Der Nachtigall Lied ihr süßer Trost in Wachen und Mühen. Die lichtscheue Nachteule das Bild der gottfremden Weltweisheit. Die Fledermaus. Der Hahnenruf nach seiner physischen, sittlichen und heilsgeschichtlichen Bedeutung.
§ 84
Doch was sehe ich da? Während wir den Vortrag in die Länge ziehen, sieh, da umkreisen doch schon die Nachtvögel und geben gerade dadurch, daß sie an den Schluß gemahnen, noch Anlaß, ihrer zu gedenken. Schon suchen die verschiedenen Vögel, die der Abend zwingt, der Nacht zu weichen, ihre Behausungen auf und verbergen sich in ihren Verstecken, den untergehenden Tag noch ein helles Lied weihend, daß er nicht ohne des Dankes Zoll scheide, den jedes Geschöpf lobpreisend seinem Schöpfer mitdarbringt.
§ 85
Es hat auch die Nacht ihre Lieder, mit denen sie die Nachtwachen des Menschen zu versüßen pflegt. Es hat selbst die Nachteule ihre Weisen. Was soll ich aber erst von der Nachtigall sagen, der stets wachen 229 Wächterin, die, während sie mit des Leibes Busen und Schoß über den Eiern brütet, über das schlaflose Mühen der langen Nacht mit ihrem lieblichen Sange sich tröstet? Es scheint mir ihre Hauptabsicht hierbei gerade die zu sein, die Bruteier womöglich nicht weniger mit ihren süßen Weisen denn mit ihrer Lebenswärme zu beseelen. Ihr hat es jene zarte, aber züchtige Frau abgelauscht, die mit ihrem Arm den geschärften Mühlstein dreht, daß es ihren Kleinen nicht an der Nahrung des Brotes gebrechen könne: mit nächtlichem Singen heitert sie sich die trübselige Stimmung über ihre Armut auf; und vermag sie es auch der Nachtigall nicht an lieblichen Sang gleichzutun, so doch an unermüdlicher Mutterliebe.
§ 86
Die Nachteule wie merkt sie doch mit ihren großen blauen Augensternen nichts vom dunklen Schauer der nächtlichen Finsternis und betätigt gegen die Gepflogenheit der übrigen Vögel gerade im tiefsten Dunkel der Nacht am ungehindertsten ihren Flug, während mit Tagesanbruch ihr Blick vor dem rings ausgegossenen Sonnenlichte erblindet und gleichsam im Dunkel irrt! So erinnert ihr Verhalten deutlich daran, daß es Leute gibt, die, ob sie schon Augen haben zu sehen, nicht zu sehen pflegen und ihres Augenlichtes nur im Finstern sich bedienen. Von des Herzens Augen spreche ich. Die Weisen der Welt haben sie und sehen nicht; im Lichte schauen sie nichts; in der Finsternis wandeln sie, während sie über die Finsternis der Dämonen nachgrübeln und des Himmels Höhen zu schauen wähnen, die Welt mit dem Zirkel berechnend und selbst die Ausdehnung des Luftraumes bemessend. Schließlich aber verfallen sie, vom Glaubenspfade abgeirrt, trotz des Tages Christi und des Lichtes der Kirche, die ihnen aus nächster Nähe leuchten, der Finsternis ewiger Blindheit. Sie sehen nichts, nehmen aber den Mund voll als wären sie 230 allwissend; scharsinnig in bezug auf das Vergängliche, stumpfsinnnig in bezug auf das Ewige, in der Gewundenheit ihrer langen Streitreden nur die Blindheit ihres Wissens verratend. Mit feinbeschwingten Worten wollen sie zum Fluge ausholen: da erlischt ihnen auch schon gleich der Nachteule das Auge im Lichte.
§ 87
Die Fledermaus [vespertilio], ein unansehnliches Tierchen, hat ihren Namen vom Abendstern [vesper]. Sie hat Flügel und zugleich vier Füße und ist im Gebrauch von Zähnen, die man sonst bei Vögeln nicht zu treffen pflegt. Sie setzt wie die Vierfüßler statt der Eier lebendige Junge ins Dasein, fliegt aber nach Art der Vögel in der Luft, doch gewöhnlich erst zur Zeit der Abenddämmerung. Sie fliegt aber nicht mittels Fittichen irgendwelcher Art, sondern mittels ihrer Flughaut. Von dieser wie von Flugfedern in Schwebe gehalten, fliegt und flattert sie herum. Auch das ist diesem unscheinbaren Tierchen eigen: daß sie sich aneinander heften und gleich einer Traube an irgendeiner Stelle hängen, und der ganze Knäuel sich erst auflöst, wenn je die äußerste sich davon losmacht. Es ist dies das Gebaren einer Liebe, wie sie kaum bei den Menschen auf dieser Welt zu treffen ist.
§ 88
Lieblich ist auch der Hahnenruf in der Nacht nicht bloß lieblich, sondern auch nützlich. Ein guter Hausgenosse weckt er den Schlummernden, mahnt den Wachenden, tröstet den Wandernden, indem er mit hellklingendem Signale es binausruft: die Nacht ist vorgeschritten. Auf seinen Ruf läßt der Räuber von seinen Nachstellungen: durch ihn läßt selbst der Morgenstern sich wecken und geht auf und erhellt den Himmel. Auf seinen Ruf vergißt der zagende Schiffer der Niedergeschlagenheit, und legt sich aller Wind und Sturm, den sie Abendlüfte häufig anfachen. Auf seinen Ruf erhebt der Frommsinn sich hurtig zum Gebet und geht von 231 neuem an die Übung der [Schrift]Lesung. Auf seinen letzten Ruf wusch selbst der Fels der Kirche [Petrus] seine Schuld ab, die er begangen, ehe der Hahn krähte. Auf seinen Ruf schöpft alles von neuem Hoffnung, des Kranken Schmerz läßt nach, sein Wundweh lindert sich, die Fieberhitze geht zurück, Gefallenen kehrt der Glaube wieder, Strauchelnde trifft Jesu Blick, Irrende führt er auf rechten Pfad. So traf sein Blick den Petrus, und sogleich wich die Verirrung, ward abgetan die Verleugnung, folgte das Bekenntnis. Daß dies nicht zufällig so kam, sondern gemäß dem Ausspruche des Herrn, lehrt die Schriftlesung; denn also, steht geschrieben, sprach Jesus zu Simon: „Es wird der Hahn nicht krähen, bevor du mich dreimal verleugnest“. Richtig: bei Tag ist Petrus standhaft, in der Nacht läßt er sich einschüchtern und fällt vor dem Hahnenruf und fällt schon zum dritten Mal. Man sieht daraus, daß sein Fall nicht in einer unüberlegten Äußerung beim Reden bestand, sondern daß seine Einschüchterung ihren Grund auch im Schwanken des Geistes hatte. Derselbe Petrus indes erstarkt nach dem Hahnenruf, nunmehr würdig, daß der Herr ihn anblickte; denn „die Augen des Herrn ruhen auf den Gerechten“. Er erkannte, da0 das Heil nahte, das ein fernes Irren ausschloß, wandte sich vom Irrtum der Tugend zu und fing „bitterlich zu weinen “ an, um mit seinen Tränen den Irrtum abzuwaschen.