Die Vogelwelt das dritte Tierreich. Einleitende Bemerkungen.
§ 36
Und nach kurzer Pause griff er den Faden der Rede wiederum auf und fuhr 197 fort: Entgangen war uns, geliebteste Brüder, die notwendige Besprechung über die Natur der Vögel und die bezügliche Rede mit den Vögeln selbst entflogen. Es liegt ja gleichsam in der Natur der Sache, daß die, welche etwas genau sich ansehen und mit Worten beschreiben wollen, die Eigenart jener Dinge, die man sich betrachtet oder bespricht, sich aneignen: bei langsameren Dingen verweilen wir länger, mit schnellen zieht es uns mit raschem Blick mit fort, und so fließt auch unsere Rede bald langsamer bald rascher. Bei meinem sorglichen Streben also, die in der Meerestiefe ruhenden Dinge nicht zu übersehen, ist mir die ganze Vogelwelt entflogen. Denn während ich mich hinabbückte und die untersten Wasserschlünde durchspähte, merkte ich des Vogelfluges in den Lüften nicht, und nicht einmal der Schatten des raschen Fittichs, der im Wasser sich widerspiegeln mochte, lenkte mich ab. Doch da ich bereits die ganze Aufgabe für erledigt erachtete und mich am Ende glaubte und den fünften Schöpfungstag für vorübergegangen hielt, da fuhren mir die Vögel durch den Sinn, die beim Schlafengehen noch „die Luft mit süßem Sang erfüllen“, als freuten sie sich des vollbrachten Tagewerkes. Und sie erneuen ihn regelmäßig wie zu Tagesanbruch so zu Tagesende, um nach Ablauf und zu Beginn der Nachtzeit ebenso wie der Tagzeit ihrem Schöpfer Lob und Preis darzubringen, So habe ich mir denn einen mächtigen Ansporn für uns zur Frömmigkeit entgehen lassen. Denn welcher menschlich Fühlende würde sich nicht schämen, ohne feierlichen Psalmengesang den Tag zu beschließen, nachdem sogar die kleinen Vögelchen in gewohnter Andacht und mit süßem Lied den Anbruch der Tage und Nächte begehen?
§ 37
So kehre uns denn die beschwingte Rede wieder, die unseren Augen fast entschwunden wäre und bei ihrem Adlerflug zur Höhe sich in die Wolken verloren hätte, würde es uns nicht, da wir nach dem Wasserbad die Augen von der Tiefe zum Himmel aufschlugen und des Flügelschlages im leeren Luftraum gewahrten, an dieses Zurück zum notwendigen Thema gemahnt haben. 198 Ihr, die ihr wie Vogelsteller nach meinem Worte hascht, sollt Richter sein, ob es besser entflöge oder nutzbringend wiederum in euer Garn gegangen sei. Und ich besorge nicht, daß uns etwa bei der Beobachtung des Vogelfluges Unlust anwandle, die uns auch bei der Durchforschung der Meeresschlünde nicht angewandelt, oder daß jemand aus uns während des Vortrages einschlafe, da ihn der Vogelsang aufwecken müßte. Ich halte es vielmehr für ganz ausgeschlossen, daß einen, der unter den stummen Fischen wachblieb, unter den hellsingenden Vögeln Schlaf anwandeln könnte, da doch solch liebliche Laute ihn zum Wachen einladen. Sodann aber darf, was der Gefahr des Übergangenwerdens ausgesetzt war, nicht für gering erachtet werden; denn es ist das dritte Tierreich der Schöpfung. In drei Klassen zerfallen ja zweifelsohne die Tiere: in Land,Flug und Wassertiere. So steht ja geschrieben: „Es sollen hervorbringen die Wasser die kriechenden Tiere mit lebendiger Seele nach ihrer Art und die Vögel, daß sie flögen über der Erde an der Veste des Himmels nach ihrer Art“.
§ 38
Wir werden zum früheren Thema gemahnt gleich vergeßlichen Wanderern, die gedankenlos dahinziehend wiederum in ihre eigenen Spuren einlenken und ihre Unbedachtsamkeit damit büßen, daß sie nochmals dem mühevollen Wandern sich unterziehen müssen. Und doch: auch ein tüchtiger Wanderer muß es sein, wenn er die durch das Zurückgehen verlorene Zeit dadurch hereinholt, daß er die noch erübrigende Wegstrecke beschleunigten Schrittes zurücklegt. So glaube ich es auch halten zu sollen, zumal in einem Vortrage über die Vögel, die mit allzu flüchtigem Fluge am Auge des Menschen vorüberstreichen. Wie wäre auch ein Weilen am Platze bei Wesen, an denen gerade die Schnelligkeit zu gefallen pflegt? Möge denn unsere pfadlos schweifende, auf diesem Gebiete unbewanderte Rede „vom melodischem Vogelsang erschallen“ und widerhallen!
§ 39
199 Doch wer gibt mir des Schwanen Gesang, der selbst unter des nahenden Todes schwerer Angst noch ergötzt? Wer gibt mir jene natürlichen Sangesweisen, von deren anmutssüßen Klängen selbst die Sümpfe widerhallen? Wer gibt mir die Laute des Papageies und den süßen Schlag der Amseln? Oder möchte doch der Nachtigall Lied erschallen, die den Schläfer aus dem Schlummer weckt! Es pflegt nämlich dieser Vogel den Anbruch des aufgehenden Tages anzuzeigen und durch den dämmernden Morgen weithin Frohsinn zu wecken. Gebricht es an ihrem lieblingen Sange, sind doch die klagenden Turteln zur Stelle und die gurrenden Tauben; auch die Krähe sodann „kündet mit lautem Ruf den Regen an“. So laßt uns denn, so gut es geht, mit dem Wissen, das wir den Landleuten verdanken, an die Besprechung der Vogelwelt auf dem Festlande herantreten