil freiwillig geleistet.
§ 51
Auch halten sie die Ordnung beim Fluge ein, gehen mit der Regelung bei allem zu Werke, daß sie abwechselnd die Führerrolle übernehmen. Es tritt nämlich einer zu der ihm vorausbestimmten Zeit vor die übrigen und zieht gleichsam vor der Linie einher. Sodann tritt er zurück und gibt dem Folgenden die Führerrolle hinüber. Was gäbe es Schöneres als dies? Bürde und Würde teilen alle gemeinsam, und nicht maßen sich einige wenige die Macht an, sondern auf alle geht sie gleichsam in freier Bestimmung über.
§ 52
Dies war die Verwaltungsform des antiken Gemeinwesens, dies das Bild des freien Staates. So begannen ursprünglich die Menschen die von Natur überkommene Staatsgewalt nach dem Vorgange der Vögel auszuüben. Gemeinsam sollte die Bürde, gemeinsam die Würde sein; jeder sollte abwechselnd seinen Teil in der Sorge [für das Ganze] beitragen lernen, in Gehorsam und Befehl sich teilen, niemand von der Würde ausgeschlossen, keiner der Arbeit enthoben sein. Das 207 war ein Idealzustand. Keiner pochte auf eine lebenslängliche Amtsgewalt, keiner brach zusammen unter einem ständigen Sklavenjoch. Neidlos wurde einem nach dem amtlichen Turnus und fälligen Zeittermin Beförderung zuteil, und leichter trug sich deren Bürde, weil sie das Aufsichtsamt mit anderen teilten. Niemand wagte einen anderen im Dienste zu schikanieren, um nicht seinerseits dessen Mißmut fühlen zu müssen, sobald er ihm im Ehrenamte folgte. Niemand fiel die Arbeit schwer, von der die künftige Würde ihn befreite. Doch seitdem die zu müssen, sobald er ihm im Ehrenamte folgte. Niemand fiel die Arbeit schwer, von der die künftige Würde ihn befreite. Doch seitdem die Herrschsucht anfing, überkommene Ämter sich anzumaßen, übernommene nicht mehr niederlegen zu wollen; seitdem der Kriegsdienst anfing, nicht mehr ein gemeinsames Recht, sondern Dienstbarkeit zu sein; seitdem kein Turnus mehr in der Übernahme der Amtsgewalt eingehalten wurde, sondern Strebertum sie an sich riß, begann auch die Verrichtung der Arbeit, der man sich unterzieht, drückender zu werden; und unfreiwillige Arbeit artet bald in Lässigkeit aus. Wie ungern unterziehen sich nicht die Menschen den Nachtwachen! Wie hart tritt ein jeder im Lager den Wachtdienst auf einem gefährlichen Posten an, dessen Schutz ihm auf des Königs Befehl anvertraut wird! Strafe ist auf Fahrlässigkeit gesetzt, und dennoch schleicht sich oft Nachlässigkeit ein und wird der Wachtdiuenst nicht eingehalten. Denn der Zwang, der einem wider seinen Willen eine Pflicht auflegt, erzeugt zumeist Unlust. Nichts ist so leicht, daß es nicht Schwierigkeit machte, sobald man’s ungern tut. So verleitet einem denn ununterbrochene Arbeit die Lust und erzeugt ständig dauernde Macht Selbstüberhebung. Wo findet man denn einen Menschen, der von freien Stücken die Herrschaft niederlegte, seinen Feldherrenstab abträte und, statt erster, freiwillig der letzte würde? Wir streiten uns aber oft nicht bloß um den ersten Rang, sondern auch schon um einen mittleren und beanspruchen bei einem Mahle die ersten Plätze und wollen den einmel eingeräumten Rang für immer haben.
So herrscht also unter den Kranichen Zufriedenheit 208 bei der Arbeit, Demut in Ämtern. Einer Mahnung bedarf es nur zur Ablösung im Wachtdienst, keiner Mahnung zum Rücktritt vom [Führer] Amt; dort nämlich handelt es sich um die Unterbrechung der natürlichen Schlafesruhe, hier um die edle Tat freiwilliger Dienstbeflisseneheit.