Viper und Muräne ebenso ein ideales Vorbild ehelicher Liebe und Treue wie ein abschreckendes Beispiel ehebrecherischen Verkehres.
§ 17
Du darfst dich nicht daran stoßen, daß ich für ‘Meer’ ‘Evangelium’ setzte. Das Evangelium ist es, worin Petrus, ob er auch bei der Verleugnung schwankte durch Christi Rechte die Stärkung im Glauben und die Gnade der Standhaftigkeit fand. Das Evangelium ist es, aus dem der Märtyrer heraufkommt. Das Evangelium ist das Meer, worin die Apostel fischen, wo das Netz ausgeworfen wird, das dem Himmelreiche gleicht. Das Evangelium ist das Meer, worin Christi 179 Geheimnisse vorgebildet wurden. Das Evangelium ist das Meer, worin der Hebräer Rettung, der Ägypter Untergang fand. Das Evangelium ist das Meer; denn über den Meeren ist die Braut Christi, die Kirche, und die Fülle der göttlichen Gnade gegründet nach des Propheten Wort: „Er hat über den Meeren sie gegründet“. Hüpfe auf, o Mensch, über den Fluten; denn ein Fischlein bist du! Nicht sollen die Wogen dieser Welt dich bedecken! Braust der Sturm, tauche zur Tiefe auf den Grund! Lacht heiterer Himmel, spiele in den Fluten! Stürmt die See, gib acht auf den klippenreichen Strand, daß nicht die wütende Brandung dich an ein Felsenriff schleudert! Denn es steht geschrieben: „ Seid listig wie die Schlangen!“
§ 18
Und weil gerade das Beispiel von den listigen Schlangen angezogen wurde: Seien wir listig auch in der Eingehung und Wahrung der Ehen, halten wir in Liebe an der Lebensgemeinschaft fest, die unser Teil ward! Ob solche, die im Augenblick ihrer Geburt ferne Lande getrennt hatten, sich zusammenfanden, ob der Mann in die Fremde zog: keine Ferne, keine Enthaltung darf die Zuneigung und Liebe mindern. Dasselbe Gesetz bindet sie, ob sie anwesend oder abwesend sind; dasselbe Band der Natur knüpft zwischen ihnen, ob sie fern oder nahe sind, die Rechte der ehelichen Liebe; dasselbe Joch der Einsegnung ruht auf beider Nacken, mag auch ein Eheteil für lange Zeit scheiden und in abgelegene Lande ziehen; denn nicht auf den Nacken des Leibes, sondern des Geistes nehmen sie das Joch der Gnade.
Die Viper, die verworfenste Art von Tieren und die hinterlistigste aller Schlangenarten, begehrt, wenn Lust sie anwandelt, nach der Vermischung mit der 180 Seemuräne, die sie längst gewohnt ist, oder die sie neu vorbereitet. Sie kriecht an das Gestade vor, bekundet mit Zischen ihre Anwesenheit und lockt so jene als Gatten zum Verkehre an. Die Muräne aber bleibt auf diese Einladung nicht fern und gewährt der Giftschlange den ersehnten Umgang mit ihr. Was bezweckt nun ein derartiger Hinweis anders als die Einschärfung der Pflicht, den Gatten, wie er auch geartet ist, zu ertragen und, falls er abwesend ist, sein Erscheinen abzuwarten? Mag er rauh, falsch, ungeschlacht, ein Leichtfuß, ein Trunkenbold sein. Was wäre schlimmer als Gift? Und doch flieht es die Muräne im Gatten nicht. Gerufen bleibt sie nicht fern und umfängt in beflissener Liebe die schlüpfrige Schlange. Er [der Gatte] muß das Schlimme an dir und die Unbeständigkeit deiner weiblichen Laune ertragen: du, Weib, wolltest deinen Mann nicht aushalten können? Adam wurde durch Eva verführt, nicht Eva durch Adam. Es ist also nur gerecht, daß das Weib den Mann, den es zur Schuld verleitete, zum Führer nimmt, um nicht wiederum in weibliche Unbeständigkeit zu fallen. Aber er ist so struppig und ungeschlachtet: er hat dir ein für allemal gefallen! Oder ist die Wahl des Mannes öfter zu treffen? Das Rind verlangt nach seinem Jochgenossen und das Pferd ist ihm zugetan, und ob auch an dessen Statt ein neuer tritt, weiß es als Genosse des anderen das Joch nicht mehr zu tragen und dünkt sich nicht mehr ganz: du willst deinen [Ehe]Genossen verschmähen, glaubst ihn oftmals wechseln zu dürfen, führst, wenn er nur einen Tag abwesend ist, hinter seinem Rücken den Nebenbuhler ein und läßt dir ohne weiteres, als wäre der ungewohnte Verkehr ein gewohnter, die Verletzung der Keuschheit zuschulden kommen. Die Viper verlangt nach dem abwesenden Genossen, ruft und lockt den abwesenden mit einschmeichelndem Zischen und speit, sobald sie ihn herankommen sieht, aus Achtung vor dem Gatten, aus Ehrfurcht vor der Ehe das Gift aus: du, Weib, wolltest den Gatten bei der Rückkehr aus der Ferne unter Schmähungen abweisen? Die Viper blickt 181 hinaus auf das Meer, spät nach des Gatten Spur: Du wolltest dem Manne mit Grobheiten den Weg verlegen? Du wolltest des Zankes Gift statt auszuspeien in Wallung setzen? Du wolltest in dem Augenblick, da der Gatte dich umarmen will, aufbrausend tödliches Gift ausspritzen, ohne Ehrfurcht vor der Ehe, ohne Achtung vor dem Gatten?
§ 19
Aber auch du, Mann auch so können wir’s nehmen lege das aufbrausende Wesen im Herzen, deine Schroffheit im Benehmen ab,sooft dir die treubeflissene Gattin entgegenkommt. Fort mit dem Unwillen, wenn die liebenswürdige Gattin dich zur Gegenliebe herausfordert! Nicht Herr, sondern Gemahl bist du; nicht eine Magd, sondern eine Gattin hast du dir heimgeführt; zum Leiter über das schwache Geschlecht wollte Gott dich bestellen, nicht zum Allgewaltigen. Erwidere Aufmerksamkeit mit Aufmerksamkeit, erwidere Liebe mit Liebenswürdigkeit! Die Viper läßt ihr Gift ausfießen: du vermöchtest deine Hartnäckigkeit nicht abzulegen? Doch du besitzest von Natur ein frostiges Wesen: du hast die Pflicht, es in Anbetracht der Ehe zu mildern und sollst aus Ehrfurcht vor ihrem Bande deine rohe Gesinnun ablegen!
Auch so kann man’s fassen; Begehret, Männer, nicht nach fremdem Ehebett, lauert nicht nach fremdem Umgang! Schwer [sündhaft] ist der Ehebruch, eine Verletzung der Natur. Zwei Menschen hat Gott ursprünglich erschaffen, Adam und Eva, d.i. Mann und Weib, und zwar das Weib vom Manne, d.i. von einer Rippe Adams, und er hieß beide in e i n e m Leibe wandeln und in e i n e m Geiste leben. Wie dürftest du die Leibeseinheit trennen. Wie die Geisteseinheit lösen? Eine Schändung der Natur wäre es. Das lehrt der Umgang, nach welchem nicht das in der [gleichen] Art begründete Recht, sondern das Feuer der Begierlichkeit Muräne und Viper verlangen macht. Höret, Männer! Solcher Schlangen Beilager verschafft sich, wer eine fremde Gattin zu beschlafen sucht, solcher Schlange auch gleicht er selbst. Er eilt der Viper entgegen, die nicht auf dem geraden Wege der wahren, sondern auf dem 182 schlüpfrigen Abwege der sinnlichen Liebe in den Schoß des Mannes dringt. Er eilt zu einer, die den Giftzahn füllt gleich der Viper, die nach Beendigung des Beischlafes das Gift, das sie ausgespien hatte, wieder einschlürfen soll. Eine Buhlerin ist eben die Viper. Darum spricht auch Salomo, da auf Wein die Begierlichkeit zu entbrennen pflegt: es werde der Trunkene wie vom Natternbiß aufgebläht und es werde ihm wie von einer Hornschlange Gift durch die Glieder geträufelt. Und daß man erkenne, daß er die Ehebrecherin meinte, fügte er hinzu: „Wenn deine Augen nach einer Fremden blicken, wird dein Mund Verkehrtes reden“.
§ 20
Niemand glaube, wir bewegten uns in Widersprüchen damit, daß wir uns sowohl in Beziehung auf das Gute wie auf das Böse des Beispiels dieser Viper bedienten. Zeitigt doch beides eine Frucht der Belehrung, wenn wir uns schämen, sei es dem Geliebten die Treue nicht zu wahren, dem selbst die Schlange sie wahrt, sei es über den heiligen Ehebund hinweg eine schlüpfrige und verderbliche Verbindung der heilsamen vorzuziehen, wie es jene [Muräne] tut, die sich mit der Schlange vermischt.